Niemand, wirklich niemand versteht dieses Land. Was ist da los? Warum gab es keinen Knall nach der Ibiza-Affäre? Wir haben ein paar Österreicher um Aufklärung gebeten.

Ein korrupter Vizekanzler im Ibiza-Video, Vernichtung von Festplatten, seit Mai Übergangsregierung: Was ist da los in Österreich? Am Sonntag finden Neuwahlen statt. Davor wollten wir von Österreicherinnen aus Politik und Sport, aus Kultur und dem Kaffeehaus wissen: Wie konnte es so weit kommen? Und wie lebt es sich in Österreich in diesen Tagen?

Die Regisseurin Ruth Beckermann erklärt uns das Theater der österreichischen Politik

Ruth Beckermann ist österreichische Dokumentarfilmerin und Autorin. Ihre Filme über das schwierige Verhältnis ihrer Heimat zum Judentum und zur NS-Zeit wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

ZEIT Campus ONLINE: Sie haben viele politische Filme gemacht. Warum gibt die österreichische Politik so gute Geschichten her?

Ruth Beckermann © Angela Althaler, a+o

Ruth Beckermann: Die Österreicher haben einen gewissen Sinn fürs Theater und Kabarett. Sie sind im deutschen Sprachraum die Witzigsten, haben einen speziellen Humor und lieben eine gewisse Theatralik. Doch dass die FPÖ nach dem Ibiza-Video kaum an Zustimmung verliert, da kann man nur weinen. Wahrscheinlich halten die Leute es für Märchen und nicht für die Realität.

ZEIT Campus ONLINE: Welche Rolle spielen die österreichischen Politiker in diesem Märchen?

Beckermann: Politiker sind heutzutage ja zu einem Großteil Schauspieler. Sie lassen sich coachen, beraten und schminken. Ich glaube, das ist kein typisch österreichisches Phänomen, aber wir haben leider einen Kanzler, der das alles perfekt kann. Herr Kurz bleibt makellos, was immer passiert. Er schafft es, diese Fassade der Unschuld aufrechtzuhalten ­– mit großem Aufwand nehme ich an. Dass das funktioniert, ist mir ein Rätsel, aber es funktioniert bei Jung und Alt. Kurz, der liebste Schwiegersohn, der liebste Enkel, und für manche vielleicht auch der liebste Ehemann.

ZEIT Campus ONLINE: Oder Kurz, der Märtyrer. Heißt es ja auch immer wieder.

Beckermann: Ja, er ist immer das Opfer. Aber die Österreicher sehen sich sowieso immer als Opfer. In ihrem Selbstbild sind sie die Opfer der deutschen Nazis gewesen, jetzt sind sie die Opfer Brüssels. Und auch Norbert Hofer, der FPÖ-Chef, stilisiert sich jetzt als Opfer. Alle, die jetzt irgendetwas aufdecken wollen, sind Kriminelle, die der FPÖ schaden wollen.

ZEIT Campus ONLINE: Und das scheint ja zu funktionieren. Die Rechten verlieren trotz aller Skandale kaum an Zustimmung. Wie erklären Sie sich das?

Beckermann: An dem Tag, als das Video veröffentlicht wurde, bin ich in ein Taxi gestiegen. Ein junger weißer Österreicher am Steuer. Ich habe gefragt: "Na, was sagen Sie?" – und er sagt: "Na, jeder macht mal an Fehler, is a b’soffene G’schicht." Das ist, glaube ich, die Haltung der Mehrheit der FPÖ-Wähler. Die verzeihen denen alles, vielleicht weil sie ihnen so ähnlich sind. Als unser Präsident Alexander Van der Bellen gesagt hat, "Wir sind nicht so", hat er nicht die Wahrheit gesagt. Wir sind so.

ZEIT Campus Online: Sind wie?

Beckermann: In Österreich kann sehr viel passieren, bis sich irgendetwas ändert. Und sichtlich identifizieren sich sehr viele Menschen mehr oder weniger mit diesem Ibiza-Video. Nicht, dass sie in einer Oligarchen-Villa leben, aber mit dieser Art von Korruptheit und Schlamperei.

ZEIT Campus ONLINE: Hat Sie das schockiert?

Beckermann: Nein. Ich bin in Wien geboren, ich bin mit diesem Gesindel aufgewachsen. Diese Art von Kleinlichkeit, Neid, Eifersucht und Antisemitismus war immer typisch für Wien. Ich bin eher verwundert, dass es sich doch in den letzten 30 Jahren positiv entwickelt hat und es durchaus eine intelligente, rational denkende Zivilgesellschaft gibt.

