Hunderttausende demonstrieren in Hongkong für Demokratie. Der 22-jährige Joshua Wong ist der bekannteste Aktivist der Bewegung. Was treibt ihn an?

Wer will ich sein?

Dieses Portrait von Joshua Wong ist vor seiner Festnahme an diesem Freitag erstmals veröffentlicht worden.

Joshua Wong reicht eine Alu-Leiter, um zu den Massen von Protestierenden sprechen zu können. In T-Shirt und kurzer Hose klettert Hongkongs bekanntester Aktivist für Demokratie einige Stufen nach oben. Einen guten Meter ragt der 22-Jährige so aus der Menschenmenge im Hongkonger Einkaufsviertel Causeway Bay. Es ist der 1. Juli – der 22. Jahrestag von Hongkongs Ende als britische Kolonie. Ein Tag des Protestes gegen die neue Herrschaft aus Peking.

Am 1. Juli 1997 wurde Hongkong zur chinesischen Sonderverwaltungszone. Die Regierung in Peking versprach den Hongkongern damals, zumindest für die nächsten 50 Jahre ihre Freiheiten behalten zu dürfen – gemäß dem Slogan: "Ein Land, zwei Systeme". Längst jedoch denken viele, dass die Kommunistische Partei dieses Versprechen in immer mehr Punkten bricht. Deshalb demonstrieren Demokratieaktivisten am 1. Juli regelmäßig für ihre Freiheitsrechte. In diesem Jahr hat die Kundgebung besonders großen Zulauf. Denn die Menschen in Hongkong sind ohnehin schon seit Wochen auf der Straße, aus Protest gegen ein Auslieferungsgesetz, das der Justiz auf dem chinesischen Festland Zugriff auf Menschen in Hongkong ermöglichen würde.

Alle in Hongkong kennen ihn

Auch am 1. Juli geht es deshalb darum, den zunehmenden Einfluss der chinesischen Führung auf Hongkong zurückzudrängen. Dieser zeigte sich in den vergangenen Jahren unter anderem in der Entführung chinakritischer Buchhändler, die plötzlich am chinesischen Festland wieder auftauchten – oder in der Vorauswahl der Kandidaten für Hongkongs Regierungsspitze, die in Peking getroffen wird. 

Wong, Politikstudent an der Hongkonger Open University und eigentlich ein unscheinbarer junger Mann, hat mit seiner Partei Demosisto ("Steh für das Volk") einen kleinen Stand an der Demonstrationsroute aufgebaut. In der linken Hand hält er ein drahtloses Mikrofon. An der rechten zerren Demonstranten, die sich um seine Leiter drängen, um den Mann, der trotz seiner Jugend schon lange zum Gesicht der Hongkonger Freiheitsbewegung geworden ist, wenigstens einmal kurz berühren zu können.  

Am 1. Juli läuft alles aus dem Ruder.

Alle in Hongkong kennen Joshua Wong. Schon vor fünf Jahren hatte er bei den sogenannten Regenschirmprotesten Zehntausende Schüler und Studenten mobilisiert. Unter dem Schlagwort Occupy Central ging es um ihren Wunsch nach mehr Demokratie und darum, den Regierungschef Hongkongs frei wählen zu dürfen. Bislang entscheidet ein Wahlkomitee, das sich vor allem nach den Wünschen Pekings richtet. Dabei sieht der schmächtige Wong mit seiner Brille und seinem zarten Flaum auf der Oberlippe durchaus nicht so aus, als könnte er der Weltmacht China gefährlich werden. Die Weltöffentlichkeit sieht in ihm deshalb einen David im Kampf gegen Goliath. Dass er so bekannt ist, nutzt Wong nun erneut, um in Interviews und in sozialen Medien weltweit für Unterstützung für die Hongkonger Aktivisten zu werben. 

Besonders, weil schon kurz nach Beginn der neuerlichen Proteste am 1. Juli alles aus dem Ruder läuft. Denn nach einem friedlichen Beginn stürmen in der Nacht junge Demonstranten das Parlamentsgebäude. Und zwar ohne, dass die Polizei etwas unternimmt. Sie zertrümmern Glasscheiben, sprühen Graffiti an die Wände und demolieren Computermonitore. Der Schaden wird auf mehr als eine Million Dollar beziffert. Am Morgen danach beklagt die bei den Demonstranten verhasste Regierungschefin Carrie Lam, die das umstrittene Auslieferungsgesetz vorangetrieben hatte, die "extreme Gewaltanwendung". Viele Aktivisten haben das Gefühl, in eine Falle getappt zu sein: Hat die Polizei sich in der Nacht absichtlich herausgehalten, damit Bilder von Chaos und Zerstörung die friedlichen Proteste Hunderttausender überschatten? New York Times, Wall Street Journal, Financial Times – die internationalen Zeitungen, die es in Hongkong zu kaufen gibt, zeigen an diesem Morgen den Einbruch in das Parlament auf ihren Titelseiten.

Wongs Erklärung

Wong weiß, welchen Einfluss solche Bilder haben. Und er weiß auch, wie wichtig die Unterstützung der Welt immer wieder für Aktivisten in Sachen Demokratie ist.

Deshalb will er nun unbedingt verhindern, dass sich bei der Weltöffentlichkeit dieses Bild von Gewalt und Chaos festsetzt. Allein an diesem Morgen verfasst er 29 Tweets, um zu erklären, wie es so weit kommen konnte: Er schreibt von den vielen friedlichen Protesten der vergangenen Wochen gegen das Auslieferungsgesetz. Er beklagt, die Regierung habe auf den Widerstand aus der Bevölkerung mit Polizeigewalt reagiert und auch nach wochenlangem Druck nur Scheinzugeständnisse gemacht. Die Demonstranten seien frustriert – und genau darin sehe er eine Erklärung für die Eskalation: "Das waren keine Randalierer. Sie waren nicht gewalttätig", schreibt er. "Sie wollten, dass das Regime die Stimme der Hongkonger hört und sahen keine andere Möglichkeit." 

Wong will sichergehen, dass die Welt diese Botschaft hört: 40 Interviews gibt er an diesem 2. Juli, wie ein Lokalreporter berichtet. Wong kann in diesem Moment seine Stärke als begnadeter Kommunikator mit enormer Ausdauer voll ausspielen. Weil ihm Ermüdungserscheinungen fremd zu sein scheinen, nennen ihn seine Mitstreiter "den Roboter". Fragen beantwortet er mit der Routine eines altgedienten Pressesprechers. Wong ist jung, aber er hat Erfahrung.