Sie sind 17, 18, 19, haben ihr Abi und müssen nun allein erwachsen werden. Damit das nicht so wehtut, machen sie noch eine Reise gemeinsam: an den Strand von Novalja.

Dieser Artikel ist Teil des ZEIT-ONLINE-Schwerpunktes "Jung und Alt" aus unserem Ressort X. Eine Auswahl weiterer Schwerpunkte finden Sie hier.

Jetzt ist es auch egal, ob sie in den Busch pinkeln. Findet Leo. Eben hat sie an der Glastür der Schule gerüttelt, um drinnen auf die Toilette zu gehen, aber die Schule ist schon zu. Es ist Nachmittag. Leo ist so oft durch diese Glastür gegangen, so oft auf diese Toiletten, doch für heute ist der Unterricht vorbei, die Schüler sind weg. Und Leo muss. "Lass uns doch einfach in den Busch gehen", sagt sie zu den anderen Mädchen. "Auf keinen Fall", sagen die anderen, weil man den Busch, den Leo meint, ganz gut einsehen kann von der Straße und von den Häusern. Leo geht trotzdem. Sie ist keine Schülerin mehr. Das Abi nehmen sie ihr jetzt nicht mehr weg. Diese Schule, diese Straße, diese Glastür und diese Toiletten und auch die Büsche muss sie nie mehr wiedersehen.

Die Leute, mit denen sie zur Schule gegangen ist, mit denen ist das natürlich anders. Die will sie wiedersehen, am liebsten oft. Eigentlich wollen sie einander gar nicht loslassen. Und deshalb stehen sie jetzt gemeinsam auf dem Parkplatz vor ihrem Gymnasium, die Mädchen in schwarzen Leggins und weiten T-Shirts, die Jungs in kurzen Jogginghosen und weiten T-Shirts, weil sie gleich alle in einen Reisebus steigen, und weil man sich in Reisebussen bequem anzieht.

Sie alle, 34 Abiturienten aus Karlsruhe, haben eine "Abifahrt" gebucht. Eine Woche Pauschalurlaub, mit Anreise, Unterkunft und Partys, in einem Ort an der Küste von Kroatien: Novalja.

Nach acht Jahren Schule, nach dem Ende ihrer Kindheiten, nach ihrer Angst vor schlechten Noten, nach ihrer ersten Party, nach ihrem ersten Verliebtsein, nach all diesen Sachen, die man nur einmal zum ersten Mal macht und die sie alle zusammen gemacht haben, ist dieser Urlaub ihr letztes gemeinsames Erlebnis. Danach machen sie alles alleine, jeder für sich. Doch bevor man einander loslassen kann, muss man sich manchmal ganz besonders festhalten.

Ungefähr vor 15 Jahren haben Reiseveranstalter Abireisen erfunden. Standardziele sind Lloret de Mar und Calella in Spanien. Dort ist es inzwischen so überlaufen, dass die Veranstalter sich neue Orte gesucht haben. In Novalja gibt es einen Strand und Clubs und Fressstände. Sonst nicht so viel. Aber was braucht man schon, wenn man nur zusammen sein will? Wenn man 18 ist und endlich alle unnötigen Fakten vergessen darf, die man im Chemie-Unterricht gelernt hat? Wenn man zwar wenig Geld hat, dafür aber viel Stress aushält. Zum Beispiel eine 20-stündige Busfahrt.

Die vorderste Reihe, immer zuerst belegt © Anna Tiessen für ZEIT ONLINE

Der Bus kommt anderthalb Stunden zu spät, weil er vorher andere Gruppen abgeholt hat aus anderen Orten in Deutschland.  Anderthalb Stunden, die sie in der Sonne gesessen haben, auf ihren riesigen Hartschalenkoffern, die eher nach Auslandsjahr aussehen als nach Sommerurlaub. Sie haben gewartet und sich Geschichten vom Abiball erzählt, der vor zwei Tagen war: wer wie lange gefeiert hat und wer wo geendet ist. Jetzt sagt der Reiseleiter, dass sie ihre Ausweise zeigen sollen, der Fahrer öffnet das Gepäckfach. Sie stehen Schlange, sie drängeln, um schneller in den Bus zu kommen, obwohl es klar ist, wer gleich wo sitzen wird. An der Bustür ein Hinweis: "Keine alkoholischen Getränke über 20%".