ZEIT Campus ONLINE: Wenn Sie in zehn, zwanzig Jahren wieder einen Film machen: Wird es wieder ein Polit-Drama oder kann es nur besser werden?

Beckermann: Ich glaube, ich habe jetzt mal genug von Österreich. Und ich glaube nicht, dass man die Ibiza-Geschichte noch toppen kann und die gibt’s ja schon als Film.

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Der Ex-Nationalspieler Marc Janko erklärt uns den wachsenden Nationalismus

Ex-Nationalspieler Janko war früher kein politischer Mensch. Heute warnt er vor der Diktatur

ZEIT Campus ONLINE: Sie waren jahrelang Kapitän der Nationalmannschaft, haben vor Spielen die Bundeshymne gesungen. Gibt es gesunden Patriotismus?

Marc Janko © Brett Hemmings

Marc Janko: Wenn er nicht extreme Formen annimmt, ja. Ansonsten kann er sehr gefährlich sein. Dann reden wir über Nationalismus. Und unsere Geschichte in Österreich zeigt, was politische oder religiöse Extremisten anrichten können. Daraus müssen wir lernen.

ZEIT Campus ONLINE: Sportler sind ja nicht gerade bekannt dafür, sich dahingehend öffentlich zu äußern. Warum tun Sie es?

Janko: Solange es überparteiliche Sachen betrifft, halte ich das für wichtig. Wir Sportler haben ja eine gewisse Plattform. Man erreicht mit einer Aussage sehr viele Leute. Ich will nicht von Vorbildfunktion sprechen, so wichtig sollten wir uns alle nicht nehmen. Doch je mehr Leute ihre Meinungen äußern, desto mehr kann ein Diskurs über wichtige Themen stattfinden.

ZEIT Campus ONLINE: Warum sind Sie damit eher die Ausnahme?

Janko: Viele Sportler fühlen sich anscheinend nicht so wohl damit, weil es nicht ihr Spezialgebiet ist. Man hat vielleicht das Gefühl, zu wenig zu wissen, oder möchte sich aktiv heraushalten. Andere junge Sportler haben PR-Berater, die ihnen davon abraten, sich politisch zu äußern. Nach dem Motto: Da kannst du dir nur die Finger verbrennen, weil du zu viel aneckst.

ZEIT Campus ONLINE: Als Kapitän haben Sie mit Ihrer Mannschaft ein Plakat mit der Aufschrift "Respect Refugees" durch das Stadion getragen. Warum war Ihnen das wichtig?

Janko: Die Unruhe in Österreich war damals groß. Es gab tatsächlich Menschen, die behaupteten, dass bald der Islam in Wien regieren würde. Wir wollten eine Geste der Menschlichkeit zeigen. Wir wollten zeigen, dass Österreich schon immer eine gewisse Diversität stark gemacht hat. Auch in unserer Mannschaft haben Menschen mit Migrationshintergrund gespielt. Da war klar, dass wir ein Zeichen setzen mussten.

ZEIT Campus ONLINE: Waren Sie schon immer ein politischer Mensch?

Janko: Überhaupt nicht. Mit Anfang 20 habe ich mich nicht wirklich für Politik interessiert und mich nur auf die Karriere fokussiert. Den Politikteil der Zeitung habe ich immer bei Seite gelegt. Doch man wird reifer, man ändert seine Sichtweise. Ich schäme mich heute, wenn ich daran denke, was als junger Mensch normal für mich war.

ZEIT Campus ONLINE: Wofür schämen Sie sich?

Janko: Zum Beispiel für Sprachgebräuche, die bis heute in Österreich eine Rolle spielen. Früher auf dem Fußballplatz gab es einen Ausdruck dafür, wenn man den Ball nur mit den Zehenspitzen berührt hat: "Da hat er einen Jud geschossen", haben wir dann immer gesagt. Als kleiner Junge habe ich mir darüber keine Gedanken gemacht. Heute schäme ich mich, und will, dass meine Kinder so etwas nicht mehr sagen. Wenn man in Wien in eine Gaststätte geht, findet man auf der Karte das Dessert "Mohr im Hemd", einen Schokoladenkuchen. So etwas möchte ich in meinem Land nicht mehr haben!

ZEIT Campus ONLINE: Machen Sie sich Sorgen, wohin sich Österreich gerade entwickelt?

