Hunderttausenden Armeniern gelang die Flucht vor dem Völkermord. Eine Organisation bringt die Nachfahren zurück und hofft auf Rückkehrer.

Generation Y

In diesen Tagen kommt David van Groeningen dem Land seiner Vorfahren ganz nah. Für sechs Wochen ist er in Armenien, um als freiwilliger Helfer mit Sanitätern im Krankenwagen durch Gjumri zu fahren, die zweitgrößte Stadt des Landes. Heute bringen die Sanitäter eine alte Frau nach einer Operation aus dem Krankenhaus zurück in ihr Häuschen am Stadtrand. Am Ende einer Schotterstraße wird der Pfad unwegsam, der Krankenwagen kommt nicht mehr weiter. Die Helfer holen einen Stuhl aus dem mit Brettern verschlagenen Haus und tragen die alte Dame ins Innere.  

David schaut mehr zu, als dass er mit anpackt. Beobachtet, wie die Sanitäter die Frau ins Bett tragen. Er selbst ist kein Sanitäter und kein Arzt, jedenfalls noch nicht, aber er ist hier, weil er das Herkunftsland seiner Familie besser kennenlernen möchte.  

David vor der Notrufzentrale in Gjumri: Die Krankenwagen hat der chinesische Staat gespendet. © Anna-Theresa Bachmann für ZEIT Campus ONLINE

Davids Mutter ist in Armenien geboren, hier in der Stadt Gjumri. 1988 bebte hier die Erde, das Haus der Familie von Davids Mutter stürzte ein. 25.000 Menschen starben damals in der Region, eine Million wurde obdachlos. Ein junger niederländischer Arzt kam, um zu helfen, Davids Vater. Jetzt ist es David, der in Armenien hilft. Zumindest ein wenig. Die Wucht des Erdbebens lässt sich noch erahnen: Meterlange Risse ziehen sich durch die Fassaden der Häuser aus dunklem Tuffstein. Im Stadtzentrum, wo sich ein Café ans nächste reiht, sind die Bordsteine abgesperrt, damit sie endlich saniert werden können – 30 Jahre nach der Katastrophe. 

Aufgewachsen ist David abwechselnd in Deutschland und den Niederlanden. Die Grenze zwischen beiden Ländern existiert für ihn nur auf dem Papier. In Nijmegen studiert der 23-Jährige Medizin, seine Eltern wohnen in Düsseldorf. Seit er von zu Hause ausgezogen ist, sei ihm Familie wichtiger geworden, sagt er. Und der Drang werde größer, mehr über seine Vorfahren aus dem kleinen Land im Kaukasus zu erfahren, das David bisher aus Familienurlauben kannte. 

Zurück in der Rettungsstation wartet David darauf, dass das Telefon zum nächsten Einsatz ruft. Er muss heute viele Eindrücke verarbeiten: die Rettung einer Schülerin, die versucht hatte, sich mit Tabletten zu vergiften, ein hepatitis-c-kranker Mann mit Schwächeanfall. Und noch ist der Tag nicht vorbei. Die Sanitäter vertreiben sich die Zeit zwischen den Einsätzen mit einer armenischen Seifenoper, die aus dem Fernseher dröhnt. David unterhält sich mit allen auf Armenisch. Er spricht die Sprache so gut, dass er mit den anderen Witze machen kann. Dreimal die Woche hilft er den Sanitätern des Roten Kreuzes, an zwei Tagen beobachtet er die Ärzte im Operationssaal des Krankenhauses.

David ist Teilnehmer an einem Programm, das es jungen Leuten mit armenischen Vorfahren aus aller Welt ermöglicht, die Heimat ihrer Verwandten kennenzulernen. Acht bis zehn Millionen Armenierinnen und Armenier leben auf der Welt verstreut, dreimal mehr als in Armenien selbst. Unzählige hatten ihre Heimat im Lauf des vergangenen Jahrhunderts verlassen müssen, und viele der Nachkommen kennen das Land nur noch aus Familienerzählungen.

Bis zu 1,5 Millionen Menschen wurden 1915 bis 1916 während des Völkermords an den Armeniern im Osmanischen Reich umgebracht. Damals befand sich das Siedlungsgebiet der christlichen Armenier zwischen den Fronten rivalisierender Mächte. Es gehörte teils zum Osmanischen Reich und teils zum Russischen Zarenreich – und die Regierung in Konstantinopel bezichtigte die Armenier des Verrats. Wer nicht ermordet wurde, wurde deportiert oder auf Todesmärsche geschickt. Hunderttausenden gelang die Flucht ins Ausland. Heute gibt es in vielen Teilen der Welt armenische Diasporagemeinden, die größten davon in Russland und den USA.