Viele junge Menschen können mit Parteien nichts anfangen. Das heißt nicht, dass sie politikverdrossen sind – im Gegenteil. Ein Auszug aus dem Buch "Verwende deine Jugend"

Generation Y

Die erste Wahl ist ein erstes Mal wie jedes andere. Und wie alle ersten Male, das erste Mal küssen, Alkohol trinken, abstürzen oder Sex, will auch das erste Mal wählen gut vorbereitet sein. Da sind Eltern, Schulen, Freunde, ältere Bekannte, also die mitwählende Gesellschaft, aber auch die Medien und natürlich die PolitikerInnen und Parteien selbst gefragt. Damit man als ErstwählerIn so gut vorbereitet ist, dass man in dem Moment, in dem es drauf ankommt, die für sich persönlich richtige Entscheidung treffen kann. Was nicht heißt, dass man auch dieses erste Mal nicht irgendwann bereut oder zumindest hinterfragt.

Ich habe während meines Studiums jedenfalls niemandem erzählt, wen ich im Jahr 2005, bei meiner ersten Wahl, gewählt habe. Ich war gerade vom niedersächsischen Dorf nach Berlin gezogen und bewegte mich dort an der Freien Universität in einem eher links-grünen Milieu. Gleich am ersten Tag bekamen wir eine Campus-Führung von einem AStA-Mitglied, das jedes Klischee von einem AStA-Mitglied erfüllte, ein langhaariger Langzeitstudent mit Antifa-Pulli, von außen schluffig, aber politisch felsenfest ganz links, weshalb er die Otto-von-Simson-Straße, also die Straße, die direkt am Hauptgebäude der FU entlang führt und die Tausende Studierende jeden Tag auf und ab zur U-Bahn, ins Seminar, in die Vorlesung, zur Kantine und wieder zurück laufen, unbedingt in Rudi-Dutschke-Straße umbenennen wollte. Dutschke, der Wortführer der deutschen 68er, hatte ab 1961 an der FU Soziologie studiert. Von seinem Geist fühlten sich viele Studierende an der Berliner FU im Jahr 2006 noch umweht. Gerade die Sozial- und Geisteswissenschaften, also auch mein Institut, pflegten das emanzipatorische Vermächtnis der Studentenbewegung der Sechziger- und Siebzigerjahre, wenn auch kritisch gegenüber der politischen Radikalisierung einiger.

Wie sich mit den Jahren herausstellte, fühlte ich mich in dem politischen Klima meiner Uni viel wohler als auf den Partys der Jungen Union, auf denen ich mich in meiner Jugend rumgetrieben hatte. Trotzdem fiel meine Wahl ein Jahr zuvor, gleich zu Beginn meines letzten Schuljahres, auf Angela Merkel. Nicht unbedingt, weil meine Eltern auch CDU wählten, sondern weil ich Gerhard Schröder unerträglich fand. Es war eher eine Wahl gegen ihn und seinen Typ Macho-Politiker, als für Merkel als Frau oder für ihre Agenda. Aber ich traf eben doch dieselbe Wahl wie meine Eltern. Dass durchschnittlich jede/r zweite ErstwählerIn sich für dieselbe Partei wie seine/ihre Eltern entscheidet, fand der Professor für Empirische Bildungsforschung Hans Peter Kuhn von der Universität Kassel bereits Ende der Neunziger in einer Studie heraus. In einem Interview mit ZEIT Campus beschrieb er im September 2017, dass sich der Forschungsstand zu diesem Thema seitdem nicht verändert habe. Noch immer hat die politische Einstellung der Eltern großen Einfluss auf die Wahlentscheidung von ErstwählerInnen. So hat wahrscheinlich auch Leo (ein Teilnehmer eines DEMO-Workshops, den ich im Wahljahr 2017 an einer Fachoberschule in München getroffen habe) wie seine Eltern gewählt, obwohl sich das Programm der CSU im Laufe unseres gemeinsam verbrachten Workshop-Tags eigentlich als unpassend herausgestellt hatte, weil es sich in Sachen Asyl-, Sozial- und Klimapolitik explizit gegen seine Interessen richtete. Falls er überhaupt wählen gegangen ist.