Der Bus riecht ein bisschen nach Muff und ein bisschen nach Duftbaum, die Sitze sind aus Plastik oder aus Leder, wahrscheinlich eher aus Plastik. An den Scheiben kleben der Atem und der Schweiß derjenigen, die vorher hier gesessen haben. Vicki holt ein Hygienetuch raus und wischt die Scheibe ab, an die sie sich gleich lehnen will. Hinten im Bus, wo Liam sitzen und Elisabeth und Zoe und Lena und Sara und Artur, liegen Taschen im Gang, Rucksäcke und Bluetoothboxen, wie eine Mauer. In der Mitte haben Rosa und Vicki und Leo und Milena jeder zwei Sitze für sich, auf denen Daunenkissen lagern und Packungen voller Snacks. Und ganz vorne sitzen Nina und Aylin und Franziska und Jelena nebeneinander und finden die Fahrt nach ein paar Stunden schon schrecklich langweilig. Kurz vor der Schweizer Grenze wird noch eine weitere Gruppe zusteigen.

Die Menschen, die in diesem Text vorkommen, tragen andere Vornamen als in der Realität. Sie haben darum nicht gebeten, sie haben keine Bedingungen gestellt. Aber sie sind 17, 18, 19 Jahre alt und nicht alles, was sie hier sagen und tun, werden sie für immer im Internet lesen wollen. Heute sind sie Abiturienten. Nach dieser Fahrt werden sie Studenten sein und Azubis, Freiwilligendienstler und Weltreisende. Später werden sie vielleicht Anwältinnen und Ärzte und Architektinnen. Manches, was sie heute gut finden, wird ihnen später einmal peinlich sein und manches, was sie heute peinlich finden, wird ihnen später einmal nichts mehr ausmachen. In diesem Text werden sie sich selbst wiedererkennen können, ihre Freunde werden sie wiedererkennen können. Das reicht.

Es ist übrigens immer noch so: dass vorne im Bus die sitzen, die ihre Ruhe haben wollen. In der Mitte die Mädchen, die immer Taschentücher dabeihaben und Kaugummis und Obst und so hübsch sind, dass es fast komisch ist: wie so viele Mädchen gleichzeitig so hübsch sein können. Und ganz hinten die Lässigen, die Rap aus Bluetooth-Boxen hören, sie will Liebe und keine Liebe von mir, was willst du wissen von mir, ich will nur ficken mit dir, und von denen einer noch vor der italienischen Grenze kotzen wird, zum Glück in eine Tüte. Reisebusse führen zu dieser Einteilung, das ist wie Magie, seit Jahrzehnten funktioniert das so.

Die letzten großen Ferien © Anna Tiessen für ZEIT ONLINE

Alle denken ja im Moment über die Jugend nach. Warum die Jugend protestiert, ob die Jugend protestieren soll oder lieber nicht. Welche Drogen die Jugend nimmt und warum. Die eigene Jugend im Vergleich zur heutigen Jugend. Und das liegt wahrscheinlich daran, dass jeder sich daran erinnern kann, wie das war: 17, 18, 19 Jahre alt zu sein. Jeder lädt seine Jugend mit den tiefsten Gefühlen auf, mit der höchsten Erregung und den dümmsten Experimenten.

Die Sache ist: Wenn man jung ist, weiß man das noch nicht. Dass man irgendwann an einem Esstisch sitzen wird in einer Wohnung, für die man die Miete selbst zahlt, und plötzlich fällt einem dieses Bauchkribbeln von damals ein. Als wir zwei Stunden lang an der Schnellstraße entlang nach Hause gelaufen sind. Als du der Neuen von deinem Ex eine Ohrfeige gegeben hast. Als ich mich auf dem Festival in diesen Jungen mit den schiefen Zähnen verliebt habe.

Erst wenn man älter wird, versteht man, wie aufregend das war. Und erst wenn man älter wird, versteht man, welche Fehler man gemacht hat. Dass es unmöglich gewesen wäre, diese Fehler nicht zu machen. Dass man also noch hunderttausend Fehler im Leben machen wird, ohne es verhindern zu können. Deshalb ist über die Jugend nachzudenken immer auch ein bisschen so, als würde man über den Tod nachdenken. Über alle Sachen, die man im Leben noch bereuen wird, weil man es nicht besser wusste. Nicht besser wissen konnte. Und über alle Erinnerungen, die man für immer festhalten möchte. Oder die man endlich loslassen will. Oder beides.

