"Ich fühle mich, als ob ich einer riesigen Bedrohung gegenüberstehe" – Seite 1

Die AfD ist im Osten stark wie nie. Wie zehn junge Ostdeutsche damit umgehen, dass Rassisten in ihren Parlamenten und neben ihnen in der S-Bahn sitzen.

Rassismus

Die AfD wurde in Sachsen und Brandenburg vergangenen Sonntag zweitstärkste Kraft im Landtag. In Brandenburg mit einem Kandidaten, der früher mit Neonazis marschierte. In Sachsen mit einem, der vergangenes Jahr an den rechtsradikalen Demonstrationen in Chemnitz teilnahm. 

Wir wollten mit denen sprechen, die der Hass, die Vorurteile und Politik der AfD trifft: People of Color, Kinder von Migrantinnen, Geflüchtete. ZEIT Campus ONLINE hat mit zehn jungen Ostdeutschen über den Erfolg der AfD gesprochen. Wir wollten wissen: Wie geht es euch? Das sind ihre Antworten.

Jona Zhitia, 23, studiert Soziologie, lebt seit vier Jahren in Leipzig

Normalerweise bin ich vor Wahlen gespannt auf die Ergebnisse. Aber dieses Mal war ich einfach nur apathisch. Es ging die ganze Zeit nur um die AfD. Ich hatte gar nicht die Kraft, mich damit auseinanderzusetzen. Ich hatte das Gefühl, dass zu viel schiefgehen kann.

Ich arbeite als Dolmetscherin für Geflüchtete bei verschiedenen Organisationen. Meine größte Angst war, dass die Organisationen ihre Förderung verlieren, wenn AfD und CDU gemeinsam regieren. Wenn diese Leute abgeschoben werden, stehen Menschenleben auf dem Spiel. Meine Eltern kamen Anfang der Neunzigerjahre aus dem Kosovo nach Deutschland. Das war zu einem Zeitpunkt, wo im Kosovo offiziell noch kein Krieg herrschte. Eine Abschiebung hätte für sie trotzdem extrem schlimme Folgen gehabt. Meine Eltern waren politisch aktiv und wurden verfolgt. Viele der Freunde meines Vaters, die nicht geflohen sind, wurden ermordet.

Jona Zhitia © Iona Dutz für ZEIT ONLINE

Ich bin in Bayern geboren und aufgewachsen. Als ich in der sechsten Klasse in einer Klassenarbeit eine Eins schrieb, hat meine Deutschlehrerin vor der Klasse gesagt: "Dass ihr euch nicht schämt, dass die einzige Eins eine Ausländerin hat."

Alltagsrassismus habe ich schon immer erlebt, in Sachsen wird der Rassismus aber viel aggressiver gezeigt. An meinem ersten Tag in Leipzig lief vor meiner Haustür die Legida-Demo vorbei. Ich kann mich nicht mehr ganz genau erinnern, was die Leute gerufen haben, so etwas wie "Unmenschen abschieben, wieder Platz für Deutsche". Das war verstörend.

"Manchmal stehe ich morgens vor dem Spiegel und denke: 'Sehe ich heute so aus, als könnte ich Anna-Maria heißen? Ja? Gut.'"
Jona

Es passiert sehr selten, dass jemand meinen Migrationshintergrund erkennt. Irgendwie bin ich dankbar dafür. Ich schäme mich – weil ich mich freue, dass ich nicht aussehe wie eine Ausländerin.

Manchmal spreche ich selbstbewusst über meine Herkunft. Und manchmal stehe ich morgens vor dem Spiegel und denke: "Sehe ich heute so aus, als könnte ich Anna-Maria heißen? Ja? Gut." Ich fühle mich immer unauthentisch. Gleichzeitig habe ich immer Angst, dass mich jemand auffliegen lässt. Vor Kurzem hat meine Mutter nach über 20 Jahren die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten. Ich war so erleichtert. Dann ist mir erst aufgefallen, wie viele Sorgen ich mir mache. Manchmal habe ich so apokalyptische Gedanken. Zum Beispiel: Irgendwann werden wir alle wieder ausgewiesen. Wer keinen rein deutschen Stammbaum aufweisen kann, muss gehen. Es wird einem sehr schnell vorgeworfen, dass man übertreibt.

