Alle streamen, eine zahlt: Nach zwei Jahren hat unsere Autorin genug davon. Warum man sich wirklich nie mit seinen Freunden ein Netflix-Abo teilen sollte. Eine Abrechnung

Die Solidarität starb an einem Donnerstag. Noch vor meinem ersten Kaffee saß ich an meinem Laptop. Wichtige Dinge, die man lange vor sich herschiebt, Zahnarztbesuche, Anrufe bei Banken oder das Kündigen von Verträgen, erledigt man am besten direkt nach dem Aufstehen. Am Ende dauerte es bloß vier Klicks und ich hatte endlich beendet, was mich schon lange gequält hatte: unser Gruppen-Netflix-Abo.

Dabei hatten wir eigentlich eine schöne Zeit miteinander verbracht. Waren die Tage kalt, gruselte ich mich bei The OA. Waren sie warm, entdeckte ich die Welt von Stranger Things. Abends schlief ich bei Blue Planet mit der beruhigenden Stimme von David Attenborough ein. Am Wochenende schaute ich, am liebsten verkatert, die alten Folgen von Gilmore Girls, Modern Family oder Sherlock.

Und weil es mit Glück eben so ist, dass es immer noch viel größer wird, wenn man es mit anderen teilt, entdeckt man auch den schwarz-roten Planeten besser nicht allein. Serien machen auch deshalb so viel Spaß, weil wir uns so gerne über sie unterhalten. Außerdem ist der Deal fair. Bist du allein, zahlst du für dein Netflix-Abo 7,99 Euro. Buchst du zu viert, sind es nur 15,99. Nur, weil – das rechnet schon das Grundschulkind – 15,99 Euro durch vier knapp vier Euro macht. Bis vor ein paar Monaten kostete das Gruppen-Abo (das man sich, ja ja, streng genommen nur innerhalb eines Haushalts teilen darf) sogar nur 13,99 Euro – also 3,50 Euro pro Person.

Wir wurden eine Solidargemeinschaft des Streamens

Vor drei Jahren hatte ich noch ein Basis-Abo, mit dem nur ich schauen konnte, doch ein Jahr später bekamen dann nach und nach auch meine Schwester, meine alte Mitbewohnerin und meine beste Freundin mein Netflix-Passwort. Ist doch so viel günstiger für alle! Wir wurden eine Solidargemeinschaft des Streamens, deren gemeinsamer Mitgliedsbeitrag allerdings ausschließlich von meinem Girokonto abgebucht wurde. Zunächst zahlte jede der anderen ihren Anteil sofort. Und auch wenn sie es alle auf unterschiedlichen Wegen taten, in bar, über PayPal, oder gegen Bier, war ich zufrieden.

Ich hätte damals natürlich schon ahnen können, dass das auf Dauer nicht funktionieren wird. Netflix erinnert seine Nutzer nicht daran, dass sie der Hauptabonnentin mal wieder ihren Anteil überweisen sollten. Das muss sie schon selber machen. Doch ich traute mich nicht, den einen Satz zu sagen: WO IST EUER DAUERAUFTRAG, FREUNDE! ICH WARTE!!!

Es gibt Memes im Internet, die sich über Menschen wie mich lustig machen:

"Netflix erhöht bald die Preise für alle Kunden, 1 von 4 Nutzern ist betroffen"
"Friend: Can I use your Netflix? – It's not my account. – Who's account is it? – I know a guy who knows a guy ..."
"To the person who actually pays for Netflix while the rest of us use their account – We salute you"

Einmal prahlte eine ehemalige Arbeitskollegin vor einer anderen Kollegin, dass sie noch nie in ihrem Leben selbst für eine Streaming-Plattform gezahlt hätte. Sie selbst hält sich übrigens für eine solidarische Person, weil sie mit ihren Mitbewohnern ihr Essen teilt und ihre Klamotten fast ausschließlich secondhand kauft.

Ich könnte – mit Verlaub – kotzen, wenn ich so etwas höre. Sich auf Kosten anderer einen Vorteil zu verschaffen ist alles andere als cool oder unangepasst. Es ist das Letzte.