Um 3.45 Uhr hat sich Tau über die Reisegruppe gelegt. Dieser Schweiß, den man nur schwitzt, wenn man mit 50 anderen Leuten in einem Bus einschläft, in dem es stickig und warm ist, und nachts friert man trotzdem. Es ist ganz still im Bus. "So eine ruhige Gruppe hatte ich noch nie", sagt der Reiseleiter, der nicht weiß, dass jemand Haschkekse dabeihatte und viele ein kleines bisschen breit sind.

Bis Liam Musik anmacht.

Wir tanzen im Viereck dröhnt von den hinteren Plätzen nach vorne durch den Bus, so laut, dass man wach werden muss. Alle tun so, als würden sie weiterschlafen. Einfach ignorieren. "Gleich findet er es selbst nicht mehr lustig", sagt Lena. Ist nicht so. Gleich kommt Rainbow High In The Sky: "I wanna see you and me on the bird flying away / and then I want to see you smile every night and day." "Das ist so fucking rücksichtslos", schreit Jill. Vicki sagt: "Ich will nach Hause." Jill sagt: "Wir wollen das jeden Tag in Novalja machen, warum denn jetzt?" Wenn schon Terror, wenn schon laut sein, finden sie, dann doch nicht alleine, also nur Liam und seine Boxen und die lachenden Jungs, dann doch lieber mit allen, wenn alle auch wach sein wollen. Liam sagt, dass er das jetzt durchzieht, bis der Bus eine Pause macht, so hat er mit den Jungs gewettet. Und als einer Liam zuruft, dass er als Nächstes irgendein Lied anmachen soll, das "Ich fick dich" heißt, schlägt Vicki vor, Liams Mutter anzurufen. "Was soll das bringen?", fragt Leo. Das hier ist keine Klassenfahrt, bei der alle mitkommen müssen und sich benehmen. Das hier ist keine Klassenfahrt, bei der Lehrer aufpassen. Das hier ist ein Urlaub, für den sie alle alt genug sind. Der Bus fährt für die nächste Pause an eine Tankstelle, und Liam macht die Musik aus. Wie versprochen.

In fast jedem Haus eine Reisegruppe: Ferienwohnungen in Novalja. © Anna Tiessen für ZEIT ONLINE

Der Ort, an den sie fahren, also Novalja, ist für niemanden im Bus ein Abenteuer. Sie sind längst weiter gereist. Sie sagen Sätze wie "Der Bus ist auf jeden Fall besser als die Busse in Indien" oder "Wir haben in New York die Milkshakes von Five Guys probiert" oder "Das hat mir meine Gastfamilie in den USA geschenkt". Sie sprechen Sprachen, Englisch sowieso, die meisten noch eine oder zwei mehr, in der Schule gelernt oder zu Hause, von ihren Eltern. Über europäische Grenzen wissen sie, dass man in der Schweiz das Roaming ausschalten muss. Und wer von ihnen Drogen dabei hat, hat sie einvakuumiert. Falls Spürhunde in den Bus kommen.

Es kommen aber keine Hunde, die ganze Fahrt lang, und auch kein Polizist will ihre Ausweise sehen. Wer in den Reisebussen mit Drogen erwischt wird, den lassen sie an der Grenze stehen, sagt der Reiseleiter.

Nach 20 Stunden Fahrt hält der Bus morgens um halb zehn auf dem Parkplatz eines Hostels. Auf der anderen Seite der Straße liegt ein Feld, mit Steinen und kleinen Bäumen, es sieht nach Wüste aus. Die Küste von Kroatien ist nicht die Karibik, hier wachsen keine Palmen, aber die Sonne scheint zuverlässig, das Meerwasser ist warm, und die Kellnerin an der Hostelbar serviert Arak in kleinen Gläsern. Die Bus-Kleidung fühlt sich jetzt falsch an, die Jungs in Jogginghosen, die Mädchen in Pullis und langen, schwarzen Leggins. Sie wollen in den Pool, sie wollen Bikinis tragen. Alles ausziehen, was an zu Hause erinnert. Und sie sind sehr, sehr müde.

Poolparty. Getränke im Wasser waren eigentlich verboten. © Anna Tiessen für ZEIT ONLINE

Am Nachmittag schreibt der Reiseleiter eine Nachricht, dass er sie später bei ihren Appartements abholen kann, um heute Abend feiern zu gehen. Am Partystrand von Novalja.