Janko: Das tue ich. Vor allem auch, weil ich mittlerweile zweifacher Vater bin. Ich weiß noch genau, wie in einer Livesendung im Fernsehen der Moderator Armin Wolf von einem FPÖ-Politiker bedroht wurde. Der Politiker drohte offen damit, dass Wolf aufgrund seiner Fragen Probleme bekommen würde. Die Dreistigkeit, so etwas jemandem live im Fernsehen ins Gesicht zu sagen, hat mich schockiert. Und noch mehr, dass das ganze ohne Konsequenzen geblieben ist. Es ist noch ein langer Weg, aber da sind wir dann irgendwann in einer Diktatur, in der eine Person entscheidet, was berichtet wird.

ZEIT Campus ONLINE: Auf Ihrem Twitter-Profil bezeichnen Sie sich als Kosmopolit. Warum leben Sie seit Ihrem Karriereende wieder in Österreich?

Janko: Ich habe zehn Jahre lang im Ausland gelebt. Doch es war immer klar, dass ich eines Tages wieder in Österreich leben möchte. Ja, ich mache mir Sorgen, in welche Richtung sich unser Land entwickelt. Trotzdem haben wir uns dafür entschieden, wieder in Wien zu wohnen. Zum Glück sind wir noch weit entfernt davon, dass ich davor zurückschrecken müsste. Doch wir müssen uns immer wieder bewusst werden, dass das auch anders sein kann. Wir müssen aus unserer Geschichte lernen und achtsamer werden.

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Der Nachwuchspolitiker Yannick Shetty erklärt uns die Folgen von Ibiza

Yannick Shetty, 24, ist Kandidat für die liberalen Neos bei der Nationalratswahl in Österreich.

ZEIT Campus ONLINE: Gerade saßt du noch in der Uni, jetzt wirst du wahrscheinlich Abgeordneter im österreichischen Nationalrat. Warum? 

Yannick Shetty © NEOS

Yannick Shetty: Schon seit ich 18 bin, engagiere ich mich politisch. Dann kam der Ibiza-Skandal und war für mich ein Schlüsselmoment. 

ZEIT Campus ONLINE: Inwiefern? 

Yannick: Ich erinnere mich noch genau an die Situation, in der ich vom Ibiza-Skandal erfahren habe. Ich saß in der Bibliothek und habe gelernt, plötzlich hatten alle in der Bibliothek auf ihrem Laptop einen Livestream an, um die Nachrichten mitzubekommen. Einen Tag später war klar, dass es Neuwahlen geben wird. Ich hatte das Gefühl, dieser Skandal verändert etwas. Nicht nur das eigene Leben, sondern eine ganze Generation.

ZEIT Campus ONLINE: Woran hast du das gemerkt?

Yannick: Plötzlich haben mich Leute aus meinem Umfeld auf mein politisches Engagement und politische Themen angesprochen, die bisher noch nie wirklich politisch interessiert waren. Viele hatten das Bedürfnis, sich zu Wort zu melden.

“Ich hatte das Gefühl, dieser Skandal verändert etwas.”
Yannick Shetty

ZEIT Campus ONLINE: Und daraufhin hast du dich entschieden, zu kandidieren? 

Yannick: Ja, ich wollte nicht zuschauen und verharren, sondern aktiv dazu beitragen, dass Politik auch besser geht. Frei von Korruption und Machtmissbrauch. 

ZEIT Campus ONLINE: Bist du damit ein Einzelfall oder hat das Video bei vielen jungen Menschen etwas ausgelöst? 

Yannick: Ich glaube, das Ibiza-Video hat zwei Phänomene ausgelöst. Einerseits hat es bei ganz vielen Leuten erst mal für Aufregung gesorgt, an die sich dann aber eine Politikverdrossenheit und Stagnation angeschlossen hat. Andererseits hat der Skandal gerade viele junge Menschen politisiert. Wir hatten zum Beispiel noch nie so viele Neueintritte in unsere Partei wie nach Ibiza. Die Menschen wollen zeigen, dass Österreich nicht so ist, wie Strache und Gudenus uns in der Welt präsentiert haben. 

ZEIT Campus ONLINE: Und bei manchen ändert sich ja auch einfach nichts an der politischen Einstellung. Trotz Ibiza-Skandal sind die Rechten immer noch sehr stark. 