Es gibt auch diesen Teil in mir, der denkt: Alles wird schon gut. Das kann gar nicht so schlimm sein. Und dann lese ich zum Beispiel einen Text von Simone de Beauvoir, die schreibt, niemand konnte vorm Zweiten Weltkrieg behaupten, nicht zu wissen, was passiert. Aber die Leute haben sich eingeredet, dass alles gut sei.

Und dann habe ich diese Wut, die ja irgendwie auch berechtigt ist. Ich habe das Recht, wütend und verletzt zu sein. Aber dann höre ich gleichzeitig: "Wenn du Leute nur anschreist und abgrenzt, erreichst du nichts." Diese ganzen widersprüchlichen Gefühle führen zu einem Zustand von Leugnung, Apathie, mit gelegentlichen Ausbrüchen von Wut und Verzweiflung. So sehe ich hier meine Zukunft.

Rüya, 26, Auszubildende zur Fachinformatikerin in Leipzig

Viele in meinem Umfeld haben sich die Wahl gemeinsam angeguckt und Veranstaltungen organisiert. Am Wahlsonntag war mir klar: Ich möchte nirgends hingehen. Ich möchte einfach allein daheimbleiben. Auf mich wirkten diese Veranstaltungen wie Events. Mir hat gefehlt, dass die Leute den Ernst der Lage sehen: Jede vierte Person in Sachsen wählt eine stark rechtspopulistische bis rechtsradikale Partei, und parallel dazu werden rassistische Aussagen immer salonfähiger. Ich hatte Angst an dem Tag. Ich hatte wirklich, wirklich Angst. Ich habe sehr lange versucht, gegen Alltagsrassismus anzukämpfen.

Ich hasse es, es zu sagen, aber: Im Moment passe ich mich an. Wenn zum Beispiel ein Lehrer in meiner Ausbildung etwas Rassistisches zu einem Mitschüler sagt, halte ich die Klappe. Auch wenn es sich anfühlt, als würde ich jedes Mal mich selbst verraten. Aber ich kann es mir im Moment einfach nicht leisten. Ich bin in der Probezeit und ich habe Angst, gekündigt zu werden. Ich schaffe es aber nicht, immer die Füße still zu halten.

"Ich habe Angst davor, ständig und immer wieder rassistische Situationen zu erleben."
Rüya

Vor Kurzem saß mit mir in der Tram ein sehr alter, ich vermute auch obdachloser Herr, der sich super eklig über geflüchtete Menschen und Migranten aufgeregt hat. Irgendwann bin ich geplatzt. Ich konnte nicht mehr, ich habe für die gesamte Tram geschrien: "Können Sie bitte einfach mal die Schnauze halten?" Er hat nur zurückgefragt: "Warum?" Ich musste mir so auf die Zunge beißen, um nicht zu sagen, dass er unter anderem auch über mich redet.

Die meisten sehen mir meinen türkischen Migrationshintergrund nicht an. Jetzt in den Tagen nach der Wahl habe ich Angst, erkannt zu werden. Ich habe Angst davor, ständig und immer wieder rassistische Situationen zu erleben und damit allein zu sein, andere nicht schützen zu können. Deshalb möchte ich so schnell wie möglich hier wieder weg.

Ich wohne in der Nähe einer Kneipe. Die hat manchmal wochenlang nicht offen. Aber an Hitlers Geburtstag hatte sie mal wieder offen. Vor der Tür standen Männer in Thor-Steinar-Pullis.

Ich könnte mir sogar vorstellen, wieder nach Baden-Württemberg zu ziehen, obwohl ich es dort nicht mag. Aber da leben einfach mehr Migranten. Das hat für mich Priorität, in der Hoffnung, weniger Rassismus zu erfahren.

Ich erlebe in meinem Alltag oft Rassismus, auch aus linken Kreisen. Das trifft mich fast noch mehr.