Den Partystrand muss man sich vorstellen wie die Hamburger Reeperbahn auf MDMA. Überall Musik, eigentlich fast nur Charts und Elektro. Alle zehn Meter stehen Promoterinnen in Tüllröcken und mit Glitzerhüten rum und verteilen Gutscheine: gratis Eintritt, gratis Welcome-Drink. Bungee-Springer lassen sich überm Meer fallen, Touristen haben Sex am Strand. Die Clubs heißen Papaya und Kalypso und Noa, sie alle haben einen Pool und jeweils ein eigenes Design: Das Noa ist eine Bretterburg im Meer, mit Leitern, von denen aus man ins Wasser springt. Überm Kalypso ragt ein leuchtender Pilz in den Himmel, weil es drinnen so aussehen soll wie bei Alice im Wunderland. Viele Bars schenken Getränke nur in Ein-Liter-Plastikkaraffen aus. Ein Liter Tequila Sunrise, ein Liter Vodka-Cola, ein Liter Gin Tonic.

Jelena hat zu viel geext. Es ist der erste Abend, und sie ist das nicht gewohnt. Jetzt kann sie nicht mehr. Jetzt liegt sie am Strand vor der Bar Backstage, die Füße Richtung Meer und das Gesicht Richtung Himmel. In Richtung Meer geht es zwei, drei Meter tief nach unten, erst dann kommt das Wasser, und man wundert sich, dass nicht jeden Abend mehrere Leute von dieser Klippe stürzen, denen es so geht wie Jelena. Ihre Freundinnen sitzen um sie herum, "eigentlich müsste sie das aushalten", sagt Aylin. Schließlich ist sie Russin. Aber Jelena hat es nicht ausgehalten, und jetzt steht sie auf und läuft weg, den Strand entlang. So macht sie das immer, wenn sie zu viel getrunken hat: weglaufen. Und wenn sie zu Hause feiern gehen, ist das okay, aber nicht in Kroatien. Die anderen halten sie am Arm, laufen hinterher. Jelena, geht's? Jelena, bleib mal hier.

© Anna Tiessen für ZEIT ONLINE

Auf ihren iPhones haben die vier Mädchen für die Woche in Novalja die App Find-My-Friends installiert, auf der sie immer den Standort der anderen sehen können. Damit niemand verloren geht. Jetzt sind die vier Punkte auf der Karte noch genau nebeneinander. Aber dann will Jelena nicht mehr nur rumlaufen, sondern nach Hause laufen. Was schade ist. Um ihr Handgelenk trägt sie nämlich ein gelbes Bändchen mit der Aufschrift Steve Aoki, das ist ein DJ, der später noch auftritt, ein weltberühmter DJ, der in Schlauchbooten über die ausgestreckten Arme seines Publikums fährt. Jede der Freundinnen hat 30 Euro für das Ticket bezahlt.

"Geht zu Steve", sagt Jelena, fast gar nicht dramatisch. "Ich gehe nach Hause." Bist du sicher, fragen die anderen. Dann lassen sie sie gehen. Den ganzen Strand entlang. Vorbei am Papaya, vorbei an den Ständen mit den riesigen Pizzastücken, vorbei an neongrellen T-Shirts und pinken Bikinis, vorbei am Club Noa, wo ihre Freundinnen sich gleich in die Schlange stellen werden, um Steve Aoki zu sehen. "Ich freu mich richtig für die, dass sie da sind", sagt sie.

Party. Rotes Licht. © Anna Tiessen für ZEIT ONLINE

Man hat das Gefühl, dass jede kurze Trennung in Novalja auch eine Übung für die Zeit nach Novalja ist: Wie man auseinandergeht. Und wie man sich trotzdem nicht verliert.

Um halb acht am Morgen, als Jelena längst wieder nüchtern ist, kommen die anderen nach Hause und wecken sie auf, weil sie zu aufgeregt sind, um leise zu sein. Jelena schaut die Instagram-Storys der Nacht an, Videos von Lasern und einer Bühne und Bässen und Menschen, die hüpfen. Auf allen Videos haben ihre Freundinnen Jelena verlinkt, als wäre sie dabei gewesen. Und sobald die anderen sich ausgeschlafen haben, ist ein neuer Tag, und diesmal werden sie versuchen, sich nicht voneinander zu trennen.