Franziska Schreiber wollte für die AfD in den Bundestag. Dann trat sie aus und schrieb ein Buch, in dem sie vor der Partei warnte. Und jetzt?

Generation Y

Franziska Schreiber war zwei Jahre in der AfD, als sie bei Facebook über den Holocaust postete: "Leugnen kann man nur ein Verbrechen, das man selbst begangen hat", schrieb sie. "Wenn man behauptet, dass es den Holocaust nie gegeben hat, dann hat man eine andere Meinung als so ziemlich alle Historiker der Welt, aber das sollte kein Verbrechen sein. Ich bin für schrankenlose Meinungsfreiheit." Im Mai 2015 war das. Sie war damals Vorsitzende der Jungen Alternative Sachsen.

Danach war natürlich die Hölle los.

Franziska sagte zwar schnell, dass das Posting ein Fehler war. Aber sie wurde trotzdem bekannt als die junge AfD-Funktionärin aus Sachsen, die findet, das Leugnen des Holocaust sollte erlaubt sein. Dem ZEITmagazin sagte Franziska damals, sie stelle sich auf eine Karriere in der Politik ein. "Mein Gesicht ist für alles andere verbrannt", sagte sie. Sie erwartete, schnell in der AfD aufzusteigen: "Es ist noch nie so einfach gewesen, in den Bundestag zu kommen."

Es kam dann alles etwas anders.

Eine Seite Widmung

Im Oktober 2018, knapp drei Jahre nach dem Posting, wird Franziska an einem Stand der Frankfurter Buchmesse interviewt. Im Hintergrund stapelt sich ihr Buch Inside AfD. Es ist eine Abrechnung mit ihrer Partei, aus der sie 2017 ausgetreten ist.

Ihre Stiefel hat sie hoch geschnürt, einer ist offen, aber das wird sie den ganzen Tag nicht merken. Ihre Haare hat sie an den Schläfen kurz rasiert, ihr Haupthaar mittellang geschnitten und seitlich übergeworfen.

Während des Interviews setzt sich ein Mann auf einen Stuhl in der Nähe. Sein Sakko ist zu groß, am Revers heftet ein oranger Button: "Gegen Judenhass". Er trägt eine gestreifte Krawatte in Blau-Rot-Weiß mit dem hessischen Landeswappen. Er zittert. Als das Interview vorbei ist, springt er auf, breitet die Arme aus und umarmt sie: "Ich bin der Olaf", sagt er, "ich bin ein Riesenfan." Es ist eine merkwürdige Umarmung, er ist ziemlich groß, Franziska nur knapp über 1,60. Sie kennt den Mann nicht, aber sie sagt: "Vielen Dank Olaf, das ist superlieb."

Sie nehmen auf einer Couch Platz, er ist nervös, sitzt zu nahe. Franziska aber ist entspannt. Sie schreibt ihm eine Widmung in eine Ausgabe ihres Buches, eine ganze Seite lang. Er möchte noch ein Foto, dann springt er auf: "Jetzt geh ich noch zu Deniz!", ruft er, packt eilig zusammen und stakst davon. Er meint Deniz Yücel, den lange in der Türkei inhaftierten deutsch-türkischen Journalisten.

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Bei Facebook rief sie zum Wählen der FDP auf

2013 war Franziska in die AfD eingetreten, stieg auf zur Vorsitzenden der JA Sachsen, arbeitete für die AfD-Fraktion im sächsischen Landtag, schrieb das Holocaust-Posting. Fast 3.000 Facebook-Freunde habe sie in dieser Zeit angesammelt gehabt, sagt sie. Fast alles Leute aus der AfD.

2017, kurz vor der Bundestagswahl, trat sie aus. Sie sagte der Berliner Morgenpost, die Partei sei verloren an die Rechten, die sich hinter Björn Höcke und seiner parteinahen Vereinigung, dem nationalistischen Flügel, versammelten. Sie rief dazu auf, die AfD nicht zu wählen, und machte auf Facebook Wahlwerbung für die FDP.

