Greta Thunberg segelt nach New York – das kann ungemütlich werden. Wir haben Profisegler, Familientherapeutinnen und Chorleiter gefragt, worauf es jetzt ankommt.

Mit Büchern, Brettspielen und einem Plüschkaninchen im Gepäck hat sich die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg am Mittwochnachmittag auf den Weg zum UN-Klimagipfel gemacht. Die Fahrt von Plymouth nach New York mit der Malizia II wird voraussichtlich zwei Wochen dauern – da kann sie sich unterwegs ganz schön viel Wasser angucken. Wird das nicht langweilig? Eine Rennjacht ist ja kein Kreuzfahrtschiff. Wird einem nicht schnell übel zwischen den Wellenkämmen? Wir haben Expertinnen und Experten gefragt, was man dagegen tun kann. Neun Tipps für Greta, vom besten Seemannslied für zwischendurch bis zur ökofairen Ausrüstung.

Was tun gegen Seekrankheit?

Andreas Koch ist Soldat beim Schifffahrtmedizinischen Institut der Marine. Ihm zufolge muss Seekrankheit nicht zwangsläufig medikamentös behandelt werden. Manchmal hilft auch ein Blick auf die Wellen.

"Fast alle Bewegungskrankheiten wie die Reise- oder Seekrankheit laufen ähnlich ab: Sie beginnen mit leichter Müdigkeit, Abgeschlagenheit und Aufmerksamkeitsverlust und enden mit Übelkeit bis hin zum Erbrechen. Die Symptome entstehen aufgrund widersprüchlicher Reize. Sitze ich zum Beispiel unter Deck und spüre Bewegung durch die Wellen, entsteht ein Widerspruch zwischen dem, was mein Gleichgewichtsorgan wahrnimmt, und dem, was ich sehe. Das ist zumindest die gängigste Theorie. Dies führt zu einer Stresssituation, als deren Folge sich eine Reisekrankheit entwickeln kann.

Jetzt hängt jedoch nicht jeder Seekranke sofort über der Reling. Bei manchen tritt Übelkeit zum Beispiel überhaupt nicht auf. Kommt es jedoch dazu, helfen zum Beispiel Antihistaminika. Diese dämpfen die Wirkung des Histamins, das im Rahmen der Stressreaktion ausgeschüttet wird und als Mitverursacher für Übelkeit und Erbrechen gilt, allerdings machen sie auch müde. Eine andere Möglichkeit ist Scopolamin, welches den Brechreiz lindern kann. Der Wirkstoff wird meist in Form eines Pflasters verabreicht. Für Vitamin C und Ingwer wurden ebenfalls positive Effekte beschrieben. Damit die Symptome gar nicht erst entstehen, hilft es, die Situation als solche zu verbessern. So kann jemand die Diskrepanz der Sinneseindrücke zum Beispiel ausgleichen, indem er aufs Deck geht und sich die Wellen und den Horizont anschaut. Da die Symptome sich auch über einen längeren Zeitraum hinziehen und mitunter schwere Formen annehmen können, sollten sich Reisende mit Ärztinnen und Ärzten bestenfalls vor Reiseantritt absprechen."

Nach oben Link zum Beitrag

Wie überwindet man Lagerkoller auf See?

Marlene Raabe-Steinherr ist Seglerin und Sportpsychologin an der Uni Potsdam. 2016 nahm sie gemeinsam mit Annika Bochmann an den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro teil.

"Warten auf hoher See ist etwas ganz anderes als warten beim Arzt oder der Ärztin. Man kommt einfach nicht weg. Wenn man auf See ist und der Wind schläft für mehrere Tage ein, dann ist man gefangen. Das Unwohlgefühl, das daraus entsteht, könnte man Lagerkoller nennen. 

Ich habe einige Langstreckentörns und Trainingslager unternommen. Wenn ich Lagerkoller hatte, half es mir, mich zu zwingen, etwas ganz anderes zu tun. Ich habe auf hoher See viele Podcasts gehört und an der Fernuni Hagen Psychologie studiert. Was auch hilft: ein Spiel dabei zu haben oder sich nett zu unterhalten. Zum Glück war ich noch nie in der Situation, dass alle gleichzeitig einen Lagerkoller hatten. Manchmal gucken wir auch einfach auf den Horizont und denken nach. Nachts, wenn es richtig dunkel ist auf See, hat man keine visuellen Reize und kommt ganz automatisch ins Träumen. Das ist wirklich besonders."

Nach oben Link zum Beitrag

Greta Thunberg ist mit ihrem Vater unterwegs. Wie vermeidet man Familienstreit auf Reisen?

Cornelia van den Hout ist Diplompsychologin, Supervisorin und Trainerin. Sie ist spezialisiert auf Kurzzeittherapie, Resilienz und Achtsamkeit.

"Grundsätzlich gilt: Konflikte sind vermeidbar, indem alles zeitnah angesprochen wird. Besser nicht warten, bis sich der Frust angestaut hat wie ein volles Heft mit Rabattmärkchen, das man dem anderen entgegenwirft. Alle Reisenden sollten sich vorher versprechen, dass Offenheit und Ehrlichkeit herrschen.

