Filmt oder fotografiert jemand heimlich den Intimbereich unter dem Kleid, spricht man von Upskirting. In Deutschland ist das keine Straftat. Die Regiestudentin Hanna Seidel und die TV-Redakteurin Ida Sassenberg haben deshalb im April dieses Jahres die Onlinepetition Verbietet #Upskirting in Deutschland! gestartet. Inzwischen hat sie über 77.000 Unterschriften. Am Freitag treffen sich Hanna und Ida mit dem baden-württembergischen Justizminister Guido Wolf in Stuttgart. Baden-Württemberg und einige weitere Bundesländer wollen einen Gesetzesentwurf vorlegen, der das Upskirting zu einer Straftat macht.

ZEIT Campus ONLINE: Kann man sich momentan wirklich gar nicht wehren, wenn man unter dem Rock fotografiert wird? 

Hanna Seidel: Es ist ziemlich schwierig. Der Paragraph zu sexueller Belästigung greift bei Upskirting momentan nicht. Opfer können sich theoretisch vor Gericht auf Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahme berufen. Aber das geht nur, wenn das Bild in privaten oder geschlossenen Räumen entstand: etwa zu Hause oder in einer Umkleidekabine. Die meisten Täter fotografieren aber auf offener Straße. Sie wegen Beleidigung dranzukriegen ist ebenfalls nicht einfach. 2013 gab es zum Beispiel den Fall eines Bürgermeisters aus Bayern: Die Polizei erwischte ihn dabei, wie er auf einer Rolltreppe einer Frau in den Schritt fotografierte und fand knapp 100 solcher Bilder bei ihm. Er wurde am Ende aber nicht nach dem Strafrecht verurteilt, sondern nur wegen einer Ordnungswidrigkeit: Belästigung der Allgemeinheit. Dafür musste 750 Euro Strafe zahlen. Das ist wirklich ein Witz.

"Ich finde das Wort Upskirting zu verharmlosend. Es hört sich an wie ein Modetrend."

ZEIT Campus ONLINE: Einige Bundesländer bereiten nun einen Gesetzesentwurf vor, um Upskirting zu verbieten. Was haltet ihr davon? 

Hanna: Wir freuen uns darüber, dass die Politik das Problem erkannt hat. Aber wir sind noch skeptisch, was die Umsetzung angeht. Wir befürchten, dass Politikerinnen und Politiker gegen das Upskirting vorgehen, indem sie das Gesetz zur Verletzung des persönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahme ausweiten. Und zwar so, dass das Fotografieren und Filmen unter die Röcke auch dann eine Straftat ist, wenn es im öffentlichen Raum passiert. Aber das ist nicht genug.

Hanna Seidel, 28, studiert Werberegie an der Filmakademie Baden-Württemberg. Zusammen mit der TV-Redakteurin Ida Sassenberg, 25, startete sie im April dieses Jahres eine Onlinepetition gegen Upskirting. © Simona Bednarek

ZEIT Campus ONLINE: Was fordert ihr?

Hanna: Wir wollen, dass Upskirting als sexuelle Belästigung zählt. Auch der Deutsche Juristinnenbund, mit dem wir im Austausch stehen, empfiehlt das.

ZEIT Campus ONLINE: Warum ist das so wichtig?

Hanna: Das Strafmaß für die beiden Delikte ist zwar ähnlich: bis zu zwei Jahren Haft. Aber ich finde, dass heimlich im Intimbereich fotografiert zu werden ein krasser Eingriff in die sexuelle Selbstbestimmung ist. Darüber wollen wir heute mit dem baden-württembergischen Justizminister Guido Wolf reden. Bis jetzt haben nicht viele Politiker mit uns gesprochen, nur Nicole Bauer von der FDP. Bei dem Gesetzesentwurf der Bundesländer wirken wir nicht mit. Guido Wolf ist bis jetzt der erste Landesjustizminister, der zu einem Gespräch bereit ist.

ZEIT Campus ONLINE: Was wollt ihr ihm sagen?

Hanna: Wir werden uns dafür einsetzen, dass man Fotografieren unter Röcke auf keinen Fall wie ein Kavaliersdelikt behandelt. Ich finde sogar das Wort Upskirting zu verharmlosend. Es hört sich an wie ein Modetrend. Als mir unter den Rock fotografiert wurde, habe ich mich unfassbar schmutzig gefühlt. Der Gedanke, dass jemand die Fotos zur sexuellen Erregung benutzt, ist sehr beklemmend.

ZEIT Campus ONLINE: Du sprichst also aus eigener Erfahrung.

Hanna: Das erste Mal kam ich mit Upskirting mit 13 Jahren in Berührung, auf einer Klassenfahrt. In der Schullandheimdisco mit anderen Schulklassen habe ich mit Freundinnen auf einer Art Podest getanzt. Später sagte uns eine Lehrerin bei einer Klassenkonferenz, dass bekannt geworden sei, dass ein Lehrer einer anderen Schule unter die Röcke gefilmt habe. Danach habe ich aber nie wieder etwas davon gehört. Um ehrlich zu sein hat mich das Thema als Teenager auch absolut überfordert und ich habe nicht weiter nachgefragt. Das zweite Mal war mit 16. Ich war auf einem Festival, es war sehr heiß und ich trug einen Faltenrock. Die Freundin, die neben mir stand, sagte: Jemand hält dir gerade etwas zwischen die Beine. Ich habe mich umgedreht und gerade noch gesehen, wie ein Mann in Springerstiefeln die Hand mit einer Kamera wegzieht.