Ein Vater verschiebt seinen Urlaub. Ein Erzieher will Teil einer globalen Bewegung sein. Warum diese Menschen heute fürs Klima streiken. Und was sie sich davon erhoffen.

Fridays for Future

Der eine fliegt mit schlechtem Gewissen um die Welt. Der andere baut emissionsfreie Häuser. In mehr als 500 Städten in Deutschland demonstrieren heute Menschen für mehr Klimaschutz. Allein in Berlin sind mehr als 270.000 auf die Straße gegangen. Nicht nur Schülerinnen haben den Unterricht geschwänzt. Fridays for Future haben auch Erwachsene aufgerufen, ihre Arbeit niederzulegen. Wer sind die Menschen, die für mehr Klimaschutz streiken? ZEIT Campus ONLINE hat auf der Großdemo in Berlin zwölf Klimastreikende getroffen.

"Ich schwänze heute nicht nur den Unterricht"

Senta Lauffer, 11, Schülerin aus Berlin © Lena Mucha für ZEIT ONLINE

"Ich schwänze heute nicht nur den Unterricht, sondern sogar einen Spendenlauf, den meine Schule organisiert hat. Damit sammeln wir Geld für den brasilianischen Urwald. Ich halte es aber für wichtiger, hier Teil der großen Demonstration zu sein. Geld gespendet haben meine Mutter und ich trotzdem. So können wir überall etwas bewirken."

"Es ist meine Pflicht, heute zu demonstrieren"

Thuy Anh, 31, arbeitet in der Wissenschaftskommunikation, aus Berlin. © Lena Mucha für ZEIT ONLINE

"Ich arbeite in der Wissenschaft, deshalb ist es meine Pflicht, heute zu demonstrieren. Denn die Forschung zeigt: Der Klimawandel ist real, da kann es keine zwei Meinungen geben, das ist keine Glaubenssache. Heute Morgen haben wir im Büro gemeinsam Plakate gemalt und Schilder beschriftet, dann haben wir uns auf den Weg zum Brandenburger Tor gemacht. Mein Arbeitgeber, die Initiative Wissenschaft im Dialog, unterstützt uns dabei. Vielleicht ist das dann kein richtiger Streik, aber eine große Demonstration kann bestimmt auch viel bewegen."

"Es gibt kaum noch Schnee im Winter"

Serdar Gül, 34, arbeitet als Erzieher in Berlin. © Lena Mucha für ZEIT ONLINE

"Ich bin heute allein gekommen, möchte Teil einer globalen Bewegung sein und die Gesellschaft als Ganzes verändern. Man spürt: Da bewegt sich etwas. Endlich gehen die Leute auf die Straße. Ich bin Erzieher und denke auch an die Zukunft unserer Welt. Die globale Erwärmung spürt man ja jetzt schon in der Stadt. Es gibt auch in Berlin kaum noch Schnee im Winter, im Sommer starke Hitzewellen. In meiner Jugend gab es einmal im Jahr einen Umwelttag in der Schule, heute geht die ganze Generation freitags auf die Straße. Ich will sie dabei unterstützen."

"Meine Eltern haben wenig Verständnis"

Betty, 28, Art Director aus Düsseldorf © Lena Mucha für ZEIT ONLINE

"Ich bin das erste Mal bei einer Klimademo. Eigentlich lebe ich in Düsseldorf und arbeite als Art Director. Früher habe ich mir nicht so viele Gedanken über den Klimawandel gemacht. Heute ist er Teil meines Lebens. Seit zwei Monaten lebe ich vegetarisch und bald versuche ich, vegan zu leben. Ich kaufe keine Plastiktüten mehr, frage mich bei jedem Einkauf, ob ich die Artikel wirklich brauche. Meine Eltern haben dafür wenig Verständnis, sie sind einfach aus einer anderen Generation. Vielleicht ändert sich auch ihr Bild, wenn sie die Massen vor dem Brandenburger Tor auf dem Bildschirm sehen."

"Ich will etwas dafür tun, dass der Klimawandel aufgehalten wird"

Teresa Haub, 19, Abiturientin aus der Nähe von Gießen © Lena Mucha für ZEIT ONLINE

 
"Vor zwei Monaten bin ich aus meinem Freiwilligen Sozialen Jahr in Namibia zurückgekehrt. Dort herrschen Wassermangel, extreme Dürre, Trockenheit. Dort wurde mir der Klimawandel so richtig bewusst. Ich will etwas dafür tun, dass er aufgehalten wird. Deshalb demonstriere ich, kaufe nur noch regionale Produkte, spare Wasser. Ich möchte Lehrerin werden und dann auch in der Schule dazu beitragen, dass junge Menschen klimabewusst aufwachsen."

"Meine Lehrer sind nicht gerade begeistert"

Yoel Shekel, 11, Schüler aus Berlin © Lena Mucha für ZEIT ONLINE

"Ich bin Schüler an einem jüdischen Gymnasium. Um hier sein zu können, schwänze ich den Unterricht. Nur zwei Mitschülerinnen machen mit. Auch meine Lehrer sind nicht gerade begeistert, offiziell wird mir deshalb ein Fehltag eingetragen. Doch das ist mir egal. Meine Eltern unterstützen mich. Sie wollen auch, dass ich heute mit meinen Freunden etwas gegen den Klimawandel tun kann."