Drei Vorgehensweisen sind besonders wichtig. Erstens: "Alles", "immer" und "nie" sind Killerbegriffe in einem Streit, die es zu vermeiden gilt. Zweitens: Ich-Botschaften senden. Es ist zielführender, über sich selbst zu sprechen, nicht über den anderen. Und der dritte Trick ist, dem anderen zu sagen, was etwas mit mir macht. Man neigt schnell dazu, Dinge zu sagen wie: "Immer kommst du zu spät und ich muss mit dem Essen auf dich warten." Besser wäre: "Ich sitze hier schon seit einer halben Stunde und warte auf dich. Das hat mich enttäuscht." Dann ist die Situation schon viel entspannter, denn der andere kann Mitgefühl zeigen, statt sich verteidigen zu müssen.

Noch ein Tipp ist aktives Zuhören. Sender und Empfänger haben oft eine andere Sprache, gerade auch bei unterschiedlichen Generationen. Es geht darum, zu wiederholen, was man verstanden hat. Zum Beispiel: "Ich habe gerade gehört, dass du mir gesagt hast, ich laufe zu laut über Deck. Ist das richtig?" So kann man grundlegende Missverständnisse vermeiden."

Fridays for Future
Greta Thunberg sticht in See
Die Umweltaktivistin will auf einer Segelyacht von der englischen Küste bis zur UN nach New York reisen. Zwei Profisegler begleiten die 16-Jährige.

Nach oben Link zum Beitrag

Wie sollte man sich an Bord verhalten, wenn man keine Ahnung vom Segeln hat?

Frederike Freitag ist Teil von Sail to the COP, einem Team von 26 Klimaaktivisten, die im Herbst über den Atlantik segeln werden, um auf der UN-Klimakonferenz für nachhaltiges Reisen zu werben.

"Um die Technik des Segelns wirklich zu verstehen, musst du mitdenken. Wie funktioniert das mit dem Wind? Wie funktioniert das mit den Segeln? Warum kommen wir voran, selbst wenn der Wind nicht direkt von hinten kommt? Das ist aber nicht zwingend, gerade wenn man als Laie mitfährt. Es wird Leute geben, die dir sagen, was du zu tun hast. In Unternehmen wird heutzutage versucht, Hierarchien abzubauen, aber an Bord sind sie wichtig: Man hört auf den Captain. Um ein Schiff über den Atlantik zu segeln, muss man erfahren sein. Aber als Laie kann man definitiv mithelfen: das Schiff instand halten, die Segel anpassen, auch mal lenken – wie das funktioniert, lernt man recht schnell, wenn man auf so einem Boot unterwegs ist.

Wichtig ist, dass man anpassungsfähig ist, dass man teamfähig ist, dass man anpackt. Und dass man Ruhe bewahrt – auf keinen Fall in Panik geraten, egal in welcher Situation. Viele bei uns im Team wissen nicht, ob sie seekrank werden. Aus Erfahrung weiß ich: Die Leute erholen sich recht schnell. Und es gibt Medizin dagegen, die muss man nur vorher nehmen. Wenn man schon seekrank ist, hilft sie nichts mehr."

Nach oben Link zum Beitrag

Was sollte Greta tun, wenn sie Angst hat?

Tim Kröger ist professioneller Segler. Er hat zweimal die Welt umsegelt und am America's Cup teilgenommen.

"Grenzsituationen gehören zum Segeln dazu. Bei meinem ersten Rennen um die Welt sind wir zum Beispiel im Südpolarmeer in einen starken Sturm geraten. Als ein Beschlag drohte abzubrechen, musste ich in den 30 Meter hohen Mast klettern und ihn eine Dreiviertelstunde lang bei Dunkelheit und Schnee reparieren. In solchen Situationen hilft es mir, mich ganz auf meine Arbeit zu konzentrieren und meine Emotionen auszublenden. Auch der Gedanke, dass man mit Profis unterwegs ist, hilft. Solche Situationen warten natürlich nicht auf Greta – und wenn das Boot mal in einen Sturm geraten sollte, wird sie unter Deck bleiben. Ich kenne Boris Herrmann und Pierre Casiraghi persönlich, bei den beiden ist sie in den besten Händen. Sollte sie dennoch Angst bekommen, empfehle ich ihr, sich daran zu erinnern, dass die beiden Profis sind und zu zweit ein Boot steuern, mit dem normalerweise nur eine Person unterwegs ist."

Nach oben Link zum Beitrag

Wie schläft man gut auf See?

Thomas Plößel, 31 Jahre, segelt im deutschen Olympiakader. Bei einem zweiwöchigen Segeltörn in der Karibik hat er gelernt, unter extremen Bedingungen zu schlafen.

"Die größte Herausforderung beim Schlafen auf See sind natürlich die starken Bewegungen des Bootes. Ich erinnere mich noch an einen Seetörn in der Karibik, da war ich ständig übermüdet, weil ich viel zu wenig Schlaf bekommen habe. Neben der Nachtwache, die meinen normalen Schlafrhythmus unterbrach, hatte ich Schwierigkeiten, bei dem starken Schwanken einzuschlafen. Geholfen hat mir, sofort im Bett die Augen zu schließen und vor meinem inneren Auge andere Bilder aufzubauen. Ich habe mir vorgestellt, dass ich in einer Wiege liege, die mich sanft in den Schlaf schaukelt. Auch Greta kann ich empfehlen, Techniken des mentalen Trainings zu nutzen."

