Die fast perfekte Jugendbewegung – Seite 1

Beim Sommerkongress von Fridays for Future feiern und diskutieren mehr als tausend Aktivisten. Die Bewegung ist groß geworden. Und genau das sorgt intern für Streit.

Auch bei Fridays for Future läuft nicht alles glatt. Es ist Mittwoch, 19 Uhr, und laut Programm sollte das erste gemeinsame Abendessen schon vorbei sein. Aber die Essensausgabe dauert viel zu lange. Und dann zieht auch noch ein Regenschauer über den Revierpark Wischlingen im Westen Dortmunds. Zuvor hatten die Organisatoren des ersten Sommerkongresses noch Witze gemacht: Es wird nicht regnen, sagten sie. Jetzt drängen sich die Teilnehmerinnen unter den Dachvorsprung eines Gebäudes, das für den Kongress zur Orga-Zentrale umfunktioniert wurde.

Während sie da so stehen und darauf warten, endlich eine Portion Gemüsecurry mit Reis verdrücken zu können, ruft jemand ein Wort: "Kohlekonzerne!" Die anderen wissen, was zu tun ist. Sie kennen den Demospruch. "Kohlekonzerne!", brüllen sie zurück.

"Kohlekonzerne
Baggern in der Ferne
Zerstören unsre Umwelt
Nur für einen Batzen Geld

Worin wir unsre Zukunft sehn:
Erneuerbare Energien.

Das war noch viel zu leise.
Das können wir noch lauter."

Und wieder von vorn. Ein vielstimmiger Kanon schwillt an. Und noch ein Sprechchor: "Klimakrise ist bescheuert. CO2 gehört besteuert!" Ein Vorsprecher nach dem anderen wird heiser.

Tanzende Teilnehmer auf dem Sommerkongress in Dortmund © Sophia Schirmer für ZEIT ONLINE

Eine halbe Stunde später ist der Regen vorbei. Die Rufe der Klimaschützerinnen werden abgelöst von elektronischen Beats, die von der Ladefläche eines Lastenfahrrads schallen. Davor bildet sich ein spontaner Dancefloor, immer mehr Menschen hüpfen, wippen, drehen sich im Takt. Zwei Spaziergänger kommen mit ihren Hunden vorbei, das Gelände des Kongresses ist nicht abgeschlossen. Sie bleiben stehen und zücken das Smartphone.



Seit Mittwochnachmittag ist der Revierpark Wischlingen Schlaf-, Wohn- und Badezimmer von Fridays for Future. 1.450 Aktivistinnen und Aktivisten aus ganz Deutschland sind zum Sommerkongress gekommen, um sich kennenzulernen, weiterzubilden, nach über einem halben Jahr Streik auch mal zu chillen.

Organisiert haben den Kongress die Aktivisten selbst. Er ist ein Sinnbild für das, was aus Fridays for Future geworden ist: eine große, professionelle, laute Gruppe junger Menschen, die sich für eine gemeinsame Überzeugung einsetzen. Doch er ist auch ein Versuch, diese Gruppe zusammenzuhalten. Denn es sind längst nicht alle zufrieden damit, wie sich die Bewegung entwickelt hat.


An einer der regennassen Biertischgarnituren sitzen Rebekka, Benedict, Justus und Zippora. Zwei sind aus Schwäbisch Hall angereist, zwei aus Jena. Alle vier sind gekommen, um sich mit anderen Aktivisten zu vernetzen. Rebekka erzählt, dass sie schon ein paar Leute gesehen hat, die sie von Instagram kennt. Beim Sommerkongress sind auch die bekanntesten Aktivisten von Fridays for Future dabei, Luisa Neubauer zum Beispiel oder Jakob Blasel.

Justus: "Ich finde es schwierig, die Bewegung so an einzelnen Personen auszurichten. Fridays for Future ist nicht dafür da, dass immer dieselben vorne stehen, sondern dafür, die Message rauszubringen."

Rebekka: "Aber die machen ja auch richtig viel."

Zippora: "Trotzdem müssen sie nicht die ganzen Interviews geben. Die organisieren die Streiks ja nicht alleine."

500 Ortsgruppen, alle wollen mitreden

Luisa Neubauer und Jakob Blasel haben die Fridays-for-Future-Bewegung in Deutschland angeschoben. Luisa sprach auf der UN-Klimakonferenz in Katowice im Dezember mit Greta Thunberg, weil sie deren Streikidee nach Deutschland holen wollte, später machte sie die Bewegung durch Auftritte in Talkshows bekannt. Jakob organisierte einen der ersten Schulstreiks in seiner Heimatstadt Kiel, er hatte die Idee, WhatsApp-Gruppen für einzelne Städte einzurichten und eine bundesweite Telefonkonferenz abzuhalten.