"Immer wieder spüre ich ein Unbehagen"

Jibran Khalil, 30, studiert Kindheitsstudien und Kinderrecht in Potsdam

Jibran Khalil © Sonja Hamad für ZEIT ONLINE

Vor ein paar Monaten habe ich Flyer der Seebrücke Potsdam auf den Tischen in der Mensa meiner Hochschule verteilt. Die Seebrücke kümmert sich um Seenotrettung von Flüchtlingen im Mittelmeer. Als ich einen Flyer auf den Tisch legen wollte, nahm mir ein Student den Flyer aus der Hand und sagte: "Ich brauche diesen Flyer nicht. Dich brauche ich auch nicht." Er zerriss den Flyer und warf ihn weg. In der Hochschule begegnet mir nur selten Rassismus, aber manchmal eben doch.

Ich bin vor sechs Jahren aus Pakistan nach Deutschland geflohen. Zuerst kam ich in die Erstaufnahmeeinrichtung nach Eisenhüttenstadt. Dort war ich circa 30 Tage. Danach war ich in Teltow und Michendorf in Brandenburg, bis ich vor drei Jahren nach Potsdam ging. Ich bin selbst bei vier Organisationen ehrenamtlich tätig. Vor allem für Organisationen, die sich für Flüchtlinge und gegen Gewalt von rechts einsetzen.

Nicht nur ich, sondern viele Migranten und Geflüchtete erleben hier in Brandenburg Rassismus täglich auf der Straße oder in der Bahn. Gerade erst wurde berichtet, dass dieses Jahr jeder vierte Angriff auf Flüchtlinge in Brandenburg begangen wurde. Letztes Jahr hat mich ein Mann auf offener Straße beleidigt. Er sagte: "Du hast hier nichts zu suchen. Wir sind hier Deutsche. Wir sind Deutsche, nicht du. Wie siehst du denn aus? Dumme Fotze, Mann!" Meine Brüder haben alles von unserem Balkon aus mit dem Handy aufgenommen. Ich habe ihn daraufhin angezeigt. Das Gericht verurteilte den Mann zu einem Bußgeld.

In dem Moment war ich ziemlich verängstigt, weil er sehr aggressiv war. Trotzdem habe ich versucht, ruhig zu bleiben. Was mich noch immer negativ stimmt, sind Situationen, in denen unbeteiligte Leute einfach nur zusehen und keine Initiative zeigen, wenn Migranten oder Flüchtlinge Opfer von Rassismus werden.

Nhi Le, 24, Journalistin und Moderatorin in Leipzig

Nhi Le © Iona Dutz für ZEIT ONLINE

Das "freundliche Sachsen" hat gewonnen, hat der amtierende Ministerpräsident Kretschmer am vergangenen Wahlsonntag gesagt. Ich soll erleichtert sein, dass die AfD nicht stärkste Kraft in Sachsen wurde. Ich soll froh sein, dass sie es nicht in die Regierung schafft. So einfach ist es aber nicht.

Ich bin Deutsche, geboren und aufgewachsen in Thüringen. Meine Eltern sind Vietnamesen. Seit sechs Jahren lebe ich nun in Leipzig. Das war als Schülerin immer mein großer Traum. Die Stadt, die Szeneviertel, die Buchmesse und Festivals, all das fand ich anziehend. Deshalb bin ich direkt nach dem Abitur in die Stadt gezogen, habe hier studiert. Ich bereue es nicht, aber diese Leichtigkeit ist nicht mehr da. 

Vor allem in der Innenstadt kann ich oftmals nicht gelassen durch die Fußgängerzone gehen. Vor ein paar Jahren fanden hier wöchentlich Legida-Demos statt. Zum Glück war auch die Gegenbewegung groß – sonst würden die Rechten wahrscheinlich immer noch marschieren.

Doch die rechten Demonstranten sind Leipziger. Sie leben hier, fahren mit mir in der Straßenbahn, sitzen in denselben Restaurants. Immer wieder spüre ich ein Unbehagen, dass jederzeit etwas passieren könnte. 

"Aus dummen Fragen sind offen rassistische Sprüche und Übergriffe geworden."
Nhi Le

Wie letztens, als mich aus dem Nichts eine Gruppe von Nazis anpöbelte. "Haben die Ausländer nichts Besseres zu tun als dumm rumzustehen. Wie können die sich überhaupt ein Handy leisten?", schrie mir einer der Rechten entgegen.

