"Es macht mich traurig, wie dumm wir sind" – Seite 1

Christoph Schneider erforscht seit 25 Jahren, wie sich das Klima der Erde ändert. Lange hat niemand zugehört. Jetzt wird er selbst zum Aktivisten, ein bisschen zumindest.

Professor

Seit Jahrzehnten warnen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, dass der Mensch mit seinem Verhalten, seinen Autos, seinem Essen, seinem Urlaub das Klima der Erde verändert. Doch lange schien das niemanden zu interessieren. Bis jetzt. Seit jeden Freitag Tausende junge Menschen unter dem Motto "Fridays for Future" auf die Straße statt in die Schule gehen, ist der Klimawandel zum Thema geworden.

Am 12. März verkündete eine Gruppe Forschender vor der Bundespressekonferenz in Berlin, dass sie die streikenden Schülerinnen unterstützt. Ihr Name: Scientists for Future. Die zugehörige Stellungnahme haben mehr als 26.000 Wissenschaftler unterzeichnet. Einer der Ersten war Christoph Schneider, Professor für Klimageografie am Geografischen Institut der Humboldt-Universität zu Berlin. Er sagt: Fridays for Future habe viel verändert, auch für ihn persönlich – aber lange noch nicht genug.

ZEIT Campus ONLINE: Herr Schneider, vor etwas mehr als einem Jahr begann Greta Thunberg mit ihrem Schulstreik für das Klima. Was haben Sie gedacht, als Sie davon erfahren haben?

Christoph Schneider: Ich habe zum ersten Mal von Greta Thunberg gehört, als sie vor der UN-Klimakonferenz in Kattowitz gesprochen hat. Ich glaube nicht, dass ich damals schon verstanden habe, welche Bedeutung das hatte. Ich fand es berührend, dass junge Menschen nicht nur auf einer Sachebene, sondern mit einer emotionalen Betroffenheit beginnen, die politische Debatte mitzugestalten.

ZEIT Campus ONLINE: Inzwischen protestieren Tausende Schülerinnen und Schüler auf der ganzen Welt mit Greta. Macht Ihnen das Hoffnung?

Schneider: Ja. Ich sehe die Möglichkeit, dass über diesen Protest ein Hebel gefunden wird, den Klimawandel in eine Bahn zu lenken, in der er die Menschheit weniger hart trifft.

ZEIT Campus ONLINE: Sie sprechen von Klimawandel, nicht etwa von Klimakrise, Klimazusammenbruch oder Klimanotstand, wie es Greta Thunberg tut. Warum?

Schneider: Weil ich als Naturwissenschaftler erst mal sehe, dass sich das Klima wandelt. Ob der Klimawandel zu einer Krise wird, ist ein politischer oder soziologischer Begriff, den ich nicht brauche. Ich versuche, objektiv zu sagen: Wir beobachten eine sehr starke Veränderung des Klimas. Die wird sich, nach allem was wir wissen, verstärkt fortsetzen. Die Auswirkungen davon sind voraussichtlich krisenhaft, sie könnten auch katastrophal werden. Aber da ich das nicht weiß, versuche ich zu vermeiden, es in Begrifflichkeiten zu fassen.

ZEIT Campus ONLINE: Sie erforschen seit Anfang der Neunzigerjahre, wie sich das Klima der Erde verändert. Erst jetzt beginnen Politik und Gesellschaft, sich dafür zu interessieren. Wie haben Sie das Vierteljahrhundert dazwischen erlebt?

Schneider: Schon 1986, in meinem ersten Semester Geografie, haben wir in der Freiburger Altstadt beim Bier über Klimawandel gesprochen. Damals war er für uns eher noch ein Anlass, um unsere Forschung zu motivieren. Es ist interessant, wie man das abspalten kann. Wir wussten natürlich genau, wie dramatisch es werden kann, wenn politisch nichts passiert, um dem entgegenzuwirken. Aber zu dem Zeitpunkt dachten wir noch, dass die Menschheit nicht so doof ist und schon rechtzeitig die entsprechenden Schlüsse ziehen wird.

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ZEIT Campus ONLINE: Das ist aber jahrzehntelang nicht passiert.

Schneider: Das Kyoto-Protokoll von 1997 war für mich ein Durchbruch: Ich dachte, es gibt doch jetzt einen Konsens auf der Welt, dass wir den Klimawandel angehen. Das war eine Fehleinschätzung. Als dann die Schröder-Fischer-Regierung 2000 das Erneuerbare-Energien-Gesetz verabschiedete, sah ich darin eine Blaupause für die Welt. Das hat sich auch als Fehleinschätzung herausgestellt. Ab 2012 oder 2013 hatte ich immer mehr den Eindruck, dass auf den Folien für meine Vorlesung jedes Jahr das Gleiche steht: Es ist drängend, wir müssen jetzt schnell die Umkehr schaffen und die Emissionen global nach unten bringen. Nur den Zeithorizont muss ich jedes Mal updaten, weil es immer dringlicher wird.