Seitdem ist Fridays for Future groß geworden. Nach eigenen Angaben besteht die Bewegung inzwischen aus über 500 Ortsgruppen. Sie agieren weitgehend unabhängig voneinander, werden aber von einer bundesweiten Struktur zusammengehalten: Jede Ortsgruppe entsendet einen Delegierten in die wöchentliche Delegierten-Telefonkonferenz. Dazu gibt es Arbeitsgruppen für Pressearbeit, Forderungen oder die Organisation des Sommerkongresses. Luisa und Jakob spielen auf dieser Bundesebene immer noch eine große Rolle: Luisa gilt für viele nach wie vor als das Gesicht der Bewegung, Jakob hat Kontakte in alle AGs und sagt über sich selbst, er habe eine vermittelnde Position inne, obwohl er dazu nicht offiziell gewählt sei.


"Mittlerweile ist jeder Prozess, jede Entscheidung ein Politikum."
Jakob Blasel

Mit der Größe der Bewegung kam der Einfluss. Aus ein paar streikenden Schülern wurde eine Jugendbewegung, die Politik und Medien ernst nehmen. Doch mit der Größe kam auch der Streit. Hinter den Kulissen von Fridays for Future gibt es Diskussionen und Frust, es geht um Macht und Inhalte. Die Bewegung bringt inzwischen so viele unterschiedliche Menschen zusammen, dass es manchmal nicht gelingt, alle einzubinden.

"Am Anfang musste man sich mit so zehn Leuten absprechen für alles, was passiert ist", sagt Jakob Blasel ein paar Tage vor dem Kongress am Telefon. "Mittlerweile ist jeder Prozess, jede Entscheidung ein Politikum. Das ist spannend und anstrengend zugleich." Jakob ist 18 Jahre alt, hat gerade sein Abitur gemacht und die vergangenen Wochen mit anderen Aktivistinnen in einer ehemaligen Geflüchtetenunterkunft in Dortmund gewohnt, um den Sommerkongress vorzubereiten. Häufig steht er im Zentrum dessen, was er selbst als Politikum bezeichnet.

Streit um Personenkult

Freitag ist Streiktag – auch während des Sommerkongresses. Demozug durch Dortmund © Sophia Schirmer für ZEIT ONLINE

Am 29. Mai, zwei Monate vor dem Sommerkongress, wurde ein anonymer Brief online gestellt und in der Telegram-Gruppe Fridays for Future Germany geteilt. Der Autor oder die Autorin, dem Brief zufolge eine Person aus Köln, formuliert darin 18 Kritikpunkte. Punkt 1: "Personenkult". Es ist ein griffiges, vielleicht übertriebenes Schlagwort für das, was auch am Sommerkongress-Biertisch diskutiert wird. Der Brief kritisiert weiter, dass "einige wenige" Personen mehr Informationen und dadurch auch mehr Einfluss auf die Bewegung hätten, Stichwort: "Wissenshierarchien". Außerdem seien nicht alle Prozesse transparent und nicht alle Entscheidungen basisdemokratisch. Und es gibt auch inhaltliche Vorwürfe: Antikapitalistische Positionen, so heißt es, würden bei Fridays for Future ausgegrenzt.

Viele der Punkte werden auch in einem weiteren offenen Brief genannt, der ebenfalls aus der Ortsgruppe Köln kommt. "Es gibt immer Konflikte in großen Bewegungen", sagt Lili Braun, die sich in Köln um die Pressearbeit kümmert. "Wir klären das jetzt intern." 
Sind die Probleme gelöst?



Eine Aktivistin, die nur anonym sprechen möchte, weil sie Angst hat, sonst nicht mehr bei Fridays for Future mitarbeiten zu können, sagt: nein. Als Beispiel nennt sie ein Detail aus der Organisation des Sommerkongresses: Dafür wurde ein Verein gegründet, organize future! e.V. Er fungiert als offizieller Veranstalter und verwaltet das Konto des Kongresses, so steht es auf der Kongresswebsite. Das sei zwar an sich eine gute Idee, sagt die Aktivistin, nur: Es sei nicht ausreichend kommuniziert worden, dass der Verein gegründet werde und von wem. Weil ein Antrag auf Informationszugang an das Amtsgericht Kiel gestellt wurde, ist die Satzung von organize future! e.V. inzwischen öffentlich. Auch Jakob Blasel hat als Gründungsmitglied unterschrieben.

