Die AfD ist im Osten stark wie nie. Wie zehn junge Ostdeutsche damit umgehen, dass Rassisten in ihren Parlamenten und neben ihnen in der S-Bahn sitzen.

Rassismus

Die AfD wurde in Sachsen und Brandenburg vergangenen Sonntag zweitstärkste Kraft im Landtag. In Brandenburg mit einem Kandidaten, der früher mit Neonazis marschierte. In Sachsen mit einem, der vergangenes Jahr an den rechtsradikalen Demonstrationen in Chemnitz teilnahm. 

Wir wollten mit denen sprechen, die der Hass, die Vorurteile und Politik der AfD trifft: People of Color, Kinder von Migrantinnen, Geflüchtete. ZEIT Campus ONLINE hat mit zehn jungen Ostdeutschen über den Erfolg der AfD gesprochen. Wir wollten wissen: Wie geht es euch? Das sind ihre Antworten.

Jona Zhitia, 23, studiert Soziologie, lebt seit vier Jahren in Leipzig

Normalerweise bin ich vor Wahlen gespannt auf die Ergebnisse. Aber dieses Mal war ich einfach nur apathisch. Es ging die ganze Zeit nur um die AfD. Ich hatte gar nicht die Kraft, mich damit auseinanderzusetzen. Ich hatte das Gefühl, dass zu viel schiefgehen kann.

Ich arbeite als Dolmetscherin für Geflüchtete bei verschiedenen Organisationen. Meine größte Angst war, dass die Organisationen ihre Förderung verlieren, wenn AfD und CDU gemeinsam regieren. Wenn diese Leute abgeschoben werden, stehen Menschenleben auf dem Spiel. Meine Eltern kamen Anfang der Neunzigerjahre aus dem Kosovo nach Deutschland. Das war zu einem Zeitpunkt, wo im Kosovo offiziell noch kein Krieg herrschte. Eine Abschiebung hätte für sie trotzdem extrem schlimme Folgen gehabt. Meine Eltern waren politisch aktiv und wurden verfolgt. Viele der Freunde meines Vaters, die nicht geflohen sind, wurden ermordet.

Jona Zhitia © Iona Dutz für ZEIT ONLINE

Ich bin in Bayern geboren und aufgewachsen. Als ich in der sechsten Klasse in einer Klassenarbeit eine Eins schrieb, hat meine Deutschlehrerin vor der Klasse gesagt: "Dass ihr euch nicht schämt, dass die einzige Eins eine Ausländerin hat."

Alltagsrassismus habe ich schon immer erlebt, in Sachsen wird der Rassismus aber viel aggressiver gezeigt. An meinem ersten Tag in Leipzig lief vor meiner Haustür die Legida-Demo vorbei. Ich kann mich nicht mehr ganz genau erinnern, was die Leute gerufen haben, so etwas wie "Unmenschen abschieben, wieder Platz für Deutsche". Das war verstörend.

"Manchmal stehe ich morgens vor dem Spiegel und denke: 'Sehe ich heute so aus, als könnte ich Anna-Maria heißen? Ja? Gut.'"
Jona

Es passiert sehr selten, dass jemand meinen Migrationshintergrund erkennt. Irgendwie bin ich dankbar dafür. Ich schäme mich – weil ich mich freue, dass ich nicht aussehe wie eine Ausländerin.

Manchmal spreche ich selbstbewusst über meine Herkunft. Und manchmal stehe ich morgens vor dem Spiegel und denke: "Sehe ich heute so aus, als könnte ich Anna-Maria heißen? Ja? Gut." Ich fühle mich immer unauthentisch. Gleichzeitig habe ich immer Angst, dass mich jemand auffliegen lässt. Vor Kurzem hat meine Mutter nach über 20 Jahren die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten. Ich war so erleichtert. Dann ist mir erst aufgefallen, wie viele Sorgen ich mir mache. Manchmal habe ich so apokalyptische Gedanken. Zum Beispiel: Irgendwann werden wir alle wieder ausgewiesen. Wer keinen rein deutschen Stammbaum aufweisen kann, muss gehen. Es wird einem sehr schnell vorgeworfen, dass man übertreibt.