"Für den Klimaschutz auf die Straße zu gehen, ist neu für mich"

Christina Gueye, 41, Erzieherin © Lena Mucha für ZEIT ONLINE

"Ich habe schon gegen Mieterhöhungen demonstriert und für höhere Erziehergehälter gestreikt. Doch für den Klimaschutz auf die Straße zu gehen, ist neu für mich. Anfang des Jahres war ich bei der Hochzeit meiner Schwester in Mosambik. Kurz danach gab es dort diese schreckliche Naturkatastrophe, den Zyklon Idai. So etwas darf sich nicht wiederholen. Im Kleinen trage ich in meiner Kita dazu bei. Wir nutzen recyceltes Papier, verzichten auf Plastik, trennen Müll. Heute demonstriere ich, damit auch die Politik etwas verändert.

"Wenn man etwas erreichen will, dann muss das auch ein bisschen wehtun"

Frederik Leidloff, 32, Vater aus Berlin © Lena Mucha für ZEIT ONLINE

"Ich bin mit meinem kleinen Sohn hier. Eigentlich wollten wir heute nach Brandenburg in einen kleinen Familienurlaub fahren, aber das haben wird verschoben, um beim Streik dabei sein zu können. Wenn man das Klima schützen will, dann muss das auch ein bisschen wehtun. Sonst ändert sich nichts. Wir essen zu Hause kein Fleisch mehr, beziehen Ökostrom, sind sogar schon mit der Bahn bis nach Portugal gefahren, um dort Urlaub zu machen. Auch morgen werden wir wieder mit der Bahn verreisen. Mit kleinen Schritten fängt es an."

"Sogar meine Oma macht sich jetzt darüber Gedanken"

Signe Heins, 29, Studentin aus Berlin

"Ich studiere Global Change Management. Jahrelang hat sich auf diesem Feld nichts bewegt. Doch jetzt verändert sich etwas. Alle reden über den Klimawandel, sogar meine Oma macht sich jetzt darüber Gedanken. Du machst doch etwas mit Zukunft, sagte sie letztens zu mir. Doch ich will nicht nur Wandel studieren, sondern auch etwas in meinem Alltag bewegen. Unsere Urlaube machen wir nur noch mit der Bahn oder dem Fahrrad – damit auch meine Kinder irgendwann noch einen Planeten zum Leben haben."

"In meiner Heimat Australien herrscht Klimastillstand"

Luv Sood, 23, aus Sydney und zu Besuch in Berlin © Lena Mucha für ZEIT ONLINE

"Heute sind in Sydney Zehntausende junge Menschen auf die Straße gegangen. Ich konnte nicht dabei sein und nehme deshalb heute in Berlin teil. Der Klimastreik ist eine internationale Bewegung, ich bin Teil einer globalen Aktion. Nur so kann weltweit genug Druck ausgeübt werden. An der Regierung in meiner Heimat Australien lässt sich gut beobachten, weshalb noch viel geschehen muss. In meinem Land herrscht Klimastillstand. Die Politik tut fast nichts gegen den Klimawandel. Ich studiere Maschinenbau und sehe jeden Tag, wie in der Industrie Ressourcen verschwendet werden. Gleichzeitig bin ich trotz schlechten Gewissens nach Deutschland geflogen. Ich muss mich bessern, die Politik muss es tun. Vielleicht können Demonstrationen wie diese das Bewusstsein dafür verändern."

"Die Regierung muss handeln"

Samuel Engel, 25, Student aus Berlin © Lena Mucha für ZEIT ONLINE

"Ich war schon bei den Demonstrationen von Fridays for Future dabei. Doch das heute ist etwas Besonderes, der Streik ist ein weltweites Event. Wir alle müssen handeln. Ich lebe deshalb vegan, fahre kein Auto, vermeide Verpackungsmüll. Gleichzeitig weiß ich, dass der einzelne Mensch nicht so viel bewegen kann. Die Regierung muss handeln. Vielleicht können aber viele einzelne Menschen gemeinsam etwas tun, so wie heute. Ich hoffe, das wird dann auch im Kanzleramt gehört."

"Wir haben Geschäftsreisen stark eingeschränkt"

Alexander Paul, 49, Architekt aus Berlin

"Ich arbeite als Architekt. Vor ein paar Jahren hat man in meiner Branche noch wenig an klimagerechtes Bauen geglaubt. Heute setzen wir ganze Bauprojekte emissionsfrei um. Aus Überzeugung. Auch Geschäftsreisen haben wir stark eingeschränkt, immerhin sind Flüge für einen bedeutenden Teil unserer ökologischen Fußabdrücke verantwortlich. Privat esse ich schon weniger Fleisch, als Nächstes möchte ich mir ein Elektroauto zulegen. Jeder kann seinen kleinen Teil dazu beitragen, den Planeten zu retten."

Klimawandel
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