Lena Kittler und Stina Ochner kämpfen gegen Rechtsextreme und für ein besseres Sachsen: Lena in der Provinz, Stina in der Stadt.

Jung und links

Plauen im Vogtland hat 65.000 Einwohnerinnen und einen rechtsextremen Stadtrat. Bei der Europawahl wurde die AfD dort stärkste Kraft. Auch deshalb macht die Initiative #wannwennnichtjetzt Halt in Plauen. Das Bündnis zieht vor den Landtagswahlen von Marktplatz zu Marktplatz in Zwickau, Bautzen und Cottbus. Sie wollen die Zivilgesellschaft zusammenbringen. Circa 150 Menschen sind an diesem Samstag in Plauen zusammengekommen. Lena Kittler aus Plauen ist 18 Jahre alt und Pressesprecherin des Bündnisses. Neben ihr sitzt die 24-jährige Stina Ochner, die heute aus Leipzig angereist ist, wo sie sich für #wannwennnichtjetzt engagiert. Wie unterscheiden sich Aktivismus in der Stadt und in der Provinz?

ZEIT Campus ONLINE: Lena, nervt es dich manchmal, in Plauen zu leben?

Lena Kittler: Ich würde nicht sagen, dass es der Horror ist. Ich bin in Sachsen groß geworden, habe vorher in Zwickau gelebt. Aber immer, wenn ich in größeren Städten bin, wo alles ein bisschen offener ist, merke ich den Unterschied. Andererseits bin ich manches hier auch gewohnt. An meiner Oberschule im Dorf war es schwierig, irgendwie Individualität zu zeigen – selbst, wenn es nur darum ging, sich anders anzuziehen. Anpassen war leichter, weil man oft Kommentare zu hören bekommen hat. Es wird viel geredet in der Nachbarschaft. Da ist alles, was anders ist, gruselig.

ZEIT Campus ONLINE: Ist das auf dem Dorf nicht oft so?

Lena: Ja, aber ich habe das Gefühl, hier in der Gegend hat das noch mal eine andere Qualität. Sobald Menschen nicht weiß sind, kommen Sprüche wie: "Wir müssen auf unsere Töchter aufpassen." Es nervt, dass keiner den Mut hat, mal auf die anderen zuzugehen und zu reden. Wenn jemand was Ausländerfeindliches sagt, denken manche, das sei berechtigt oder zumindest irgendwie verständlich. Dabei würde ich mir wünschen, dass man sich im Alltag auch mal dagegen ausspricht.

ZEIT Campus ONLINE: Was erwartet ihr, wenn ihr an die Landtagswahl in Sachsen denkt?

Lena: Ich fürchte, dass es zu einem Rechtsruck kommt und die Unterstützung für zivilgesellschaftliche Projekte gekürzt wird. Deshalb ist mir #wannwennnichtjetzt wichtig, weil ich damit nicht alleine sein will. Falls das passiert, möchte ich eine große Gruppe an Menschen haben, die dem entgegentreten kann.

Stina Ochner: Ich glaube, die Gefahr, die Lena anspricht, ist hoch – unabhängig davon, ob die AfD am Ende in der Regierung sitzt. Man kann auch aus der Opposition heraus Druck machen und möglicherweise auf offene Ohren stoßen, weil auch die sächsische CDU die Gefahr traditionell eher links als rechts sieht. Wir wollen in der Lage sein, darauf zu reagieren, indem wir bundesweit durch Bündnisse wie #wannwennnichtjetzt und #unteilbar Rückhalt in der Zivilgesellschaft aufbauen, uns vernetzen und gegenseitig kennenlernen. So können wir bei Bedarf schneller gemeinsam handeln.

ZEIT Campus ONLINE: Was würde es denn bedeuten, wenn die AfD regieren würde?