Es gibt auch diesen Teil in mir, der denkt: Alles wird schon gut. Das kann gar nicht so schlimm sein. Und dann lese ich zum Beispiel einen Text von Simone de Beauvoir, die schreibt, niemand konnte vorm Zweiten Weltkrieg behaupten, nicht zu wissen, was passiert. Aber die Leute haben sich eingeredet, dass alles gut sei.

Und dann habe ich diese Wut, die ja irgendwie auch berechtigt ist. Ich habe das Recht, wütend und verletzt zu sein. Aber dann höre ich gleichzeitig: "Wenn du Leute nur anschreist und abgrenzt, erreichst du nichts." Diese ganzen widersprüchlichen Gefühle führen zu einem Zustand von Leugnung, Apathie, mit gelegentlichen Ausbrüchen von Wut und Verzweiflung. So sehe ich hier meine Zukunft.

Rüya, 26, Auszubildende zur Fachinformatikerin in Leipzig

Viele in meinem Umfeld haben sich die Wahl gemeinsam angeguckt und Veranstaltungen organisiert. Am Wahlsonntag war mir klar: Ich möchte nirgends hingehen. Ich möchte einfach allein daheimbleiben. Auf mich wirkten diese Veranstaltungen wie Events. Mir hat gefehlt, dass die Leute den Ernst der Lage sehen: Jede vierte Person in Sachsen wählt eine stark rechtspopulistische bis rechtsradikale Partei, und parallel dazu werden rassistische Aussagen immer salonfähiger. Ich hatte Angst an dem Tag. Ich hatte wirklich, wirklich Angst. Ich habe sehr lange versucht, gegen Alltagsrassismus anzukämpfen.

Ich hasse es, es zu sagen, aber: Im Moment passe ich mich an. Wenn zum Beispiel ein Lehrer in meiner Ausbildung etwas Rassistisches zu einem Mitschüler sagt, halte ich die Klappe. Auch wenn es sich anfühlt, als würde ich jedes Mal mich selbst verraten. Aber ich kann es mir im Moment einfach nicht leisten. Ich bin in der Probezeit und ich habe Angst, gekündigt zu werden. Ich schaffe es aber nicht, immer die Füße still zu halten.

"Ich habe Angst davor, ständig und immer wieder rassistische Situationen zu erleben."
Rüya

Vor Kurzem saß mit mir in der Tram ein sehr alter, ich vermute auch obdachloser Herr, der sich super eklig über geflüchtete Menschen und Migranten aufgeregt hat. Irgendwann bin ich geplatzt. Ich konnte nicht mehr, ich habe für die gesamte Tram geschrien: "Können Sie bitte einfach mal die Schnauze halten?" Er hat nur zurückgefragt: "Warum?" Ich musste mir so auf die Zunge beißen, um nicht zu sagen, dass er unter anderem auch über mich redet.

Die meisten sehen mir meinen türkischen Migrationshintergrund nicht an. Jetzt in den Tagen nach der Wahl habe ich Angst, erkannt zu werden. Ich habe Angst davor, ständig und immer wieder rassistische Situationen zu erleben und damit allein zu sein, andere nicht schützen zu können. Deshalb möchte ich so schnell wie möglich hier wieder weg.

Ich wohne in der Nähe einer Kneipe. Die hat manchmal wochenlang nicht offen. Aber an Hitlers Geburtstag hatte sie mal wieder offen. Vor der Tür standen Männer in Thor-Steinar-Pullis.

Ich könnte mir sogar vorstellen, wieder nach Baden-Württemberg zu ziehen, obwohl ich es dort nicht mag. Aber da leben einfach mehr Migranten. Das hat für mich Priorität, in der Hoffnung, weniger Rassismus zu erfahren.

Ich erlebe in meinem Alltag oft Rassismus, auch aus linken Kreisen. Das trifft mich fast noch mehr.