Die Generation, die in Hongkong gerade auf die Straße geht, hat keine Anführer und ist perfekt organisiert. Wie schafft sie es, trotz aller Repressalien weiterzumachen?

Hongkong

Seit elf Wochen protestieren Menschen in Hongkong gegen ein geplantes Gesetz, das Auslieferungen nach China ermöglichen würde. Seit elf Wochen versuchen Polizei und Regierung, sie davon abzuhalten: Fast täglich feuern Polizisten Tränengas und zunehmend auch Plastikgeschosse auf die Demonstrierenden, mehr als 700 Menschen sollen bislang festgenommen worden sein. Trotzdem gehen immer wieder Hunderttausende auf die Straße, um zu protestieren. Anfang August legten sie in einem Generalstreik große Teile der Stadt lahm. Bisher haben die Demonstrierenden nicht erreicht, dass das Auslieferungsgesetz zurückgenommen wird. Aber die Regierung kann die Proteste auch nicht aufhalten.

Wie haben die Hongkonger scheinbar aus dem Nichts einen derart ausdauernden Widerstand organisiert?

Um zu verstehen, warum in Hongkong immer noch protestiert wird, muss man zunächst verstehen, wer protestiert. Bisher gibt es keine absolut verlässlichen Zahlen, doch einer ersten Umfrage der Chinese University of Hong Kong zufolge sind die Demonstrierenden überwiegend jung, zwischen 20 und 35 Jahre, und gut gebildet; je nach Umfragezeitpunkt haben zwischen 68 und 88 Prozent einen Universitätsabschluss.

Diese jungen Menschen sind mit Protesten aufgewachsen, und mit dem Internet. Sie haben aus den Erfahrungen früherer Bewegungen gelernt. Und sie haben gelernt, die Tools ihres Alltags auf politischen Protest anzuwenden. Ein wichtiges Mantra der Bewegung kommt aus einem Kung-Fu-Film mit Bruce Lee: "Sei Wasser, mein Freund." Die Idee: Wie Wasser sollen die Demonstrierenden von Ort zu Ort fließen und der Polizei keine Chance geben, sie festzunehmen.

"Sei Wasser, mein Freund"

Dass vor allem junge Menschen in Hongkong gegen den zunehmenden politischen Einfluss Chinas mobilisieren, ist nicht neu. 2012 organisierte Joshua Wong mit seiner Organisation Scholarism eine Demonstration gegen eine Lehrplanreform, die das Hongkonger Bildungssystem an das chinesische anpassen sollte, 100.000 Menschen kamen. Wong war damals 15 Jahre alt, die Reform wurde zurückgenommen. 2014 besetzten Demonstrierende der sogenannten Regenschirmbewegung 79 Tage lang Teile der Hongkonger Innenstadt, um für ein allgemeines Wahlrecht zu demonstrieren. Auch hier waren es wieder vor allem junge Gesichter wie Wong, damals 17, Nathan Law, damals 21, und Alex Chow, damals 24, die für die Bewegung sprachen.

All diese Personen haben eines gemeinsam: Unabhängig davon, wie zentral sie für die Organisation der Proteste wirklich waren, wurden sie für ihre Rollen in der Regenschirmbewegung zu Gefängnisstrafen verurteilt. Aus diesen Urteilen gegen die prominenten Gesichter vergangener Proteste folgt die wichtigste Lektion für die Demonstrierenden im Jahr 2019: Es ist gefährlich, ein Anführer zu sein oder Anführerinnen zu haben. Denn wer eine Bewegung öffentlich anführt, kann vor Gericht gestellt werden.

Basisdemokratie per Onlineabstimmung

Um zu vermeiden, dass diesmal wieder Einzelpersonen verfolgt und verhaftet werden, haben die Demonstrierenden im Jahr 2019 Führungslosigkeit und Basisdemokratie zu einem der wichtigsten Aspekte ihrer Bewegung gemacht. Was wollen wir fordern? Wo demonstrieren wir als Nächstes? Sollen wir den Flughafen besetzen oder lieber die U-Bahn blockieren? Alles steht zur Debatte. Große Teile des Entscheidungsfindungsprozesses laufen über das reddit-ähnliche Forum LIHKG und die Messenger-App Telegram, in gigantischen Chatgruppen mit mehreren Tausend Mitgliedern wird diskutiert und abgestimmt. So gibt es keine Einzelpersonen, die wie Wong, Law oder Chow dafür angeklagt werden könnten, einen illegalen Protest angestiftet zu haben. Anstifterinnen gibt es Tausende und sie sind alle namenlos.

Die Ereignisse am vergangenen Montag sind ein gutes Beispiel dafür: Am Sonntag zuvor hatte die Polizei an mehreren Orten mit Tränengas auf Demonstrierende geschossen und eine Ersthelferin am Auge verletzt. Als Reaktion auf die exzessive Polizeigewalt strömten am Montag Tausende in einer spontan organisierten Demonstration zum Hongkonger Flughafen. Gegen Nachmittag kündigte der Flughafen an, für den Rest des Tages alle Flüge zu canceln. Gleichzeitig gingen in den Chatgruppen Gerüchte um, dass die Polizei für den Abend eine gewaltsame Räumung des Flughafens planen würde. In einer Organisationsgruppe für die Flughafenproteste mit mehr als 30.000 Mitgliedern wurde eine Abstimmung gepostet: Bleiben wir oder gehen wir?