Jonas lebt auf dem Land. Außer Parkplätze für schnellen Sex gab es keine Orte, wo sich Schwule trafen. Jonas wollte trotzdem nie in die Stadt. Und fand auch so die Liebe.

Liebe und Sex

Wenn sie nicht im Bett gelandet wären, hätte Jonas eben die Gästematratze hervorgeholt. Wegen der 60 Kilometer. So weit musste Georg für ihr erstes Date fahren. An einem Freitag im März vor vier Jahren war das, damals stieg Georg in den Zug von seinem Wohnort Dornbirn nach Ravensburg zu Jonas. Einen Schlafplatz hätte ihm Jonas auf jeden Fall geboten – wenn nicht im eigenen Bett, dann zumindest im WG-Zimmer, sagt der 25-Jährige. Denn Züge fahren spät abends keine mehr und auch mit dem Taxi hätte er Georg schlecht auf die andere Bodensee-Seite nach Dornbirn in Österreich schicken können. Nicht bei 60 Kilometern Fahrtweg.



In der Bodenseeregion sind die Wege weit, von den Landstraßen sieht man Wälder, Weiden und die Alpen. Große Städte wie Zürich, München oder Stuttgart sind mindestens zwei Autostunden entfernt. Für Jonas Lang ist das kein Problem, er war immer zufrieden mit seinem Leben im ländlichen Idyll. Hier hat er Familie, Freunde und einen Job als IT-Techniker in einer Fabrik für Möbelbeschläge. Erste sexuelle Erfahrungen mit anderen Männern machte er nicht auf Partys in der Großstadt, sondern in kleinen Orten in der Bodenseeregion wie Tettnang oder Grünkraut. 



Für die Suche nach einer Beziehung hat sich Jonas bei den Dating-Apps Grindr und Planet Romeo angemeldet. Eigentlich nichts Außergewöhnliches. Allerdings musste Jonas seinen Suchradius sehr weit einstellen, um überhaupt schwule Singles zu sehen. Wie weit, weiß er nicht mehr so genau. Aber einmal ist er für ein Date fast 100 Kilometer ins Allgäu gefahren. Hatte er für die Arbeit Außeneinsätze in fremden Dörfern, gehörte ein Blick in die Apps dazu. Denn die meisten schwulen Männer in und um Ravensburg kannte er irgendwann, zumindest vom Schreiben. Als er schon Angst hatte, dass er nie den Richtigen treffen würde, schrieb ihm Georg aus Dornbirn. Sie chatteten nur drei Tage bis zum ersten Date – lieber früh persönlich kennenlernen, als ewig zu schreiben, dachte Jonas.


Seine Gästematratze musste er nicht hervorkramen, als Georg kam. Er blieb das ganze Wochenende. Heute leben Jonas und Georg in Dornbirn auf der österreichischen Seite des Bodensees. Seit vier Jahren sind sie in einer Beziehung, vor drei Jahren zog Jonas zu Georg nach Dornbirn, 50.000 Einwohner. Sechseinhalb Kilometer bohrt sich ein Tunnel auf dem Weg dorthin durch einen großen Berg von der deutschen zur österreichischen Seite. In Österreich führt Jonas nun das Leben, das er sich als junger Schwuler immer gewünscht hat: Hier ist er nicht mehr auf Partnersuche, sondern in einer glücklichen Beziehung.



© Philip Frowein

Man könnte denken: Wer als Homosexueller auf dem Land aufwächst, zieht in die Stadt, sobald er kann. Zu wenig andere Schwule in der Provinz, dafür umso mehr tratschende Nachbarn. Aber Jonas ist geblieben und zeigt: Schwul und glücklich kann man auch fernab der Großstadt sein. Zwar bietet das Land vielleicht weniger Abenteuer, geilen Fetisch oder schnellen Sex. Dass man dort nicht trotzdem den Mann fürs Leben finden kann, heißt das aber nicht.



Wie jeden Samstagvormittag schlendert Jonas, grau-grünes T-Shirt, kurze blonde Haare, über den Dornbirner Markt. Er legt seinen Arm um Georg. Der 30-Jährige arbeitet in einer Firma für Industriewerkzeuge, vom Landleben als schwules Paar lässt er lieber Jonas erzählen.



An den Marktständen werden Schnittblumen, Leberkäse und Fisch verkauft, einen kurzen Spaziergang entfernt erheben sich die Alpen. "Hallo, gute alte Bekannte!", ruft der schnauzbärtige Verkäufer am Antipasti-Stand über die Theke. Als die gefüllten Paprika und getrockneten Tomaten bezahlt sind, spendiert er noch eine Portion Frischkäse. Jonas lacht. "Der erinnert sich nicht an alle Kunden so gut wie an uns. Wir sind das wahrscheinlich bekannteste Paar Dornbirns", sagt er.



Einmal, so erinnert sich Jonas, erzählte ihm eine Supermarkt-Kassiererin, dass sich eine Kundin nach "den Schwulen" erkundigt habe. "Die Frau hatte uns länger nicht gesehen und fragte sich, ob wir wohl im Urlaub seien", erzählt Jonas. Die unfreiwillige Prominenz sei anfangs noch irritiert gewesen, mittlerweile freue er sich aber sogar ein bisschen darüber. "In Dornbirn redet man über alles und jeden, wir sind halt das schwule Pärchen. Das ist eben ein Dorfleben hier." Beide haben sich zwar an die Nähe zur Nachbarschaft gewöhnt, aber es ist nicht überall so harmonisch: "Es gibt viele Dörfer, wo jeder jeden kennt und viel gelästert wird. Da wird man schnell zum Opfer."