"Die Jugend von heute ist nicht politikverdrossen. Sie ist parteienverdrossen."

Die Wahlfaulheit der Jugend hat in Deutschland Tradition. Seit der zweiten Wahl nach dem Krieg, seit 1953, erhebt das Statistische Bundesamt eine repräsentative Wahlstatistik nach Alter und Geschlecht. Und seitdem gehen die unter 30-Jährigen durchgehend am seltensten von allen wählen. Auch 2017 blieben 31,5 Prozent der unter 30-Jährigen zu Hause, das sind fast drei Millionen junge Menschen. Doch die faulsten der Faulen sind die 21- bis 24-Jährigen, also diejenigen, die gerade in der ersten Phase ihres neuen Erwachsenenlebens stecken. Mit nur 67 Prozent sind sie 2017 am seltensten wählen gegangen. Es haben sich also mehr als zehnmal so viele SeniorInnen in die Wahlkabine gekämpft als StudentInnen mit Smartphone. Dass sich das gerade ändert, zeigen die Ergebnisse der Europawahl. Die Wahlbeteiligung war mit 61,4 Prozent so hoch wie seit 1994 nicht mehr. Und in ganz Deutschland titelten die Zeitungen am nächsten Tag "Die neue Macht der Jugend" oder "Die Jugend fordert Mitsprache", weil die WählerInnen unter 30 vor allem das gute Ergebnis der Grünen beeinflusst hatten, die in Deutschland auf 20,5 Prozent der Stimmen kamen. Bei den WählerInnen unter 25 Jahren kamen Die Grünen gar auf 34 Prozent und wurden in allen Altersgruppen unter 44 Jahren stärkste Kraft.

Die Jugend von heute ist nicht politikverdrossen. Sie ist parteienverdrossen. Alle großen Jugendstudien der letzten Jahre, wie die Shell-Jugendstudie oder die Sinus-Studie, haben herausgefunden, dass die Jugend von heute nicht nur pragmatisch und pflichtbewusst, familienorientiert und optimistisch ist, sondern vor allem, dass sie sich im Vergleich zu vorherigen Generationen zunehmend politisiert. Nur eben nicht in Richtung der Parteien und dem etablierten Politikbetrieb, sondern in Abgrenzung zu dem, was gemeinhin als "die Politik" verstanden wird.

Laut der Shell-Studie von 2015 haben nur drei bis vier Prozent der Jugendlichen schon mal Erfahrungen in politischen Organisationen gesammelt. Das hat einerseits mit der Komplexität der Parteien zu tun, die auf junge Menschen oft abschreckend wirkt. Es hängt aber wohl auch damit zusammen, dass solcherart Politik für Jugendliche ein Synonym für Intransparenz und Taktiererei darstelle, wie die Sinus-Studie es formulierte. So stünden junge Menschen dem etablierten Betrieb nicht nur weitgehend leidenschaftslos gegenüber, vielmehr langweilten Politik und PolitikerInnen sie geradezu. Den Parteien wird außerdem unterdurchschnittlich wenig Vertrauen entgegengebracht.

Der Großteil der jungen Menschen interessiert sich nicht für Politik in Form von Parteitagen, Pressekonferenzen und Wahlwerbespots. In den meisten Fällen erreichen diese Veranstaltungen und Botschaften sie kaum noch: Fast zwei Drittel von ihnen informieren sich gar nicht über den politischen Betrieb. Für die Parteien und ihr Personal ist das ein Desaster. Weil es eben keine Absage an das Politische an sich ist, sondern eine Absage an die Art und Weise, wie Politik von Parteien gemacht wird.