Das alles sind vereinzelte Stimmen, aber sie sind laut. Wie groß der Streit innerhalb von Fridays for Future tatsächlich ist, lässt sich von außen schwer sagen. Auch weil viele nicht darüber reden wollen, um der Bewegung nicht zu schaden. Auf dem Sommerkongress wird nicht öffentlich über Positionen gestritten. Doch wer genau hinhört, findet dort ebenfalls Menschen, die mit der Bewegung hadern, wenn auch viel leiser.

"Wir sind halt viel weniger Leute."
Justus Heuer, Fridays for Future Thüringen

Einer von ihnen ist Justus Heuer. Er ist 19 Jahre alt und studiert im zweiten Semester Physik in Jena. Wenn er über das Sommerkongress-Gelände streift und sich mit anderen Aktivisten unterhält, dann versucht er auch, Werbung zu machen für eine Aktion, die ihm am Herzen liegt: Am 27. September veranstaltet Fridays for Future Thüringen einen zentralen Klimastreik in Erfurt. Der Termin ist genau einen Monat vor der Landtagswahl, bei der die AfD zweitstärkste Kraft werden könnte.

 Justus wünscht sich, dass der Streik groß wird, dass auch Menschen aus anderen Bundesländern kommen. Und dafür braucht er Unterstützung. Nur: "Es ist schwierig, dass das bei der Bundesebene durchdringt." Zwar kann theoretisch jede Ortsgruppe Themen in die wöchentliche Telefonkonferenz einbringen, dafür müssen sie es aber auf die Tagesordnung schaffen. Und das hat der Klimastreik in Erfurt bisher nicht geschafft. "Aus unserer Perspektive ist es schon so, dass es von der Bundesebene kaum Support für den Osten gibt", sagt Justus, "wir sind halt viel weniger Leute." Also versucht er jetzt einfach selbst, Menschen zum Mitmachen zu animieren.


Die kritischen Stimmen erzählen etwas über die DNA von Fridays for Future: Die Bewegung ist nicht nur schnell gewachsen, sondern auch in viele verschiedene Richtungen. Die Ortsgruppen agieren in unterschiedlichen Kontexten. Die Landtagswahl in Thüringen ist für die Aktivisten in Jena oder Gotha wichtiger als für andere. Die Ortsgruppe Köln versteht unter Basisdemokratie, dass jede Woche ein mehrstündiges Plenum veranstaltet wird, in dem alle Themen ausdiskutiert werden, andere Ortsgruppen tun das nicht.

Nicht nur die Ortsgruppen sind sehr unterschiedlich, sondern auch die Aktivistinnen, die sich bei Fridays for Future engagieren. Auf dem Sommerkongress sieht man Jugendliche mit T-Shirts von der BUND-Jugend, den Grünen und der Antifa. Hier sind Aktivisten, die schon bei den ersten Schülerstreiks im Winter dabei waren, und solche, die ganz neu dazugekommen sind. Manche wollen den Kapitalismus reformieren, andere ihn schnellstmöglich abschaffen. Die Kapitalismuskritiker haben sogar ihre eigene Untergruppe gegründet, oder, wie sie sagen, eine antikapitalistische Plattform innerhalb von Fridays for Future, der Name: Change for Future.

Und diese ganzen unterschiedlichen Menschen wollen mitreden, wie es weitergeht nach den Sommerferien. Wie man sich organisiert und welche Forderung man stellt. Da ist es ganz normal, dass man sich streitet.

Das sagt auch Jakob Blasel. "Ich glaube, dass Kritik zur Weiterentwicklung total wichtig ist. Ich kenne keine einzige Bewegung, die nicht solche Diskussionen hatte oder hat." Er streitet zwar viele der Vorwürfe ab, die Gründung von organize future! e.V. zum Beispiel sei "sehr transparent" gewesen. Doch auch unabhängig von offenen Briefen und der Kritik einzelner Personen stehe eine so große Bewegung wie Fridays for Future vor der Herausforderung, "dass alle zufrieden sind und dass alle sich wertgeschätzt fühlen", sagt Jakob. Und da könne der Sommerkongress helfen.

