Als Theresa May Premierministerin war, verloren viele junge Briten das Interesse am Brexit, er wurde zu einem Ärgernis. Mit Boris Johnson hat sich das geändert.

Generation Y

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Die Drehbuchautoren der zweiten Brexit-Staffel müssen sich gefragt haben, wie es weitergehen soll. Die Hauptfigur der ersten Staffel, Theresa May, war verschwunden. Großbritannien hatte keinen Premierminister und es sah so aus, als hätte die Geschichte in drei Jahren überhaupt keinen Fortschritt gemacht.

Im ganzen Land schwand das Interesse. Eine Rede von May hier, eine komplexe Reihe von Abstimmungen im Parlament da – die Handlung geriet ins Stocken. Und die Nebendarsteller hatten so oft gewechselt, dass es schwerfiel, den Überblick zu behalten.

Was also tun, wenn die Aufmerksamkeit sinkt?

Man macht einen Superstar der britischen Politik zur Hauptfigur. Boris Johnson bekam die Hauptrolle beim Brexit. Und das hat funktioniert: Seit Johnsons Ernennung schalten sich junge Leute wieder ins tägliche Brexit-Melodram ein.

Johnson ist, im Guten wie im Bösen, ein politischer Superstar. Einem Ranking des Meinungsforschungsinstituts YouGov zufolge ist er einer der bekanntesten konservativen Politiker des Landes – und der beliebteste. Während man Johnson in Europa am ehesten wegen seines Engagements in der Leave-Kampagne kennt, machte er in Großbritannien schon vorher von sich reden: Er war wiederholt in den Schlagzeilen wegen einer Reihe von außerehelichen Affären, als Journalist dachte er sich Zitate aus. Später, als in der Referendumskampagne für Leave warb, verglich er die EU mit Nazideutschland. Während all diese Kontroversen an Johnsons Beliebtheit unter seinen Anhängern nichts geändert haben, machten sie ihn für seine vielen Kritiker zum Volksfeind Nummer eins.

Nach der farblosen, roboterhaften Theresa May hat Johnsons Ankunft auf der Brexit-Bühne – verbunden mit der Gefahr eines No-Deals – die erschreckende Unmittelbarkeit des EU-Austritts auf eine Weise heimgeholt, die May niemals erreicht hat. Unterstützt von einem Kabinett voller unbeugsamer Hardline-Brexiteers und seinem machiavellistischen politischen Berater Dominic Cummings, der während des Referendums 2016 die Leave-Kampagne leitete, hat Johnson dem riskanten Brexit-Projekt neues Leben eingehaucht, wenn auch keine neuen Ideen.

Bereit für einen weiteren Kampf

In den letzten Tagen der May-Regierung war der Brexit zu einem Ärgernis für die britische Jugend geworden. Sogar politisch engagierte Menschen fingen an, sich auf andere Dinge zu konzentrieren, fern der frustrierenden Hintergrundgeräusche des Brexits. Der gesamte Prozess begann sich sowohl für junge Remain- als auch für junge Leave-Wähler so anzufühlen, als würde er zu einer fernen Möglichkeit verblassen.

Johnsons eigensinnige Herangehensweise hat dazu geführt, dass das Interesse unter jungen Menschen wieder zunimmt. Nachdem die Mehrheit von ihnen für einen Verbleib in der EU gestimmt hat, sehen sie sich jetzt mit einem Premierminister konfrontiert, der bereit ist, Großbritannien in Richtung des No-Deal-Abgrunds zu steuern. Dass Johnson jetzt mit einem möglichen No-Deal-Brexit betraut ist, erzeugt Aufmerksamkeit – und die hat die Gefahr dessen, was er verfolgt, wieder vergegenwärtigt. Und sie hat seinen jungen Kritikern neuen Antrieb verliehen. Antrieb für einen weiteren Kampf.

Kurz nach Johnsons Ernennung zum Premierminister übermittelte die Anti-Brexit Jugendgruppe Our Future, Our Choice (OFOC) einen Brief an die Downing Street. Darin verurteilt sie nicht nur Johnsons Vision für den Brexit, sondern greift auch seine Werte und seine Lügen an. "Noch nie war ein Premierminister so losgelöst von den jungen Leuten, die er führt", schreiben sie. "Es wird unsere Generation sein, die den Rest unseres Lebens damit verbringen muss, Ihr Chaos zu beseitigen. Das ist nicht die Zukunft, die wir wollen."

OFOC ist eine Kampagnengruppe, die sich für ein zweites Brexit-Referendum einsetzt und überall im Land Veranstaltungen für junge Wähler organisiert. Der OFOC-Aktivist Dan McGill, 17, bezeichnet die Notwendigkeit, gegen den Brexit zu kämpfen, als "sehr viel dringlicher", seit Johnson Premierminister wurde. "Wir sind der größten Katastrophe, die diesem Land passieren könnte, wirklich nahe. Ich habe Angst, dass alles schiefgehen wird ", sagt McGill. "Das fühlt sich an wie unsere letzte Chance, etwas zu tun und unsere Botschaft zu vermitteln."

"Stop the coup"

McGills Befürchtung, dass der Brexit zu einem katastrophalen Ende führen könnte, teilen viele Menschen in seinem Alter. Laut Umfragedaten von YouGov denken 68 Prozent der 18- bis 24-Jährigen, dass es schlecht wäre, die EU ohne einen Deal zu verlassen, und viele sagen auch, sie würden Johnson die Schuld geben, falls das passiert. Nachdem Johnson zum neuen Vorsitzenden der Konservativen Partei ernannt worden war, gab eine Mehrheit der 18- bis 24-Jährigen an, enttäuscht oder bestürzt zu sein. Wie McGill es beschreibt: Johnson "hat keine Chance, uns für sich zu gewinnen".

Die jüngste Aktion des Premierministers wird diese Befürchtungen nicht mildern. In dem Bestreben, seine Frist für Oktober einzuhalten, hat Johnson diese Woche verkündet, das britische Parlament für fünf Wochen schließen zu wollen, proroguing wird das Verfahren genannt. Der Plan wird weithin abgelehnt und als ein Mittel kritisiert, um Großbritannien näher an den Austritt aus der EU heranzuführen. Er lässt Oppositionspolitikern weniger Zeit, um sich Johnsons Plänen zu widersetzen – und vergrößert damit die Chancen eines No-Deal-Brexits.

Der Vorschlag sorgte für Proteste, Tausende versammelten sich innerhalb weniger Stunden vor dem Parlament und in vielen anderen britischen Städten, sie blockierten Straßen und skandierten den Slogan "Stop the coup". Der Erfolg dieser Proteste war vor allem den Jugendgruppen zu verdanken, die sich gegründet hatten, um gegen den Brexit zu kämpfen, darunter OFOC und For our Future’s Sake. Sie schafften es, Unterstützerinnen und Unterstützer online zu mobilisieren. Bilder und Videos, die auf den Social-Media-Seiten der Gruppen veröffentlicht wurden, zeigen, dass eine beträchtliche Anzahl junger Menschen an den Protesten teilgenommen hat.

Boris Johnson ist jetzt der Hauptdarsteller im Brexit-Melodram. Das hat junge Briten wieder aufgeweckt und ihnen die ernsthafte Bedrohung des Brexits vor Augen geführt.

Johnson weigert sich, die Möglichkeit auszuschließen, die EU am 31. Oktober ohne ein Abkommen zu verlassen – ein Szenario, das junge Menschen im ganzen Land ablehnen. Solange diese Bedrohung bestehen bleibt, werden diese unerschütterlichen jungen Leute nicht nachlassen.

Übersetzt von Sophia Schirmer.