Yannick: Ja. Ich kann mir das nur so erklären, dass der Stammwähleranteil der FPÖ sehr hoch ist. Die können machen, was sie wollen, 15 bis 20 Prozent werden sie immer wählen. 

ZEIT Campus ONLINE: Schaut aber auch so aus, als würdest du einige Stimmen bekommen. Aufgeregt? 

Yannick: Es fühlt sich schon komisch an, dass ich bald Abgeordneter im Nationalrat sein könnte. Wahrscheinlich dann der jüngste Abgeordnete. Manche Leute sagen, was brauchen wir noch so einen jungen in der Politik, so einen Abklatsch von Sebastian Kurz? Aber erstens haben wir sehr unterschiedliche Ansichten und zweitens finde ich, kann es nicht genug junge Menschen in der Politik geben. 

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Der Liedermacher Voodoo Jürgens erklärt uns Wien

Voodoo Jürgens ist Liedermacher aus Wien. Er singt im Wienerisch der alten Arbeiterbezirke.

ZEIT Campus ONLINE: Du singst viel über das Leben in Wien. Wie ist das denn?

Voodoo Jürgens: Einerseits wird Wien immer so gepriesen. Die lebenswerteste Stadt der Welt und so. Aber es gibt auch eine andere Seite. Es gibt Spelunken und Menschen, die nicht immer gewinnen und aufsteigen. Ich erzähle Geschichten von Leuten, bei denen etwas nicht funktioniert hat, wo es schwierig im Leben geworden ist. Von Verzweiflung und Drama.

Voodoo Jürgens © Ingo Pertramer

ZEIT Campus ONLINE: Also gibt es vielleicht auch bald einen Song über die österreichische Politik?

Voodoo Jürgens: Na ja, die ist auf jeden Fall auch ein Drama.

ZEIT Campus ONLINE: Machst du dir Sorgen um Österreich?

Voodoo Jürgens: Sicher. Ich kann jedenfalls nicht leugnen, dass wir viele Menschen haben, die sehr rechts sind und auch so wählen. Dieser Bruch ist schon komisch. Einerseits ist es hier so lebenswert, andererseits gibt es hier Menschen, die das Gefühl haben, auf anderen rumhacken zu müssen, Schuldige für die eigenen Umstände zu suchen. Aber das ist eh ein europäisches Problem, das haben wir ja nicht nur in Österreich.

ZEIT Campus ONLINE: Schon mal darüber nachgedacht, wegzuziehen?

Voodoo Jürgens: Ja, das könnte ich mir schon vorstellen. Aber wo soll ich denn mit dem Projekt, mit Voodoo Jürgens, hingehen? In Amerika auf Wienerisch singen macht irgendwie keinen Sinn.

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Die Aktivistin Marty Huber erklärt uns die Ungehörten

Marty Huber ist Mitorganisatorin der Wiener Donnerstagsdemos. Unter dem Motto "Wir sind jetzt zusammen!" gehen seit Oktober 2018 Menschen gegen die Koalition aus ÖVP und FPÖ auf die Straße.

ZEIT Campus ONLINE: Wenn du an Österreich denkst, an was denkst du?

Marty Huber: Leider an ein sehr konservatives Land. An ein Land, das in letzter Zeit immer weiter nach rechts gerückt ist, in dem sich Politiker um ihre Verantwortung herumwinden.

Marty Huber © do/​ Jakob Alexander

ZEIT Campus ONLINE: Warum? Was ist da los in Österreich?

Huber: Politiker ziehen aus ihren Fehlern keine Konsequenzen. Es heißt immer erst mal: Es ist ja noch nichts bewiesen. Und in der Gesellschaft haben wir, glaube ich, ein Problem mit einer gewissen Obrigkeitshörigkeit, kombiniert mit einer ziemlichen Politikverdrossenheit. Dann gibt es viele Menschen, die einfach nichts tun können. 1,2 Millionen Menschen hier dürfen nicht wählen, obwohl sie hier leben und Steuern zahlen. Sie können sich nicht wehren, nur, weil das Wahlrecht und die Möglichkeiten zur Einbürgerung hier so restriktiv sind.

ZEIT Campus ONLINE: Ihr geht donnerstags auf die Straße. Was ist das für ein Protest?

Huber: Einmal die Woche versuchen wir, unter dem Motto "Wir sind jetzt zusammen" den öffentlichen Raum einzunehmen, Menschen sprechen zu lassen, die strukturell ausgeschlossen sind und im politischen Diskurs nicht vorkommen.