Danach war natürlich wieder die Hölle los.

Auf Facebook habe sie entwürdigende, ekelhafte Nachrichten und Morddrohungen bekommen, sagt sie. Auf einem Bild sei sie an einem Galgen gehängt worden.

Ein Verlag fragte sie, ob sie nicht ein Buch über ihren Austritt schreiben wollte. Also schrieb sie ein Buch. Sie sagt, sie habe gedacht, das Buch würde nur die paar Leute interessieren, die sich mit der AfD beschäftigten. Stattdessen kam es in die Bestsellerliste des Spiegels.

Der rechte Verleger Götz Kubitschek verklagte sie, weil sie geschrieben hatte, er treffe sich mit Björn Höcke und lese Reden von Joseph Goebbels, um Höckes Reden ein bisschen goebbelsmäßiger klingen zu lassen. Franziska verlor, der Satz wurde entfernt. Sie stört das nicht, sie sagt, sie wisse ja, was sie wisse.

Vor einigen Jahren war die offene Gesellschaft noch ihr Feind. Heute, nach ihrem Austritt, danken ihr auf ihren Lesungen Leute für ihren Mut. Für Olaf auf der Buchmesse spielt sie in einer Liga mit inhaftierten Journalisten. Was ist da passiert?

Die Angst, die sie verbreitete, wurde ihre Angst

Einige Wochen vor der Buchmesse erzählt Franziska in einem Café in Berlin, sie sei eigentlich ein Frosch gewesen. "Der Frosch, wo das Wasser immer wärmer geworden ist."

Zur AfD sei sie gekommen, weil sie Bernd Lucke in einer Talkshow gesehen habe. 2013, es ging um die Eurorettung. Sie habe damals gewollt, dass alte Seilschaften aufgebrochen, Politik und Wirtschaft entflochten würden, solche Dinge. Sie klebte Wahlplakate, machte Pressearbeit – dann sei das Wasser immer wärmer geworden.

Irgendwann habe sie in Pressemitteilungen nicht mehr das Wort Flüchtlinge benutzt, weil es hätte Mitleid erzeugen können. Stattdessen schrieb sie Asylbewerber oder Wirtschaftsflüchtlinge. Sie lernte, die Angst zu schüren, die die AfD verbreitete.

Bis die Angst, die sie für die AfD verbreitete, auch ihre Angst wurde. Wenn sie sich durch ihren Facebook-Newsfeed scrollte, seien Flüchtlinge nur noch Vergewaltiger, Messermörder, Terroristen gewesen. In Dutzenden AfD-Facebook-Gruppen habe ihr die Angst entgegengeschrien. Die Angst habe auch bei ihr gewohnt, sie habe sich eine Wohnung mit zwei anderen AfD-Mitgliedern geteilt. Damals, sagt sie, sei sie überzeugt gewesen, Deutschland stehe kurz vor dem Abgrund. Wenn sie in dieser Zeit joggen ging, sei sie nicht mehr an der Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Dresden vorbeigelaufen.

Sie habe zugenommen, viel getrunken, sei misstrauisch geworden. Sie habe sich von ihrer Familie distanziert: Ihre Oma sei links, ihre Mutter auch, sie habe fünf Schwestern, eine engagiere sich bei der Antifa. Was die Partei von ihr verlangte, habe sie alles getan.

Heute sagt sie, schäme sie sich für manches, was sie damals geschrieben habe. Ihren Eintritt aber bereue sie bis heute nicht. Denn all die Erkenntnisse, die sie in der AfD gewonnen habe, die könne sie sich nicht mehr wegdenken. "Was ich so gesehen habe in der AfD, was ich nicht will, das wäre mir nie so deutlich geworden, wenn ich es selbst nicht erlebt hätte."