Rechter als Opa – Seite 1

Gerade haben wir noch über Fridays for Future gestaunt – jetzt ist die AfD bei den Jungen im Osten stärkste und zweitstärkste Kraft. Was ist da los?

Für mich war immer klar: Die Alten wählen rechts, wir Jungen links. Ich würde sogar behaupten, dass mich Wahlergebnisse bislang nie wirklich betroffen machten – weil ich immer eine gewisse Distanz zu den Verursachern, einer rechtswählenden, einfach uralten Mehrheit hatte. Es war nie ich, waren nie meine Leute, die so gewählt hatten.

Mögen sich die Alten doch nach ihrer alten, heilen Welt verzehren und konservative bis rechte Parteien wählen, dachte ich nach den ersten Hochrechnungen. Sollen sie doch den Ist-Zustand in Zement gießen – wir jungen Linken hauen das eh bald alles zu Staub.

Ich stellte mir in Wahlnächten also immer meinen Opa vor, der heute manchmal noch von seiner Kindheit in der Napola schwärmt, der Eliteschule der Nationalsozialisten.

Doch die Ergebnisse der Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen machen mich ziemlich fertig. Die jungen Ostdeutschen wählten rechts und sie wählten rechter als ihre Großeltern. 22 Prozent der wahlberechtigten Sachsen unter 30 gaben ihre Stimme der AfD – drei Prozent mehr als die Grünen erhielten und damit mehr als jede andere Partei. In Brandenburg, wo auch 16-Jährige abstimmen können, landete die AfD bei den jungen Wählerinnen und Wählern einen Prozentpunkt hinter den Grünen.

Tatsächlich waren es also die Sachsen ab 60, die zu 41 Prozent CDU wählten, oder die Brandenburger ab 70, die zu 42 Prozent SPD wählten, die die Ost-AfD den Wahlsieg kosteten. 

Wer verstehen will, warum so viele junge Ostdeutsche so rechts wählen, muss nur über die Grenze nach Polen schauen. Bereits 2015 stimmten zwei Drittel der jungen Polen für Parteien rechts der Mitte, die meisten davon für die regierende, nationalkonservative PiS-Partei.

Eine Studie des kommerziellen Forschungsinstituts IQS in Warschau sieht eine Erklärung in enttäuschten Erwartungen. Durch die EU stieg in Polen zwar der Wohlstand – aber in westeuropäischen Ländern wie Deutschland stieg er noch viel stärker. 

Die Klimafrage spaltet die junge Generation

Auch viele junge Ostdeutsche sind mit einem Gefühl der Ungerechtigkeit aufgewachsen. Dem Westen gehe es immer noch viel besser, obwohl die Generation der Eltern auf die Straße gegangen ist, um ein Land zu werden.

Es gibt heute weniger Jobs, weniger Geld im Osten. Die Pay Gap zwischen Ost und West ist größer als die zwischen Männern und Frauen. Was tun die jungen Leute also? Zum einen: Sie ziehen weg. Eine Studie fand heraus, dass mehr als die Hälfte aller Uni-Absolventen Brandenburgs das Bundesland nach dem Studium verlässt. In Sachsen ist es fast ein Viertel, in Sachsen-Anhalt sogar zwei Drittel. "Der Osten verliert massiv Absolventen, während Stadtstaaten und wirtschaftlich ohnehin starke Regionen gewinnen", hieß es in der Studie. 

Die meisten jungen Leute verliert Sachsen übrigens an Berlin. Wenn Kraftklub singen "Ich will nicht nach Berlin", dann ich das auch ein Aufruf an ihre Generation, dazubleiben.

Wer bleibt, tut das in einer großen Stadt. "Leuchttürme" nennt man Städte wie Leipzig oder Potsdam. In Leipzig gewannen eine Linke und zwei Grüne Direktmandate. Und als Andreas Kalbitz – der Brandenburger AfD-Spitzenkandidat mit rechtsextremer Vergangenheit – vom ZDF interviewt wurde, hielt hinten im Bild eine junge Frau ein Schild hoch: "Rassisten sind keine Alternative". War sie da wieder, die junge, linke Generation? Das Schild hielt eine 19-jährige Hanna aus, klar, Potsdam.

Landtagswahlen
Wie weit ist die AfD von der Macht entfernt?
Die AfD hat in Brandenburg und Sachsen Rekordergebnisse erzielt. Warum man trotzdem auch optimistisch auf die Wahlen im Osten blicken kann

Die Mehrheit der jungen Leute, die AfD wählen, lebt nicht in Potsdam. Und um ehrlich zu sein: Ich kenne sie nicht. Im Vorfeld der Wahlen spielten sie keine Rolle. Wer hätte gedacht, dass die AfD gerade bei den Erstwählern gewinnen wird? Aber wahrscheinlich wird es wichtig werden, sie kennen und verstehen zu lernen.

Die jungen AfD-Wähler des Ostens leben zum Beispiel in Cottbus, in der Lausitz. Hier, wo es Fridays for Future besonders schwer hat, hängen nicht nur 24.000 Arbeitsplätze von der Braunkohle ab, sondern die Kohleindustrie sponsert auch Stadtfeste. Der lokale Fußballverein heißt Energie – und wird von einem Unternehmen gesponsert, das Kohle zu Strom macht.

In Ostdeutschland ist die ökologische Frage eine Identitätsfrage.

In Ostdeutschland, wo mit vier Kohlekraftwerken vier der zehn größten CO2-Verursacher Europas stehen, ist die ökologische Frage also auch eine soziale Frage, eine Identitätsfrage. Würde ich auf eine Demonstration gehen, wo gegen den Arbeitsplatz meiner Mutter oder meines Vaters protestiert wird? Wahrscheinlich nicht.

Wenn junge Sachsen und Brandenburger mehrheitlich AfD und Grüne wählen, dann scheint die Klimafrage hier eine junge Generation zu spalten. Wie finden wir da wieder raus?

Zwei Hoffnungsschimmer: Die Grünen werden in Brandenburg und in Sachsen wohl mitregieren. In beiden Ländern kommt das Thema der jungen Generation, die Braunkohle, also schon bei den Koalitionsverhandlungen auf den Tisch.

Zweitens stellte sich Sachsens Ministerpräsident Kretschmer schon einmal auf die Seite von Fridays for Future. Zur Erinnerung: Der Mann, der die AfD besiegte, indem er unermüdlich durch Sachsen tourte. Wer weiß, vielleicht erreicht er ja auch die jungen ostdeutschen AfD-Wähler. Hoffentlich, bevor alle anderen nach Berlin gegangen sind.