Leichen-Aktion vor der Deutschen Bank

Nach der Demo gibt es verschiedene Aktionen in der Stadt, unter anderem ein sogenanntes Die-in vor der Deutschen Bank. © Sophia Schirmer für ZEIT ONLINE

Der Kongress soll die Teilnehmerinnen weiterbringen, ihnen in Dutzenden Workshops und Panels Wissen und Fähigkeiten vermitteln – über die Klimakrise, aber auch darüber, wie man eine Pressemitteilung schreibt, sich auf ein Interview vorbereitet, ein Plenum moderiert oder eine Rede hält. Genau dieses Skillsharing wird in den offenen Briefen gefordert. Außerdem soll der Sommerkongress einen Raum bieten, um sich nach Monaten in WhatsApp-Chats und Telefonkonferenzen persönlich kennenzulernen, zu diskutieren, eine gemeinsame Aktion zu planen – "einfach die Bewegung enger zusammenbringen, damit alle inspirierter und motivierter rausgehen", sagt Jakob.

Die Teilnehmerinnen schlafen zusammen in Zelten, die nach aussterbenden Tierarten benannt sind. Sie machen morgens Yoga, spülen ihr mitgebrachtes Geschirr in großen Wannen, spielen Frisbee und Basketball, tanzen bei Konzerten von Makeda und Brass Riot.

Und sie lassen sich von Promis feiern. Auf der großen Wiese im Revierpark stehen, sitzen, liegen Hunderte junge Menschen. Oben auf der Bühne spricht der Arzt und Moderator Eckart von Hirschhausen, er ist schon länger Unterstützer von Fridays for Future. "Ich bin hier, um euch zu sagen: Danke, dass ihr das macht!", ruft von Hirschhausen ins Mikrofon. Eine Sache ist ihm besonders wichtig: "Bitte streitet euch, aber lasst euch nicht auseinandertreiben." Kurz darauf steht der Moderator Joko Winterscheidt an derselben Stelle und sagt im Prinzip das Gleiche: "Ich verneige mich vor euch und habe den allergrößten Respekt." Und: "Ihr seid eine so unfassbare Einheit."

Eigentlich braucht die Bewegung keine prominenten Köpfe, die ihren Zusammenhalt beschwören. Denn egal ob man die fragt, die in der Fridays-for-Future-Hierarchie oben stehen, oder die, denen diese Hierarchie auf die Nerven geht: Am Ende wollen alle das Gleiche – die Klimakrise stoppen, den Planeten retten, die Politik zwingen, endlich das 1,5-Grad-Ziel einzuhalten.

Freitag ist Streiktag

Am Freitagmorgen um Viertel nach neun spuckt der Haupteingang des Dortmunder Hauptbahnhofs einen Schwall Jugendliche mit Plakaten und Fridays-for-Future-Flaggen aus. Sie sind die zwei S-Bahn-Stationen vom Revierpark Wischlingen hergefahren, um zu demonstrieren. Denn Freitag ist Streiktag. Drüben auf der anderen Straßenseite haben sich schon ein paar Menschen versammelt. Ein blonder Junge brüllt herüber: "What do we want?" Die Menge brüllt zurück: "Climate justice!"


Die Sprechgesänge hallen jetzt auch durch die Dortmunder Innenstadt. Die Streikenden ziehen zum Platz der Alten Synagoge. Ganz vorn trägt eine Gruppe ein riesiges Banner: "Sagt es allen Leuten, streikt am 20.9." steht darauf. Fridays for Future will heute auch auf den Generalstreik im September aufmerksam machen, zu dem Greta Thunberg aufgerufen hat.

Am Anfang und am Ende der Demo spielt die Band Brass Riot für die Aktivisten. Nach dem letzten Lied zerteilt sich die Menge, kleine Gruppen ziehen in unterschiedliche Richtungen davon.

Ein paar Aktivistinnen haben sich rot-weißes Absperrband um die Köpfe gebunden, sie bleiben vor dem Gebäude der Deutschen Bank stehen. Erst lässt sich eine Person auf den Boden fallen, dann noch eine, und noch eine, am Ende liegen sechs Menschen auf dem Gehsteig. Auf einem rot angemalten Karton steht: "Here is a crime scene". Ein Aktivist liest eine Anklageschrift von seinem Smartphone ab. Der Deutschen Bank werden klimaschädliche Investitionen vorgeworfen: in Tiefseebohrung, in Pipelinebau, in Atomwaffen. 
Zwei Sicherheitsmänner in dunklen Anzügen schauen mit versteinerten Gesichtern zu.

Eine ältere Frau mit Sonnenhut ruft nach jedem Punkt: "Pfui!" Dann sagt sie: "Ich habe lange auf euch gewartet."