In ihrer Heimatstadt Neumünster © Sina Niemeyer für ZEIT Online

Aminata Touré ist hier in Neumünster geboren und aufgewachsen, sie kennt die Abkürzungen durch den Park und die besten Imbissbuden der Stadt. Seit 2017 ist Neumünster nicht nur ihre Heimatstadt, sondern auch ihr Wahlkreis. Dass sie auf der Straße erkannt wird, eine Frau auf dem Zebrastreifen herzlich grüßt, ein Mann im Vorbeigehen nickt – das ist immer noch ungewohnt.

Ihr Tag heute begann früh. Besprechung, Telefonat, Zugfahrt von Kiel nach Neumünster, Vor-Ort-Termin, mehr Telefonate, noch ein Termin und dann zurück nach Kiel, Mails, Telefonat, Sitzung. Wenn Aminata Touré zwischen A und B einen kurzen Anruf macht, klingt ihre Stimme trotzdem nach Plaudern, nicht nach Stress. Sie lächelt, während sie telefoniert.

Eine halbe Stunde später sitzt Aminata Touré in einem bunten Raum, blauer Teppich, rotes Sofa, orange Kissen und tippt auf ihrem Laptop. Ihr gegenüber erzählen drei Frauen von ihrer Arbeit. Notruf Neumünster, Fachberatung bei häuslicher und sexualisierter Gewalt. Touré ist gekommen, um mehr darüber zu erfahren und zu sehen, wie sie helfen kann. Frauenrechte sind eines von Tourés Hauptthemen als Landtagsabgeordnete.

Sie hört aufmerksam zu, notiert, fragt nach. Es geht um neue Arbeitsfelder, die sich in den letzten Jahren aufgetan haben, ein drängendes Thema: Gewalt im Internet. Das Nacktbild, das nur für den Freund bestimmt war, der nun aber der Ex-Freund ist und es ins Netz gestellt hat. Mobbing in WhatsApp-Chatgruppen, Hassposts in den sozialen Netzwerken. Die Frauen erzählen von Problemen im Alltag, Touré übersetzt sie ins Politische. Sie fragt nach Fortbildungen, die die Frauen im Umgang mit Opfern von Cyber-Gewalt schulen könnte. Gibt es. Aber zu wenig, denn es fehlt Geld. Touré tippt, nickt, das wäre dann also ihr Part.

Manchmal sagt sie "die Politiker" und klingt dabei, als wäre sie nicht eine von ihnen. Das könnte Taktik sein, bei ihr wirkt es eher wie eine Arbeitseinstellung: Sie empfindet sich als Bindeglied zwischen Alltag und Politik.

Als kleines Mädchen wollte Touré Botschafterin werden, um zwischen den Menschen zu vermitteln. Heute macht sie genau das. Touré wuchs mit ihren drei Schwestern in einem Flüchtlingsheim im Stadtteil Faldera auf, ihre Eltern waren 1992 aus Mali geflohen. Mit 12 Jahren bekam sie die deutsche Staatsbürgerschaft, machte 2011 Abitur und studierte anschließend Politikwissenschaft und französische Philologie. Mit 19 Jahren trat sie den Grünen bei, kurz darauf wurde sie Mitarbeiterin bei der Abgeordneten Luise Amtsberg.

Beim Notruf Neumünster beugt sich Aminata Touré vor und greift nach einem Keks. Eine der Gastgeberinnen strahlt: "Ja, bitte, dafür sind sie da." Touré lächelt und sagt: "Ich kenne das: man gibt sich so viel Mühe beim Auftischen und nachher greift niemand zu, das ist doch schade."

Anfangs saßen die Frauen aufrecht, Hände gefaltet. Nicht einmal zehn Minuten später erzählen sie ungefiltert, beugen sich vor, gestikulieren. Der Termin sollte eine Stunde dauern, am Ende nimmt sich Touré mehr Zeit. Beim Abschied hinterlässt sie ihre Mailadresse. "Bitte melden Sie sich immer gerne bei mir", sagt sie mehr als einmal. Ideen, Probleme, Anregungen, Hilfe – egal was, alles sei ihr herzlich willkommen. "Als Politikerin brauche ich die Anregungen von Menschen wie Ihnen. Wir sitzen im Parlament, um Sie alle zu vertreten", sagt Touré.

Aminata Touré nimmt die Politik persönlich. Ihre eigenen Gefühle und Erfahrungen sind Teil davon. Es gibt eine Rede von ihr zum Aktionsplan gegen Rassismus, gehalten im Landtag. Sie beginnt mit Erzählungen aus ihrer Kindheit, rassistischen Erfahrungen, prägenden Erlebnissen. Sie erzählt ohne Groll, aber mit Nachdruck.