Viele junge Krebspatienten verlieren alles: Ihre Wohnung, ihre Arbeit, ihr Erspartes. Weil der Staat sie vergisst. Ärzte fordern eine Reform.

Chemotherapie, Jobcenter, Operation. Wenn Katharina Meier von ihrem letzten Jahr erzählt, fallen abwechselnd diese Begriffe. Wie ein Dreiklang, der nicht zusammengehören will. Im Februar letzten Jahres ertastete Katharina einen Knoten in ihrer Brust. Von einem auf den anderen Tag war das Leben der 25-Jährigen ein anderes. Erst wurde sie plötzlich krank, dann zum Sozialfall. "Den Antrag auf Hartz IV stellen zu müssen, während man eigentlich andere Sorgen hat, ist eine Qual", sagt sie. Das war nur einer von vielen stressigen Behördengängen in einer Zeit, in der sie sich eigentlich erholen sollte. Nach allen Abzügen habe sie 150 Euro zum Leben gehabt, sagt sie. Regelmäßig musste sie sich neue Kleidung kaufen, weil sie als Nebenwirkung der Therapie stark zugenommen hatte. "Doch wovon?", sagt Katharina. Ein Urlaub zur Erholung nach der Chemo? Finanziell nicht möglich. Ein Tanzkurs, um sich — wie von Ärzten empfohlen – zu bewegen und abzuschalten? Auch nicht drin. Stattdessen musste Katharina Anträge für Versicherungen und das Jobcenter schreiben.

Heute erzählt sie auf dem Schulhof einer Potsdamer Grundschule ihre Geschichte. Hier sollte eigentlich alles anders werden. Sie war gerade frisch nach Potsdam gezogen, hatte ein Referendariat begonnen, danach wollte sie als Lehrerin arbeiten. Katharina trägt einen orangenen Mantel und dünne schwarze Handschuhe, ihre Hände sind sehr empfindlich. "Während der Therapie funktioniert man. Erst im Anschluss bricht die Welt zusammen." Katharina fragte sich, wie ihr Leben nach der Chemotherapie aussehen würde. Wann würde sie sich wieder gesund fühlen? Könnte sie noch Kinder bekommen? Gleichzeitig taten sich andere Baustellen auf: Sie musste ihr Referendariat abbrechen und hatte Angst, ihre Wohnung nicht mehr bezahlen zu können. In unserem Sozialsystem ist es "nicht vorgesehen, dass Menschen in Ausbildung Krebs bekommen", sagt sie.

Jährlich erkranken 15.000 junge Frauen und Männer im Alter von 18 bis 39 Jahren an Krebs. Lange spielten ihre Schicksale in der Politik und Forschung keine Rolle. Zu klein die Gruppe, zu gering die Zahl der Betroffenen. Dabei sind sie nicht nur erkrankt: Oft verlieren sie ihr Erspartes, ihre Wohnung, ihren Arbeitsplatz. Ihnen fehlt die staatliche Unterstützung, wie eine Mitte September vorgestellte Studie zeigt. Dazu hat die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizi­nische Onkologie in Zusammenarbeit mit der Deutschen Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs die soziale Lage junger Krebspatienten untersucht. Die Ärzte haben Betroffene über das junge Krebsportal, eine Onlineberatungsstelle für Erkrankte, befragt und Zusammenhänge festgestellt.

"Meine ganzen Ersparnisse sind für die Krankheit draufgegangen"
Nina Behrens

Die Ergebnisse sind deutlich: "Viele fallen durch sämtliche Sicherungssysteme", sagt Volker König, Chefarzt der Klinik Bad Oexen, einer der Autoren der Studie. "Junge Menschen haben weitaus weniger Ansprüche erworben, weil sie nur kurzzeitig oder nie berufstätig waren", sagt König.

Krankengeld erhält in Deutschland, wer länger als sechs Wochen wegen derselben Diagnose krankgeschrieben ist. Betroffene bekommen dann bis zu eineinhalb Jahre lang 70 Prozent ihres Bruttoverdienstes von der Krankenkasse. Die Leistung soll Erkrankte vor dem Schritt zum Sozialamt bewahren. Doch Menschen, die noch in Ausbildung sind, bekommen kein Geld. "Studenten, Praktikanten oder Auszubildende haben zwar eine Krankenversicherung, aber trotzdem keinen Anspruch auf Krankengeld. Das hat man nur bei einem vollen Arbeitsverhältnis", sagt König. Die jungen Krebskranken haben kein soziales Netz. Stattdessen werden sie zu Sozialfällen und müssen parallel zu ihrer Erkrankung Hartz IV beantragen. "Die deutsche Bürokratie blickt man als Normalsterblicher nicht durch. Vor allem nicht, wenn man geschwächt ist", sagt König. "Eigentlich müsste man jetzt Kraft haben, um für sich selber zu kämpfen, aber man hat sie nicht, weil die Behandlung einem die Kraft geraubt hat."

Auch Nina Behrens aus Mainz weiß, wie es ist, wenn die Kraft fehlt, aber überall gefordert wird. Ihren echten Namen möchte sie nicht öffentlich machen. Zu groß ist ihre Angst, in Zukunft potenzielle Arbeitgeber mit ihrer Krankheitsgeschichte abzuschrecken. Es ist nun zwei Jahre her, dass Nina einen starken Schmerz von den Rippen bis in ihre Beine spürte und kaum noch richtig gehen konnte. Sie ließ sich in die Notaufnahme fahren. Noch in der Nacht erfuhr sie: Es ist Leukämie, also Blutkrebs. "Das war ein großer Schock", sagt Nina. Innerhalb weniger Tage folgte die Chemotherapie. "Und Bestrahlung von Kopf bis Fuß", sagt Nina. Schnell wurde den Ärzten klar, dass das nicht reichen würde, um ihr Leben zu retten. Ein halbes Jahr danach wurden ihr Stammzellen eines anonymen Spenders transplantiert. Damit können im Körper neue funktionstüchtige Blutzellen entstehen und die Krankheit heilen.

Nina wurde gesund, aber längst nicht sorgenfrei. "Meine ganzen Ersparnisse sind für die Krankheit draufgegangen", sagt Nina. Sie konnte nicht mehr mit dem Bus in die Stadt oder ins Krankenhaus fahren – zu hoch war das Infektionsrisiko. Sie musste sich ein gebrauchtes Auto kaufen, die Kosten dafür ganz alleine tragen. Ihr ständiger Begleiter: eine große Kiste voller Medikamente. "Zwischenzeitlich musste ich 30 Tabletten am Tag nehmen", sagt Nina. Das kostete sie 800 Euro, weil Erkrankte einen Eigenanteil bezahlen müssen.