Früher war es vor allem der Alltagsrassismus, der mir begegnete. "Wo kommst du denn wirklich her?" Aus kleinen Sticheleien ist mittlerweile mehr geworden. Das veränderte Klima spiegelt sich auch in den Wahlerfolgen der AfD. Aus dummen Fragen sind offen rassistische Sprüche und Übergriffe geworden.

Auch als Speakerin und Journalistin merke ich das. Immer wieder erzählen mir Teilnehmende bei Workshops von Übergriffen und Beleidigungen. Sie zeigen: Das sind keine Einzelfälle. Ich bin nicht allein – und ich werde nicht aufhören, laut darüber zu sprechen.

"Gauland fragte: 'Sehen Sie hier irgendwo Nazis?' Ich sagte: 'Ja.'"

Salim Nasereddeen © Sonja Hamad für ZEIT ONLINE

Salim Nasereddeen, 24, studiert Linguistik und Religionswissenschaften in Potsdam

Kurz vor der Wahl in Brandenburg war ich auf einer AfD-Wahlkampfveranstaltung in der Heimat meiner Eltern, im Landkreis Oberhavel. Ich war wegen der Gegendemo dort, der AfD-Vorsitzende Alexander Gauland hielt höchstpersönlich eine Rede in einer Schulaula. Ich ging rein, um mir seine Rede anzuhören, ich wollte mich dieser Rede bewusst aussetzen. Ich habe das Gefühl, dass die Ideologie der AfD sehr theoretisch für mich ist: Ich lese viele Artikel über die AfD, höre Reden im Internet. Aber ich bin ihr nicht direkt ausgesetzt. Ich wollte mich dem stellen, weil mich auch diese Rhetorik interessiert.

Ich habe dunkle Haare und einen Bart und fiel da ziemlich auf in der Aula. Es kamen natürlich erstaunte Blicke, die mir auch aufgefallen sind. Vielleicht wollte ich sogar ein wenig provozieren. Am Anfang fragte Gauland rhetorisch: "Sehen Sie hier irgendwo Nazis?". Danach gab es eine kurze Stille. Ich habe dann "Ja" gerufen. Daraufhin starrten mich auch erst mal alle an.

Gauland sprach von einem neuen Bewusstsein der Ostdeutschen, das die Menschen im Osten marginalisiert wurden und die AfD dieses neue Bewusstsein schafft. Er redete auch von der "Wende 2.0" und immer wieder von einem "Wir", dass aus meiner Sicht bestimmte Leute ausschließen soll, was aber natürlich nie so klar gesagt wird. Er hat mit den Leuten, die ihm zugehört haben, gespielt. Und die Zuhörenden haben sich bestätigt gefühlt.

"Meine Familie meidet es auch, viel draußen unterwegs zu sein und geht nur raus, wenn es nötig ist."
Salim Nasereddeen

Meine Familie kommt aus Jordanien. Meine Mutter und meine Schwester tragen ein Kopftuch und fallen dadurch in dem kleinen Ort sehr auf. Zwar war die AfD in diesem Ort nicht so stark wie im Rest Brandenburgs, aber sie hat trotzdem einen großen Sprung auf 17 Prozent hingelegt. Meine Familie wurde auch schon öfter von fremden Leuten angefeindet. Die rufen dann so was wie "Raus hier!" oder "Geht zurück!". Meine Familie meidet es auch, viel draußen unterwegs zu sein und geht nur raus, wenn es nötig ist. Aber sie begegnen auch viel Offenheit in der Nachbarschaft. Ich selbst fühle mich in der Stadt wohl und würde nicht unbedingt zurück in den ländlichen Raum.

Wir reden in meinem Freundeskreis, der stark muslimisch geprägt ist, sehr viel und oft über Rassismus. Von unserer Herkunft sind wir sehr divers: Araber, Türken, Deutsche. Deswegen machen wir auch unterschiedliche Erfahrungen mit Rassismus. Der Aufstieg der AfD und der Rassismus beunruhigen meine Freunde und mich schon, aber wir fühlen uns jetzt nicht direkt als Opfer. Zumindest nicht im unmittelbaren Sinne, wie wenn man zum Beispiel auf der Straße beleidigt wird. Das ist mir wirklich sehr selten passiert.