Stina: Die AfD hätte in Regierungsverantwortung Zugang zu politischen Machtmitteln. Davon geht eine Gefahr aus. Außerdem würde es ein verheerendes Signal senden: Nämlich, dass es in Ordnung ist, mit einer Partei zu koalieren, die mit Rechtsextremen wie der Identitären Bewegung zusammenarbeitet. Aber auch als Oppositionsführerin ist die AfD eine Gefahr. Da kann sie die Rolle spielen: Alle sind gegen uns und wir sind gegen das Establishment.

ZEIT Campus ONLINE: Wie kamt ihr dazu, euch politisch zu engagieren?

Stina: Ich bin in Hannover aufgewachsen und habe dort 2009 mit 14 Jahren die Bildungsstreiks gegen die G8-Reform miterlebt. Überall an den Schulen gab es damals plötzlich Streik-Komitees: Man ging gemeinsam zu Demonstrationen, einmal gab es eine Sitzblockade vor dem Landtag. Das waren für mich einschneidende Erfahrungen, auch, weil die Polizei die Blockade teilweise gewaltsam geräumt hat. Seitdem war ich viel auf Demonstrationen und habe in Hannover ehrenamtlich im "Pavillon" gearbeitet, einem Kulturzentrum mit Konzerten und Theater.

Lena: Ich hatte auch mit 14 so einen politischen Moment, als ich mit meiner Schwester das erste Mal auf einer Demo in Crimmitschau in Sachsen war. Da waren wir etwa 30 Menschen und standen Pegida-Anhängern gegenüber. Ich habe noch nie so wütende Gesichter gesehen. Ich wurde angepöbelt und fotografiert. Damals habe ich mich gefragt, wie es sein kann, dass so viele Menschen wegen so feindlicher Ansichten auf die Straße gehen. Dann habe ich angefangen, zu schauen, was ich machen kann. 


ZEIT Campus ONLINE: Wie sieht euer Engagement heute aus?

Stina: In Leipzig habe ich angefangen, selbst Aktionen zu organisieren, etwa gegen rechte Verlage auf der Leipziger Buchmesse. Dort kam ich auch zum #unteilbar-Bündnis, das letztes Jahr in Berlin eine Viertelmillion Menschen für eine offene Gesellschaft auf die Straße gebracht hat. Und jetzt zur #wannwennnichtjetzt-Tour.

Lena: Ich bin in Plauen zu politischen Vorlesungen oder Demos gegangen, zum Beispiel zur Veranstaltungsreihe "Brücken schlagen", wo es unter anderem darum ging, im Lutherpark temporär einen Ort für alle Menschen, unabhängig von Geschlecht und Herkunft, zu schaffen. Dort und in der Schule habe ich Freunde gefunden, die auch Lust hatten, hier in Plauen was zu machen. So kamen wir auf #wannwennnichtjetzt.

ZEIT Campus ONLINE: Macht es einen Unterschied, sich in der Stadt oder auf dem Land zu engagieren?

Lena: Ich hatte bei Treffen mit Leuten aus Leipzig oder Berlin oft das Gefühl, dass es da dynamischer zugeht, dass Dinge manchmal viel schneller organisiert sind.

Stina: Wir können in der Stadt auf ein viel breiteres Spektrum an Menschen und Organisationen zurückgreifen. Dadurch sind die Möglichkeiten ganz andere. In Städten wie Plauen muss man viel öfter einen Abwehrkampf führen. Und euch werden in den kleineren Städten oft mehr Steine in den Weg gelegt.

Lena: In Plauen finden häufig Aktionen der Nazipartei "Dritter Weg" statt, die scheinbar immer recht geschmeidig funktionieren. Für uns ist es dagegen oft schwierig, Veranstaltungen anzumelden oder Räume für Gruppen zu finden. Ein großes Hindernis ist aber auch, wenn Leute nicht wertschätzen, was du machst. Wenn man sich Mühe gibt und am Ende wird darüber der Kopf geschüttelt. Wenn bei "Brücken schlagen" Leute eine schöne Veranstaltung im Stadtpark machen, beäugen das viele Passanten nur skeptisch und misstrauisch.