Jibran Khalil, 30, studiert Kindheitsstudien und Kinderrecht in Potsdam

Jibran Khalil © Sonja Hamad für ZEIT ONLINE

Vor ein paar Monaten habe ich Flyer der Seebrücke Potsdam auf den Tischen in der Mensa meiner Hochschule verteilt. Die Seebrücke kümmert sich um Seenotrettung von Flüchtlingen im Mittelmeer. Als ich einen Flyer auf den Tisch legen wollte, nahm mir ein Student den Flyer aus der Hand und sagte: "Ich brauche diesen Flyer nicht. Dich brauche ich auch nicht." Er zerriss den Flyer und warf ihn weg. In der Hochschule begegnet mir nur selten Rassismus, aber manchmal eben doch.

Ich bin vor sechs Jahren aus Pakistan nach Deutschland geflohen. Zuerst kam ich in die Erstaufnahmeeinrichtung nach Eisenhüttenstadt. Dort war ich circa 30 Tage. Danach war ich in Teltow und Michendorf in Brandenburg, bis ich vor drei Jahren nach Potsdam ging. Ich bin selbst bei vier Organisationen ehrenamtlich tätig. Vor allem für Organisationen, die sich für Flüchtlinge und gegen Gewalt von rechts einsetzen.

Nicht nur ich, sondern viele Migranten und Geflüchtete erleben hier in Brandenburg Rassismus täglich auf der Straße oder in der Bahn. Gerade erst wurde berichtet, dass dieses Jahr jeder vierte Angriff auf Flüchtlinge in Brandenburg begangen wurde. Letztes Jahr hat mich ein Mann auf offener Straße beleidigt. Er sagte: "Du hast hier nichts zu suchen. Wir sind hier Deutsche. Wir sind Deutsche, nicht du. Wie siehst du denn aus? Dumme Fotze, Mann!" Meine Brüder haben alles von unserem Balkon aus mit dem Handy aufgenommen. Ich habe ihn daraufhin angezeigt. Das Gericht verurteilte den Mann zu einem Bußgeld.

In dem Moment war ich ziemlich verängstigt, weil er sehr aggressiv war. Trotzdem habe ich versucht, ruhig zu bleiben. Was mich noch immer negativ stimmt, sind Situationen, in denen unbeteiligte Leute einfach nur zusehen und keine Initiative zeigen, wenn Migranten oder Flüchtlinge Opfer von Rassismus werden.

Nhi Le, 24, Journalistin und Moderatorin in Leipzig

Nhi Le © Iona Dutz für ZEIT ONLINE

Das "freundliche Sachsen" hat gewonnen, hat der amtierende Ministerpräsident Kretschmer am vergangenen Wahlsonntag gesagt. Ich soll erleichtert sein, dass die AfD nicht stärkste Kraft in Sachsen wurde. Ich soll froh sein, dass sie es nicht in die Regierung schafft. So einfach ist es aber nicht.

Ich bin Deutsche, geboren und aufgewachsen in Thüringen. Meine Eltern sind Vietnamesen. Seit sechs Jahren lebe ich nun in Leipzig. Das war als Schülerin immer mein großer Traum. Die Stadt, die Szeneviertel, die Buchmesse und Festivals, all das fand ich anziehend. Deshalb bin ich direkt nach dem Abitur in die Stadt gezogen, habe hier studiert. Ich bereue es nicht, aber diese Leichtigkeit ist nicht mehr da. 

Vor allem in der Innenstadt kann ich oftmals nicht gelassen durch die Fußgängerzone gehen. Vor ein paar Jahren fanden hier wöchentlich Legida-Demos statt. Zum Glück war auch die Gegenbewegung groß – sonst würden die Rechten wahrscheinlich immer noch marschieren.

Doch die rechten Demonstranten sind Leipziger. Sie leben hier, fahren mit mir in der Straßenbahn, sitzen in denselben Restaurants. Immer wieder spüre ich ein Unbehagen, dass jederzeit etwas passieren könnte. 

"Aus dummen Fragen sind offen rassistische Sprüche und Übergriffe geworden."
Nhi Le

Wie letztens, als mich aus dem Nichts eine Gruppe von Nazis anpöbelte. "Haben die Ausländer nichts Besseres zu tun als dumm rumzustehen. Wie können die sich überhaupt ein Handy leisten?", schrie mir einer der Rechten entgegen.

Früher war es vor allem der Alltagsrassismus, der mir begegnete. "Wo kommst du denn wirklich her?" Aus kleinen Sticheleien ist mittlerweile mehr geworden. Das veränderte Klima spiegelt sich auch in den Wahlerfolgen der AfD. Aus dummen Fragen sind offen rassistische Sprüche und Übergriffe geworden.

Auch als Speakerin und Journalistin merke ich das. Immer wieder erzählen mir Teilnehmende bei Workshops von Übergriffen und Beleidigungen. Sie zeigen: Das sind keine Einzelfälle. Ich bin nicht allein – und ich werde nicht aufhören, laut darüber zu sprechen.