Aber meine Freunde und ich fangen gerade an, uns eine Zukunft aufzubauen, hier in Potsdam oder diesem Land. Es ist nicht abzusehen, dass die AfD wieder an Bedeutung verliert. Da frage ich mich schon, was die nächsten Wahlen so bringen, was möglicherweise eine AfD-Regierung bringen würde, mit der ich mich arrangieren müsste. Das sind schon Sorgen, die wir haben. Manche Freunde von mir reden schon darüber, Deutschland zu verlassen. Andere finden das hysterisch und übertrieben. Ich bin mir da auch nicht sicher. Zum jetzigen Zeitpunkt, wo ich die meisten unangenehmen Dinge noch lese und höre, anstatt sie zu erleben, bin ich noch nicht so drastisch eingestellt. Aber die Sorge ist da.

Eranty Schwan Leite, 22, studiert bald Deutsch als Fremd- und Zweitsprache in Leipzig

Eranty Schwan Leite © Iona Dutz für ZEIT Campus ONLINE

Vor den Wahlen habe ich mir gesagt: Ich möchte in Leipzig bleiben. Meine Eltern leben hier, die Eltern meines Freundes leben hier. Die Mieten sind billig und Leipzig ist eine schöne Stadt. Deshalb möchte ich mich auch nicht einfach so von hier vertreiben lassen. Mein Ziel ist es, Deutsch und Ethik an einem Gymnasium zu unterrichten. Ich möchte eine schwarze Lehrerin in Leipzig sein. Das ist genau das, was mir als Kind immer gefehlt hat. Jetzt sehe ich das ein bisschen anders.

Ich möchte mich nicht verdrängen lassen, aber ich will auch nicht die ganze Zeit kämpfen müssen. Ich will nicht rausgehen und mir jedes Mal Gedanken über meine Sicherheit machen. Ich will mich nicht vorbereiten müssen auf einen einfachen Einkauf. Mein Freund und ich haben deshalb besprochen, dass wir in ein paar Jahren wegziehen werden. Ich möchte einfach mal ausprobieren, wie es ist, in einer Stadt mit mehr nicht weißen Menschen zu leben. Dann kann ich das besser beurteilen.

"Mich überrascht auch nicht, dass die AfD bei den jungen Wählern gewinnt."
Eranty Schwan Leite

Mein Vater wurde als Student am Leipziger Hauptbahnhof von einem Nazi angegriffen. Er wurde mit einem Messer niedergestochen. Ich fahre regelmäßig am Hauptbahnhof vorbei. Für alle anderen in meinem Umfeld ist das kein Ding. Man ist natürlich nicht gerne nachts am Hauptbahnhof, weil da alle möglichen Leute rumlaufen. Aber für mich ist die Gefahr realer – ich fühle mich, als ob ich einer riesigen Bedrohung gegenüberstehe, die alle anderen einfach nicht mitbekommen.

Dass Leute mir in die Haare greifen oder Affengeräusche machen, wenn ich an ihnen vorbeigehe, kenne ich schon seit meiner Kindheit. Ich würde nicht sagen, dass das schlimmer geworden ist. Es ist gleichbleibend schlimm. Nur im Bewusstsein von Menschen, die nicht rassistisch sein wollen, kommt das Thema seit 2015 und Pegida mehr an.

Mich überrascht auch nicht, dass die AfD bei den jungen Wählern gewinnt. Ich habe nie daran geglaubt, dass Rassismus mit den Alten einfach ausstirbt. In meinem gesamten Leben habe ich schon Rassismus durch Gleichaltrige erfahren. Kinder lernen das von ihren Eltern. Das wird weitergegeben. Meine Schwester und ich waren einmal im Spieleparadies in Bautzen. Dort hat uns ein anderes Kind angeguckt und das N-Wort gesagt.

Mein Großvater, der in Bautzen lebt, oder die Großeltern meines Freundes zum Beispiel sind sehr offen, wenn ich mit ihnen über Antirassismus spreche. Junge Menschen reagieren meiner Erfahrung nach viel defensiver und fühlen sich sehr schnell angegriffen. Ich habe zum Beispiel den Großeltern meines Freundes erklärt, warum man das N-Wort nicht benutzen sollen. Am Ende haben sie gesagt: "Wir wussten das alles damals nicht, aber wir werden es auf jeden Fall nicht verwenden."