Nach oben Link zum Beitrag

Was ist die beste Ausrüstung für eine Seefahrt? Und gibt es die auch in fair und nachhaltig?

Robert Stark gründete vor 28 Jahren mit seinen Schulfreunden Stefan und Gerhard Eberle die Segelbekleidungsfirma Marinepool. Das Unternehmen stattet immer wieder Teams für Offshore-Fahrten aus.

"Bei einer Atlantiküberquerung ist richtige Kleidung, die verlässlich vor Wasser schützt, essenziell. Abgesehen von der Zeit, in der man zum Schlafen unter Deck geht, trägt man permanent, bis zu 40 Tage am Stück, die gleiche Kleidung. Auch beim Segeln empfiehlt sich das Zwiebelprinzip. Die erste Schicht ist die Unterwäsche. Sie sollte keine Nähte haben, die beim tagelangen Tragen anfangen zu scheuern. Klassische Funktionsunterwäsche aus Synthetik reicht aus, die umweltfreundlichere Variante ist aber aus Merinowolle. Die außerdem vorteilhaft ist, weil sie kaum stinkt. Die nächste Schicht heißt beim Segeln Midlayer. Für eine Atlantiküberquerung empfehle ich eine Salopette, die sieht aus wie ein Long John, ein Surfanzug ohne Ärmel. Dazu trägt man eine Jacke.

Tierfreundlicher als Daune ist ein Midlayer aus PrimaLoft. Das ist zwar eine Kunstfaser, sie besteht aber bis zu 70 Prozent aus recyceltem Plastik und ist wie Daunenfedern leicht und wärmend. Die dritte Schicht ist das sogenannte Ölzeug, eine wasserabweisende Jacke und Hose. Hierbei lässt sich leider nicht auf Plastik verzichten. Zwar gibt es auch Öljacken und -hosen aus recycelten Kunststoffen, aber auch die sind beschichtet. Ohne die Chemiekeule lässt sich Wasserabweisbarkeit nur schwer erreichen. Am nachhaltigsten ist es meiner Meinung nach, wenn man die Kleidung viele Jahre lang verwendet."

Nach oben Link zum Beitrag

Wie soll Greta mit ihren Kritikern umgehen?

Frank Roselieb ist Direktor des Kieler Instituts für Krisenforschung und berät Unternehmen bei der Öffentlichkeitsarbeit.

"Gretas Segeltrip sorgt bei einigen Menschen für Ärger, weil sie indirekt fordert, dass alle auf das Flugzeug verzichten und mit dem Segelboot in die USA fahren sollten. Für viele Menschen ist das aber unrealistisch. Sollte der Shitstorm größer werden, empfehle ich ihr, sofort nach ihrer Ankunft in New York ein Statement abzugeben. Am besten sie sagt, dass sie es bedauert, dass ihre Reise für Missverständnisse gesorgt hat, und sie könnte konkrete Forderungen an die Politik richten, wie auch normale Menschen umweltfreundlich reisen können. So eine Aussage kann ein Zeichen von Stärke sein und sie beugt dem Eindruck vor, dass sie allzu weltfremd sei."

Nach oben Link zum Beitrag

Was ist das beste Seemannslied?

Seit 30 Jahren leitet Hans Rodax den Shantychor der Hansestadt Herford. Als junger Mann war er vier Jahre bei der Marine, 1966 segelte er mit dem Schulschiff "Donau" einmal um die Welt.

Mein liebstes Seemannslied ist Ich hab Heimweh nach St. Pauli ("die Sehnsucht brennt viel schlimmer als Jamaikarum, die kriegt man aus dem Herzen gar nicht raus"). Mit dem Shantychor haben wir das Dutzende Male gesungen. Aber auch damals bei der Marine. Da saßen wir auf dem Oberdeck der Donau, einer hatte seine Mundharmonika dabei, ein anderer die Gitarre. Das Lied vertont die Vorfreude des Seefahrers auf sein Zuhause.

Richtig versteht man das erst, wenn man mal monatelang unterwegs war. Bei unserer Weltumseglung 1966 haben wir mehr als 27.800 Seemeilen zurückgelegt, mit Stationen in Ceylon, Melbourne, Hawaii, Panama und vielen anderen Häfen. Mit so einem Lied – ein Shanty ist es nämlich gar nicht – hat man die Heimat immer ein wenig dabei. Echte Shantys waren sehr gleichförmige Arbeitslieder, die einen Rhythmus vorgaben. Sie sorgten dafür, dass die Männer im Gleichtakt bestimmte Arbeiten verrichteten, etwa Segel setzen oder Anker hieven. Die meisten kommen aus den Seefahrernationen England und Niederlande. Das einzige deutsche Shanty heißt Hamborger Veermaster.

Nach oben Link zum Beitrag