Freitag ist Streiktag – auch während des Sommerkongresses. Demozug durch Dortmund © Sophia Schirmer für ZEIT ONLINE

Am 29. Mai, zwei Monate vor dem Sommerkongress, wurde ein anonymer Brief online gestellt und in der Telegram-Gruppe Fridays for Future Germany geteilt. Der Autor oder die Autorin, dem Brief zufolge eine Person aus Köln, formuliert darin 18 Kritikpunkte. Punkt 1: "Personenkult". Es ist ein griffiges, vielleicht übertriebenes Schlagwort für das, was auch am Sommerkongress-Biertisch diskutiert wird. Der Brief kritisiert weiter, dass "einige wenige" Personen mehr Informationen und dadurch auch mehr Einfluss auf die Bewegung hätten, Stichwort: "Wissenshierarchien". Außerdem seien nicht alle Prozesse transparent und nicht alle Entscheidungen basisdemokratisch. Und es gibt auch inhaltliche Vorwürfe: Antikapitalistische Positionen, so heißt es, würden bei Fridays for Future ausgegrenzt.

Viele der Punkte werden auch in einem weiteren offenen Brief genannt, der ebenfalls aus der Ortsgruppe Köln kommt. "Es gibt immer Konflikte in großen Bewegungen", sagt Lili Braun, die sich in Köln um die Pressearbeit kümmert. "Wir klären das jetzt intern." 
Sind die Probleme gelöst?



Eine Aktivistin, die nur anonym sprechen möchte, weil sie Angst hat, sonst nicht mehr bei Fridays for Future mitarbeiten zu können, sagt: nein. Als Beispiel nennt sie ein Detail aus der Organisation des Sommerkongresses: Dafür wurde ein Verein gegründet, organize future! e.V. Er fungiert als offizieller Veranstalter und verwaltet das Konto des Kongresses, so steht es auf der Kongresswebsite. Das sei zwar an sich eine gute Idee, sagt die Aktivistin, nur: Es sei nicht ausreichend kommuniziert worden, dass der Verein gegründet werde und von wem. Weil ein Antrag auf Informationszugang an das Amtsgericht Kiel gestellt wurde, ist die Satzung von organize future! e.V. inzwischen öffentlich. Auch Jakob Blasel hat als Gründungsmitglied unterschrieben.

Das alles sind vereinzelte Stimmen, aber sie sind laut. Wie groß der Streit innerhalb von Fridays for Future tatsächlich ist, lässt sich von außen schwer sagen. Auch weil viele nicht darüber reden wollen, um der Bewegung nicht zu schaden. Auf dem Sommerkongress wird nicht öffentlich über Positionen gestritten. Doch wer genau hinhört, findet dort ebenfalls Menschen, die mit der Bewegung hadern, wenn auch viel leiser.

"Wir sind halt viel weniger Leute."
Justus Heuer, Fridays for Future Thüringen

Einer von ihnen ist Justus Heuer. Er ist 19 Jahre alt und studiert im zweiten Semester Physik in Jena. Wenn er über das Sommerkongress-Gelände streift und sich mit anderen Aktivisten unterhält, dann versucht er auch, Werbung zu machen für eine Aktion, die ihm am Herzen liegt: Am 27. September veranstaltet Fridays for Future Thüringen einen zentralen Klimastreik in Erfurt. Der Termin ist genau einen Monat vor der Landtagswahl, bei der die AfD zweitstärkste Kraft werden könnte.

 Justus wünscht sich, dass der Streik groß wird, dass auch Menschen aus anderen Bundesländern kommen. Und dafür braucht er Unterstützung. Nur: "Es ist schwierig, dass das bei der Bundesebene durchdringt." Zwar kann theoretisch jede Ortsgruppe Themen in die wöchentliche Telefonkonferenz einbringen, dafür müssen sie es aber auf die Tagesordnung schaffen. Und das hat der Klimastreik in Erfurt bisher nicht geschafft. "Aus unserer Perspektive ist es schon so, dass es von der Bundesebene kaum Support für den Osten gibt", sagt Justus, "wir sind halt viel weniger Leute." Also versucht er jetzt einfach selbst, Menschen zum Mitmachen zu animieren.


Die kritischen Stimmen erzählen etwas über die DNA von Fridays for Future: Die Bewegung ist nicht nur schnell gewachsen, sondern auch in viele verschiedene Richtungen. Die Ortsgruppen agieren in unterschiedlichen Kontexten. Die Landtagswahl in Thüringen ist für die Aktivisten in Jena oder Gotha wichtiger als für andere. Die Ortsgruppe Köln versteht unter Basisdemokratie, dass jede Woche ein mehrstündiges Plenum veranstaltet wird, in dem alle Themen ausdiskutiert werden, andere Ortsgruppen tun das nicht.

Nicht nur die Ortsgruppen sind sehr unterschiedlich, sondern auch die Aktivistinnen, die sich bei Fridays for Future engagieren. Auf dem Sommerkongress sieht man Jugendliche mit T-Shirts von der BUND-Jugend, den Grünen und der Antifa. Hier sind Aktivisten, die schon bei den ersten Schülerstreiks im Winter dabei waren, und solche, die ganz neu dazugekommen sind. Manche wollen den Kapitalismus reformieren, andere ihn schnellstmöglich abschaffen. Die Kapitalismuskritiker haben sogar ihre eigene Untergruppe gegründet, oder, wie sie sagen, eine antikapitalistische Plattform innerhalb von Fridays for Future, der Name: Change for Future.

Und diese ganzen unterschiedlichen Menschen wollen mitreden, wie es weitergeht nach den Sommerferien. Wie man sich organisiert und welche Forderung man stellt. Da ist es ganz normal, dass man sich streitet.

Das sagt auch Jakob Blasel. "Ich glaube, dass Kritik zur Weiterentwicklung total wichtig ist. Ich kenne keine einzige Bewegung, die nicht solche Diskussionen hatte oder hat." Er streitet zwar viele der Vorwürfe ab, die Gründung von organize future! e.V. zum Beispiel sei "sehr transparent" gewesen. Doch auch unabhängig von offenen Briefen und der Kritik einzelner Personen stehe eine so große Bewegung wie Fridays for Future vor der Herausforderung, "dass alle zufrieden sind und dass alle sich wertgeschätzt fühlen", sagt Jakob. Und da könne der Sommerkongress helfen.