"'Sie haben hier gar keine Rechte', sagte sie"

Mohammad Okasha, 34, promoviert in Integrationswissenschaft in Leipzig

Mohammad Okasha © Iona Dutz für ZEIT ONLINE

Das hasserfüllte Gesicht der jungen Frau werde ich nie vergessen. Ich stand gerade am Hauptbahnhof in Leipzig, kam von einem Wocheneinkauf. Plötzlich schubste mich von hinten eine Frau, entriss mir meine Tüte und brüllte: "Hier ist Deutschland, geh' nach Hause." Es war kurz nach der letzten Bundestagswahl, bei der die AfD hier in Sachsen stärkste Kraft wurde. Ich drohte ihr mit der Polizei, sie mir wiederum damit, zu behaupten, ich hätte sie belästigt. Ich ließ die Sache ruhen, nahm aber an diesem Abend zum ersten Mal wahr, dass es auch junge Menschen gibt, die Ausländer wie mich am liebsten abschieben würden.

Ich bin vor sechs Jahren aus Ägypten geflohen. Kurz nach dem Putsch war es für mich als politisch aktiven Menschen zu gefährlich geworden. Mit einem Studentenvisum kam ich nach Leipzig. Ich war erleichtert, nun nicht mehr in Angst leben zu müssen.

Ein paar Monate später: Ich saß in der Straßenbahn. Ein Typ betrat das Abteil, schaute mich von oben bis unten an und sagte: "Ab ins Lager mit dir." Ich war geschockt, wusste nicht, wie ich reagieren sollte. An der nächsten Station stieg eine junge Frau mit asiatischem Migrationshintergrund in die Bahn. Er sagte dasselbe zu ihr. Auch sie war offensichtlich überfordert mit der Situation. Zum Glück ist ein anderer Fahrgast eingeschritten und hat den Mann aus der Bahn begleitet.

"Ich studiere, ich spreche Deutsch, ich kenne meine Rechte. 'Sie haben hier gar keine Rechte', sagte sie."
Mohammad Okasha

Solche Erfahrungen mache ich häufiger. Sie verletzen, sie bereiten Bauchschmerzen. Doch am meisten trifft es mich, wenn ich in Behörden diskriminiert werde. Seit fünf Tagen ist meine Frau aus Ägypten nun in Deutschland. Endlich. Ich würde gerne Aufenthaltsbescheide für meine Frau und Kinder erhalten. Auch sie fühlen sich in unserer Heimat nicht mehr sicher. Deshalb bin ich letztens zur Ausländerbehörde gegangen. Der nächste freie Termin: Anfang November. Ich war enttäuscht. Umsonst hatte ich stundenlang gewartet. Dazu die Dame hinter dem Schalter, die mit mir sprach, als wäre ich ein kleines Kind. Doch ich studiere, ich spreche Deutsch, ich kenne meine Rechte. "Sie haben hier gar keine Rechte", sagte sie.

Sie hat mir gezeigt, dass ich nicht willkommen bin. Spätestens jetzt, mit dem Wahlergebnis der AfD, ist mir bewusst, dass noch viel mehr Menschen in meiner neuen Heimat Sachsen so denken.

Sophia, 25, studiert Wirtschaftsinformatik in Leipzig

Ich war acht, als ich das erste Mal von Neonazis beleidigt wurde. Damals lebte ich noch in Brandenburg an der Havel und wartete nach der Schule auf die Bahn. Zwei Männer kamen zur Haltestelle. Beide glatzköpfig, einer trug schwere Stiefel. Sie nannten mich "Fidschi". Keiner der Menschen an der Haltestelle sagte etwas. Alle taten so, als würden sie nichts mitbekommen. Als Kind habe ich nicht verstanden, was passiert ist. Ich habe geweint, als ich zu Hause ankam, aber mit niemandem darüber gesprochen. Erst später ist mir klar geworden, was die Männer gesagt hatten.

"Ich liebe Leipzig und habe Angst, dass sich die Stadt verändern könnte."
Sophia

Meine Eltern stammen beide aus Vietnam. Seit 30 Jahren leben sie in Brandenburg. Ich bin dann 2012 zum Studium nach Leipzig gezogen. Hier habe ich bisher selten Rassismus erlebt.

