Die britische Autorin Ruby Warrington ist von einem "Cocktail Girl" zu einer Verfechterin der Abstinenz geworden. Sie findet, wir sollten alle weniger Alkohol trinken.

Generation Y

In Großstädten gibt es inzwischen zahlreiche Partys für alle, die nüchtern feiern wollen. Sie versprechen: kein Wochenende mehr mit Kater oder tanzen morgens vor der Arbeit. Was steckt dahinter? Die britische Autorin Ruby Warrington ist Teil dieser Bewegung. In ihrem Buch "Sober Curious" (auf Deutsch: "Nüchtern Neugierig") plädiert sie für Abstinenz.

ZEIT Campus Online: Sie haben Ihr Buch Sober Curious dem "Cocktail-Mädchen" gewidmet – was heißt das? 

Ruby Warrington: Dieses Cocktail Girl war eine Fassade, die ich vor allem in meinen Zwanzigern benutzt habe. Dank dieser Persona habe ich mich so gefühlt, als könne ich meinen Vorstellungen einer modernen, emanzipierten, erfolgreichen Frau gerecht werden. Als ich auf der Universität war, wurde es als sexy und cool angesehen, Alkohol zu trinken – und so viel trinken zu können wie Männer. Als ich aufgehört habe, Alkohol zu trinken, hab ich mich gefragt: Wer bin ich ohne Alkohol? 

ZEIT Campus Online: Wieso haben Sie Ihre Beziehung zu Alkohol infrage gestellt?

Warrington: Ich war mit Anfang dreißig in einer sehr verantwortungsvollen Position für The Sunday Times in Großbritannien – ein Job, von dem ich meine gesamte Karriere lang geträumt hab. Und dann kamen die Panikattacken. Ich bin ständig nachts mit Herzrasen aufgewacht, mein Kopf hat sich gedreht und ich habe mir total Stress gemacht wegen der Deadlines und des ganzen Drucks. Außerdem war ich oft super müde, besonders nachmittags. Ich war auf der Arbeit oft kurz vorm Heulen, obwohl ich den Job wirklich mochte. Und Alkohol hat alles einfach noch zehnmal schlimmer gemacht.

ZEIT Campus Online: Was ist danach passiert?

Warrington: Als ich für einen Artikel ein Yoga-Seminar besuchte, habe ich dort ein Wochenende lang keinen Alkohol getrunken. Das war wahrscheinlich das erste Mal überhaupt, seit ich Anfang zwanzig war. Ich habe gemerkt, wie ich einfach so viel ruhiger nach diesem Wochenende war. Dann habe ich angefangen, meinen Konsum zu hinterfragen.

ZEIT Campus Online: Wie sah dieser Prozess aus?

Warrington: Immer, wenn ich Alkohol getrunken habe, habe ich mich gefragt: Welche Gefühle löst es in mir aus? Warum konsumiere ich gerade? Fühle ich Druck von außen? Will ich das überhaupt? Warum will ich es so dringend? Ganz langsam habe ich dann über die Jahre gemerkt, was Alkohol mir bringt: nichts. Das hat es immer einfacher gemacht, nicht zu trinken. Richtig aufgehört habe ich dann erst in den letzten zwei, drei Jahren.

ZEIT Campus Online: Wie hat sich Ihr Leben dadurch verändert?

Warrington: Ich schlafe seither wahnsinnig gut. In den meisten Fällen habe ich einen tiefen, erholsamen Schlaf und wache morgens energiegeladen auf, so, als könnte ich sämtliche Probleme einfach angehen. Selbst wenn man nur gemäßigt trinkt, merkt man erst, wenn man nicht mehr trinkt, was für einen Einfluss der Alkohol auf den Schlaf und das eigene Energielevel hat. Zweitens sind die zwischenmenschlichen Beziehungen in meinem Leben sehr viel besser geworden. Drittens wurde meine Verdauung viel besser – ich hatte vorher schlimme Darmprobleme. Als Viertes nenne ich gerne das Selbstbewusstseinsparadox: Oft trinken wir Alkohol, um uns selbstbewusster zu fühlen. Ich fühle mich aber jetzt als Nichttrinkerin sehr viel besser. Ich glaube, das liegt daran, dass ich mir bewiesen habe, dass ich es nicht brauche.

ZEIT Campus Online: Sie nennen sich sober curious, sind aber gegen bewussten und gemäßigten Alkoholkonsum und für Abstinenz. Wo liegt der Unterschied?

Warrington: Wenn wir an moderaten Alkoholkonsum denken, denken wir: Nur am Wochenende oder nie mehr als zwei Gläser. Und dann kommt der alte Satz: Regeln sind da, um gebrochen zu werden – besonders bei Alkohol! Das ist auch ein Grund, warum wir so viel Alkohol trinken: Laut einer im Jahr 2007 veröffentlichten Studie ist er eine der am ehesten süchtig machenden Substanzen. Jemandem, der gerade damit anfängt, seinen Alkoholkonsum zu hinterfragen, rate ich: Fang mit hundert Tagen Abstinenz an. In dem Zeitrahmen wird man für gewöhnlich mit ein paar schwierigen Situationen konfrontiert, wie zum Beispiel einer Hochzeit, wo man normalerweise sagen würde: Ach, auf einer Hochzeit kann ich ja mal was trinken. Nein, du wirst nicht trinken, nur weil es eine Hochzeit ist! Du wirst die Hochzeit damit verbringen, neugierig darauf zu sein, wie es ist, auf einer Hochzeit nüchtern zu sein – also sober curious. Die große Frage ist: Wäre mein Leben besser ohne Alkohol? Um die zu beantworten, muss Alkohol aus der Gleichung genommen werden. Deswegen bin ich für Abstinenz.