ZEIT Campus ONLINE: Was sind das für Menschen?

Huber: Es ist ein sehr bunter Mix von jungen Leuten bis zu den "Omas gegen rechts", Menschen mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen oder Geflüchtete sind dabei. Manche kommen jeden Donnerstag, andere waren ein paar Mal dabei. Die Demo hatte einen wahnsinnigen Zuspruch.

“Es gibt de facto kaum Gegendiskurs im Politischen.”
Marty Huber

ZEIT Campus ONLINE: Wie kam es überhaupt zu den Demos?

Marty Huber: Direkt nach der Regierungsbildung, also 2017, gab es eine immens lange Stille bei vielen Aktivisten. Eine Schockstarre, bis uns klar wurde, wir müssen etwas tun. Im Oktober 2018 haben wir dann die Donnerstagsdemo wiederaufleben lassen.

ZEIT Campus ONLINE: Wiederaufleben?

Huber: Im Jahr 2000 gab es in Österreich die erste schwarz-blaue Regierung. Das war eine Zäsur, vielleicht, weil die Idee von Europa noch viel präsenter war, es nicht wie heute in vielen Ländern rechte oder rechtsextreme Regierungen gab. Damals wurde täglich demonstriert, später nur noch donnerstags. Aktivistinnen aus dem Kontext haben dann vor einem Jahr beschlossen: Es braucht wieder etwas.

ZEIT Campus ONLINE: Das heißt, die Demos richten sich wieder vor allem gegen die gescheiterte Koalition aus ÖVP und FPÖ?

Huber: Ja, wir wollen einen Kommentar, einen Protest gegen die aktuellen Entwicklungen in der Politik abgeben. Vor allem sind die Demos aber auch der Versuch, eine andere Öffentlichkeit zu erzeugen. Denn es gibt de facto kaum Gegendiskurs im Politischen. Antirassistische Positionen werden extrem klein gehalten, weil es sofort heißt, so etwas kann man nicht sagen, dann verliert man Wählerinnenstimmen.

ZEIT Campus ONLINE: Was macht das mit dir?

Huber: Es ärgert mich wirklich. Es ärgert mich, dass diese sprachliche Spaltung der Gesellschaft, die mit Jörg Haider in den Achtzigerjahren angefangen hat, auch heute so gut funktioniert. Diese einfache Methode, einen Außenfeind zu etablieren und die Leute an den Rändern gegeneinander auszuspielen. Zum Beispiel Menschen, die von Arbeitslosigkeit bedroht sind, gegen Neuangekommene. Und für viele ist einfach nicht durchschaubar, dass sie gegeneinander in Stellung gebracht werden.

ZEIT Campus ONLINE: Wird mit einer neuen Regierung denn alles besser?

Huber: Mal abwarten, was bei den kommenden Regierungsbildungen passiert. Aber wir haben klar gemacht: Wir sind da. Und wir bleiben auch da, bleiben zusammen, und wenn es nötig ist, sind wir wieder bereit, auf die Straße zu gehen.

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Die Kaffeehausbesitzerin Evelyn Brandstätter erklärt uns österreichische Traditionen

Evelyn Brandstätter ist Gastgeberin im Café Bazar, einem der ältesten Kaffeehäuser in Salzburg.

ZEIT Campus ONLINE: Was kann man im Kaffeehaus über Österreich lernen?

Evelyn Brandstätter: Eine so spezielle Kaffeehauskultur, wie wir sie in Österreich haben, gibt es selten auf der Welt. Vielleicht bewahren wir Traditionen hier mehr. Noch immer nimmt man sich hier die Zeit, sich in Ruhe in ein Kaffeehaus zu setzen, ein Stück Torte zu essen, Zeitung zu lesen oder die Leute zu beobachten. Dieses Innehalten beobachte ich hier als etwas Besonderes.

Evelyn Brandstätter © Café Bazar

ZEIT Campus ONLINE: Die Österreicher bleiben also gern beim Alten?     

Brandstätter: Na ja, es ist hier schon immer noch ein bisschen so wie früher. Ich mag die Luster hier, die Holzvertäfelung und die anderen kleinen Details. Und die Gäste kommen auch wegen des Ambientes her. Schon vor über hundert Jahren saßen in diesen Räumen Menschen und haben nichts anderes gemacht als man selbst heute. Aber so ganz wie sie früher ist es natürlich auch bei uns nicht.

ZEIT Campus ONLINE: Was hat sich verändert?