Ich mache mir Sorgen über das Ergebnis der Landtagswahlen. Ich liebe Leipzig und habe Angst, dass sich die Stadt verändern könnte: dass ich nicht mehr selbstverständlich abends ausgehen kann. Dass ich aufpassen muss, wie ich mich verhalte oder was ich äußere. Dass ich benachteiligt werde, zum Beispiel bei der Jobsuche.

Aber ich habe auch Hoffnung: Vielleicht rüttelt es die Menschen wach, dass die AfD so viele Stimmen bekommen hat. Vielleicht beginnen sie einzugreifen, wenn sie rassistische Handlungen miterleben. Ich wünsche mir, dass sich keiner mehr wegdreht. Als Achtjährige hätte ich genau das gebraucht: dass sich jemand neben mich auf die Bank setzt. Die Person hätte nicht mal etwas sagen müssen. Einfach nur da sein.

"Mein Dresden ist auch bunt"

Quynh Anh, 27, Dolmetscherin in Leipzig

© Iona Dutz für ZEIT Campus ONLINE

Als am Sonntag bei den Hochrechnungen der Balken für die AfD immer länger wurde, habe ich erst mal geweint. Ich habe mich gefragt, ob die ganze Arbeit, die ich hier mache, um gegen Rassismus zu kämpfen, nichts bringt. Ich engagiere mich beim Unteilbar-Bündnis und arbeite ehrenamtlich als Dolmetscherin für Geflüchtete. Aber am Sonntag dachte ich: Es ist den Leuten egal, dass die AfD gegen Geflüchtete und Ausländer hetzt und mit Neonazis in Chemnitz aufmarschiert. Und ich kann nichts dagegen machen.

Meine Eltern sind 1988 aus Vietnam als Gastarbeiter damals noch in die DDR gekommen. Ich bin in Greiz geboren und in Zeulenroda in Thüringen aufgewachsen. Dort ist es bis heute normal, dass die Leute auf der Straße sagen: "Lass uns doch was zu essen beim Schlitzauge holen." Meine Eltern und die gesamte vietnamesische Gemeinschaft dort reagieren auf den Rassismus, indem sie sich zurückziehen. Wir haben nie darüber gesprochen, was sie erlebt haben, als sie nach Deutschland gekommen sind. Nur die Warnungen kenne ich.

Als ich in die Grundschule kam, sagte meine Mutter zu mir: "Wenn du Leute mit Glatzen und schweren Stiefeln siehst, dann geh in die andere Richtung." Als ich sie fragte, warum, sagte sie: "Die mögen uns Ausländer nicht. Du wirst immer als Ausländerin betrachtet werden, egal ob du hier geboren bist, egal wie gut du Deutsch sprichst und wie gut du in der Schule bist." Ich lebe inzwischen in Leipzig, nach Zeulenroda fahre ich nur selten.

"Für die AfD gehört Heimat nur denen, die wie sie sind."
Quynh Anh

In Leipzig fühle ich mich wohl – hier habe ich studiert und arbeite jetzt als Dolmetscherin für Spanisch und Englisch. Aber seit einigen Jahren wird der offene Rassismus wieder schlimmer. Es kommt öfter vor, dass ich in der Bahn oder auf der Straße höre, ich solle dahin zurückgehen, wo ich herkomme. Das ist mir früher hier nie passiert.

Natürlich gibt es überall in Deutschland Rassismus. Ich erlebe ihn aber hier. Und die sehr hohen Ergebnisse der AfD hier zeigen ja, was die Menschen denken. Ich finde es gut, wenn anerkannt würde: Es gibt hier ein Problem mit Rassismus und es ist größer als woanders in Deutschland. Und dann der Fokus darauf gelegt würde: Was kannst du tun, um das Problem zu lösen?

Es heißt oft, die Leute wählen die AfD, weil sie abgehängt sind. Ich verstehe auch, wenn die Leute verzweifelt oder traurig sind, wenn sie arm sind und wütend, weil andere Menschen ins Land kommen, denen geholfen wird, und ihnen vielleicht nicht geholfen wurde. Aber was die Politikerinnen und Politiker der AfD tun, ist nur, die einen gegen die anderen auszuspielen: Der Hass auf angeblich Fremde wird geschürt, als wäre irgendetwas besser, wenn sie nicht da wären. Aber die einen sind nicht schuld am Leid der anderen.

