Touré zwischen zwei Terminen © Sina Niemeyer für ZEIT Online

Es gibt Menschen, die werfen ihr vor, aufgrund ihrer Biografie nicht objektiv sein zu können und andere, die ihr genau deshalb glauben. "Menschen wollen wissen, wer der Mensch hinter dem Amt ist – nur das führt zu mehr Vertrauen", sagt sie. Und Touré ist offen Mensch: Ihre Stimme zittert, wenn sie am Ende einer Rede die afro-deutsche Dichterin und Aktivistin May Ayim zitiert: "Ich werde trotzdem afrikanisch sein, auch wenn ihr mich gerne deutsch haben wollt und werde trotzdem deutsch sein, auch wenn euch meine Schwärze nicht passt." Aminata Touré findet Dinge auch mal "schäbig" und kann nachts nicht schlafen, wenn sie aufgeregt ist.

Damit gibt sie mehr von sich preis als die meisten ihrer Kollegen. "Reden sind für mich wie Tagebucheinträge, ich gebe sehr viel von mir rein. Sie sind das, was ich fühle", sagt Touré. Auch von anderen Politikerinnen bekommt sie dafür manchmal Kritik, erzählt sie. Aber Touré kann nicht anders: "Ich bin, wie ich bin, und nur so kann ich Politik machen", sagt sie.

Das sind Momente, in denen sie wie ein Fremdkörper im Politikbetrieb wirkt, nicht weil sie schwarz, weiblich, jung ist, sondern weil sie bei allem, was sie sagt und tut, empathisch und zugewandt wirkt. 

Schon früher wurde sie von ihren Schwestern geneckt, Touré war immer gefühlvoll, schrieb Gedichte, hatte keine Angst zu weinen. Warum sollte sie das für die Politik ändern?, fragt sie. Vielleicht, weil ein Landtag keine Familie ist. Weil politische Gegner Schwächen suchen, weil Medien auf Strapazierfähigkeit gucken, weil ein dickes Fell eben auch vor der Kälte der anderen schützt.

Natürlich bleibt die Frage, ob der Betrieb nach zwei, drei, vier weiteren Jahren auch ihr das Emotionale ausgetrieben hat. Aber wenn das so wäre, werde sie Schluss machen mit der Politik, sagt Touré.

"Wir Grüne gewinnen, wenn wir Vielfalt auch in den eigenen Reihen abbilden"
Cem Özdemir

Spricht man mit dem ehemaligen Bundesvorsitzenden der Grünen, Cem Özdemir, über Aminata Touré, sagte er am Telefon als erstes: "Aminata Touré holt die Menschen ab, sie macht Politik nachvollziehbar. Sie ist ungefiltert, überzeugt – sie ist echt. Davon wünscht man sich mehr in der Politik." 2016 trafen die beiden sich zum ersten Mal persönlich, beide haben eine ähnliche Biografie, beide eine klare, emotionale Art Politik zu machen. "Wir Grüne gewinnen, wenn wir Vielfalt auch in den eigenen Reihen abbilden – das ist natürlich nicht Aminatas vorrangige Qualifikation, aber man darf die Strahlkraft nicht unterschätzen, die ein solches Vorbild entwickelt", sagt Özdemir. Ihre steile Karriere führe aber auch zu Neid und Missgunst unter den Kollegen, sagt er. Davor müsse man sich schützen.

Wenn man Aminata Touré im Nieselregen vor Ali's Schnellrestaurant zwischen zwei Pommes nach ihrer Vision für Deutschland fragt, sagt sie: "Ich wünsche mir ein Bindestrich-Deutschland, in dem Afro-Deutsch, Deutsch-Türkisch und jede andere Form von Deutsch-Sein einfach normal ist".

Nicht nur für ihre Art, auch für ihre Themen erntet sie manchmal ein abschätziges Lächeln. Touré ist zuständig für Frauen, Queer- und Jugendpolitik und Migration. "Ich bin für manche nur die Politikerin, die für die ein, zwei Migranten in Deutschland steht", sagt sie und lacht. Ist ja auch zum Lachen, schließlich hat jede vierte Deutsche mittlerweile einen Migrationshintergrund. Touré weiß, dass viele verschiedene Menschen jetzt große Erwartungen an sie haben. Sie spricht von ihrer "Community", hält offen, wer das alles ist, schließt niemanden aus, grenzt nicht ab.

Touré erinnert sich an einen ihrer Auftritte beim Bundestreffen der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland Anfang August. Dort wurde sie aus dem Publikum gefragt, woher sie die Kraft habe in einem weißen Landtag als schwarze Frau gegen Rassismus zu kämpfen? Fühle sie sich nicht manchmal einsam? "Bei jeder Rede stelle ich mir vor, dass ihr alle hinter mir steht", sagte Touré. "Dann weiß ich, für wen ich kämpfe und das gibt mir Kraft"

Dass sie nicht nur junge, schwarze Frauen für sich begeistern kann, musste Touré erst lernen. Letztes Jahr war sie zu Gast bei einer Podiumsdiskussion im Landtag. "Ein Raum voller älterer Menschen – ich dachte mir: Das ist kein Heimspiel", erinnert sich Touré. Doch dann gab es Applaus, jede Menge, und zwar für sie. "Da habe ich verstanden, dass ich viel mehr Menschen erreichen kann, als ich je gedacht hätte."

Sie wünscht sich, dass sie keine Ausnahme bleibt. Dass es mehr Bindestrich-Deutsche in der Politik gibt. Sie und Cem Özdemir könnten das nicht alles alleine regeln, sagt sie und lacht. Auch wenn sie es todernst meint.

Hinweis: In einer früheren Version des Textes stand, dass es sich um eine Podiumsdiskussion der Grünen handelte. Es war jedoch eine Veranstaltung des Landtags. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen. Die Redaktion.