Brandstätter: Es haben viele Leute gar nicht mehr die Zeit oder die Muße, zu verweilen. Nicht nur, aber gerade die Touristen kommen auf einen Strudel und dann geht es weiter mit den Sehenswürdigkeiten. Wir haben aber auch ganz viel Stammpublikum, das seit dreißig, vierzig Jahren kommt, das immer denselben Kaffee trinkt und gar nicht mehr bestellen muss.

“Es fehlt an Politikern mit Herzblut.”
Evelyn Brandstätter

ZEIT Campus ONLINE: Über was wird an Ihren Tischen gesprochen?

Brandstätter: Es gibt schon Themen, die brandheiß sind, und zurzeit ist das sicherlich die Politik. Ich bekomme ein Gefühl von Resignation mit – wobei das zu hart ausgedrückt ist. Aber gerade jetzt mit den Wahlen hat jeder das Gefühl, es wird sich sowieso nicht viel ändern. Es fehlt an Politikern mit Herzblut. Warum kommt nicht mal einer oder eine, die wirklich etwas verändern will?

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Eva Wimmer von der Katholischen Jugend erklärt uns das Landleben

Eva Wimmer hat lange auf dem Land gelebt. Zurück möchte sie nicht. Auch, wenn dort die katholischen Bräuche noch gelebt werden.

ZEIT Campus ONLINE: In Deutschland wird oft von "abgehängten Regionen" gesprochen. Fühlen sich die Menschen auf dem Land in Österreich auch abgehängt?

Eva Wimmer © Katholische Jugend Österreich

Eva Wimmer: Ich würde nicht von "abgehängt" sprechen. Aber natürlich gibt es ein großes Gefälle zwischen Stadt und Land. Ich selbst komme aus einem kleinen Dorf. Da ist der öffentliche Nahverkehr nicht gut ausgebaut. Gerade mit Blick auf Nachhaltigkeit und Klimaschutz ist da schon ein klarer Gap zwischen Städten und kleinen Dörfern zu erkennen. In Graz muss ich niemanden fragen, ob er mich schnell zum Bahnhof fährt, weil ich sonst vielleicht keinen Zug mehr erwische. Da sind die Gedanken, die man sich auf dem Land macht, schon ganz andere als in der Stadt.

ZEIT Campus ONLINE: Das zeigt sich ja auch im Wahlverhalten der Österreicher, oder?

Eva: Stimmt. In meinem Heimatdorf merke ich das. Dort wählen viele seit Jahrzehnten die Partei, die man immer schon gewählt hat. Nur bei den jungen Menschen sehe ich diversere Meinungen und politische Einstellungen. Doch die ziehen meist zur Ausbildung und dem Studium in die großen Städte.

“Heute bin ich mir sicher, dass ich nicht wieder zurück aufs Land möchte.”
Eva Wimmer

ZEIT Campus ONLINE: Ist Landflucht auch in Österreich ein Thema?

Eva: Definitiv. Allein schon, weil die großen Universitäten alle in Städten sind. Auch ich bin zum Studium nach Wien gezogen. Heute bin ich mir sicher, dass ich nicht wieder zurück aufs Land möchte. Ich bin sehr gerne in der Heimat, aber beruflich ist da das Angebot einfach nicht gut genug.

ZEIT Campus ONLINE: Dafür ist aus katholischer Perspektive auf dem Land doch sicher mehr los als in der Stadt.

Eva: Die Katholische Jugend ist in der Stadt und auf dem Land sehr aktiv. Das Angebot in der Stadt ist jedoch vielfältiger. Auf dem Land treffen sich Pfarrgruppen und Jugendleiter wöchentlich, an Ostern wird viel besonders viel gemacht. Dann werden Bräuche wie das Eierpecken gepflegt und die Osterjause veranstaltet, dort werden die Traditionen noch richtig gelebt. Gleichzeitig findet man aber in der Stadt wiederum die charismatischen Erneuerungsbewegungen der Kirche.

ZEIT Campus ONLINE: In Deutschland ziehen sich immer mehr Menschen aus der Kirche zurück. Wie ist das in Österreich?

Eva: Ähnlich. Für viele hat die Kirche an Attraktivität verloren, weil sie nicht mehr verstehen, was die Kirche ihnen bieten soll. Viele denken auch, dass wir als katholische Jugend konservativ und altbacken sind. Doch wir wollen zeigen, dass die Kirche kein verstaubtes altes Gemäuer ist, das nur von Männern geleitet wird.

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