Wenn ich Heimat daran fest mache, wo ich mich wohl fühle, wo ich mein Zuhause habe und meine Freunde, dann würde ich schon sagen, dass Leipzig meine Heimat ist. Aber das ist nicht die Art von Heimat, von der die AfD spricht. Heimat gehört nur denen, die wie sie sind. Alle anderen werden ausgegrenzt. Sie sagen: Das gehört uns – wer nicht aussieht wie wir und nicht denkt wie wir, wird ausgeschlossen. Das ist auch der Heimatbegriff, der in meiner Heimatstadt Zeulenroda vorherrscht.

Ich habe nach dem Wahlergebnis überlegt, ob ich wegziehen soll. Nicht sofort, aber in vier oder acht Jahren vielleicht. In eine noch größere Stadt, in der viele verschiedene Menschen zusammenleben. Ich hoffe, es wird hier nicht schlimmer. Aber gerade bin ich pessimistisch.

Ezekiel Wendtoin, 27, Musiker in Dresden

Ich höre immer wieder: "Wie mutig von dir, immer noch hier in Dresden zu sein." Weggehen ist für mich jedoch nicht die Lösung, gerade jetzt wo die Rassisten noch stärker geworden sind. Nachvollziehen kann ich aber, wenn andere es tun. Klar, es kommt vor, dass ich auf der Straße beleidigt werde. Zum Beispiel passiert es manchmal, dass Leute im Vorbeigehen sagen: "Geh zurück nach Hause!" oder das N-Wort verwenden. Aber wo könnte man damit rechnen, gar nicht mit Rassismus konfrontiert zu werden?

Von außen wirkt es wohl manchmal so, als sei das Leben hier unmöglich. Schade, dass wir nur über die Rassisten sprechen. Doch Dresden hat auch noch ein anderes Gesicht: Mein Dresden ist auch bunt. Hier leben Menschen, die sich tagtäglich einmischen und daran arbeiten, dass demokratische Werte gelebt werden. Ich fände es jedoch wichtig, dass der Osten nicht allein mit den Wutbürgern gelassen wird.

"Über Dresden habe ich ein Lied geschrieben, es heißt 'Zu Hause in Dresden'."
Ezekiel Wendtoin

Ich versuche, meinen Teil beizutragen: als freiberuflicher Musiker und Schauspieler. Ich singe auf Deutsch, Französisch und in meiner Muttersprache Mòoré. Ich bin in Burkina Faso geboren und aufgewachsen. In meiner Musik ergreife ich ganz klar Position. Über Dresden habe ich ein Lied geschrieben, es heißt Dresden Daheeme, also "zu Hause in Dresden", im Dialekt. Der Song beschreibt, dass die Stadt für mich Heimat geworden ist – trotz der AfD und ihrer Anhänger. Außerdem gehe ich an Schulen und spreche in Musik-Workshops über mein Herkunftsland. Ich glaube, dass ein solcher Austausch viel bewirkt.

Neulich fand in Dresden die Unteilbar-Demo statt. Es sind viele Menschen aus dem ganzen Bundesland gekommen. 2016, als ich für meinen Germanistik-Master nach Deutschland kam, haben wir gegen Pegida demonstriert. Da ist also schon länger einiges in Bewegung, nicht erst seit gestern.

Wir dürfen nicht vergessen: Über 70 Prozent der Menschen haben bei den Landtagswahlen nicht die AfD gewählt. Sie müssen jetzt weiterkämpfen. Es fängt bei kleinen Ungerechtigkeiten an: auf der Straße, in der U-Bahn, im Bus. Wenn man sich gegen beleidigende und rassistische Aussagen positioniert, kann das viel verändern. Ich wünsche mir, dass Menschen Mut haben, "Nein" zu sagen. Durch meine Musik, versuche ich, sie darin zu bestärken.

Wir haben es allen Protagonistinnen und Protagonisten freigestellt, ob sie mit Bild und ihrem vollständigen Namen erscheinen wollen. Weil Rüyas Vorname so selten ist, haben wir ihren Vornamen geändert. Die Namen aller Protagonistinnen und Protagonisten sind der Redaktion bekannt.