ZEIT Campus ONLINE: Was macht dieses ewige Warten mit Ihnen?

Schneider: Ich bin immer noch optimistisch, dass tiefgreifender Wandel aus irgendeiner Ecke, die ich gerade nicht auf dem Schirm habe, passieren kann. Wer hätte denn vor drei Jahren gedacht, dass es Fridays for Future geben wird? Aber natürlich ist es auch frustrierend. Eine meiner Lieblingsfolien der Klimatologie-Vorlesung für die Erstsemester zeigt die Temperaturkurve von 1850 bis 2100. Meine Enkeltochter ist 2011 geboren, sie könnte den Wechsel ins 22. Jahrhundert erleben. Ich schaue mir diese Werte an und überlege: Was ist das für eine Welt? Wie sieht es da dann aus? Da kann einem schon bange werden. Ich empfinde eine tiefe Berührtheit, einen Schmerz. Es macht mich traurig, wie dumm wir sind. Kollektiv verhalten wir uns wie ein Schwarm dämlicher Goldfische.

"Unser Konsumverhalten funktioniert so nicht"

Christoph Schneider steht vor dem Hauptgebäude der Humboldt-Universität zu Berlin. Seit 2015 hat er hier die Professur für Klimageografie inne. © Andreas Prost für ZEIT Online

ZEIT Campus ONLINE: Die neueste Eurobarometer-Umfrage zeigt, dass sich immer mehr Menschen in Deutschland Sorgen ums Klima machen. Während 2018 noch 21 Prozent der Befragten im Klimawandel eines der beiden wichtigsten Themen sahen, mit denen die EU konfrontiert ist, waren es diesmal schon 31 Prozent. Freuen Sie sich über solche Zahlen?

Schneider: Ja, aber daraus folgt noch kein belastbares Bekenntnis zu engagierter Klimapolitik. Sagen Sie den Menschen mal, dass eine CO2-Steuer den Liter Sprit auf 2,50 Euro hochtreiben muss, damit wir den Wandel in Richtung Klimaneutralität schaffen. Dann möchte ich mal wissen, wie viele von den 31 Prozent dem noch zustimmen. Das ist das hauptsächlich Frustrierende: dass die Menschen wider besseres Wissen ihren kurzfristigen eigenen Vorteil wählen.

ZEIT Campus ONLINE: Was müssten wir bereit sein zu ändern?

Schneider: Unser Konsumverhalten funktioniert so nicht – egal, ob es um Plastikverbrauch geht, um Müll, um Fernreisen, um die Frage, wie viel Quadratmeter Wohnfläche jeder von uns haben muss. Ich sage nicht, dass wir eine Verzichtgesellschaft brauchen. Nein, wir müssen lernen, dass Lebensqualität bei dem hohen materiellen Wohlstand, den wir Deutschen haben, nicht davon abhängt, so viele Ressourcen zu verbrauchen. Ich bin überzeugt, dass der Erholungseffekt von drei Wochen Radfahren in Brandenburg mindestens so groß ist wie der Erholungseffekt von einer Fernreise auf die Malediven mit Tauchkurs. Aber das verstehen viele Menschen nicht.

ZEIT Campus ONLINE: Gerade in diesem Sommer wird doch viel über Begriffe wie Flugscham und Zugstolz diskutiert.

Schneider: Es sind nur ein paar Menschen, die es schaffen, ihr Verhalten wirklich zu ändern. Wir brauchen natürlich diese Graswurzelbewegung – dass Menschen weniger fliegen, bio und regional einkaufen, weniger Fleisch essen. Alles total wichtig. Aber das löst das Problem nicht. Es kann maximal das politische Bewusstsein schaffen und den Druck aufbauen, dass von oben die Anreize gesetzt werden, die eine breite Masse mitnehmen.

"Wir Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können das, was wir tun, nicht in dieselbe Emotionalität verpacken."
Christoph Schneider

ZEIT Campus ONLINE: Nehmen Politiker und Unternehmerinnen Ihre Warnungen denn inzwischen ernster?

Schneider: Ich habe mehrere Jahre lang im Managerseminar bei RWE den Vortrag über Klimawandel gehalten. Da war das mittlere Management anwesend, Kraftwerksleiter zum Beispiel. Ich hatte den Eindruck, dass da viele kluge Leute dabei sind, dass sich unter dem Mantel dessen, was man von so einer Firma weiß, vielleicht doch was bewegt. Dabei bin ich der Letzte, der für RWE Greenwashing betreiben muss. Aber am Ende macht mir das fast mehr Hoffnung. Ich glaube nicht, dass der Drive von der Politik allein kommen wird.

ZEIT Campus ONLINE: Fridays for Future bezeichnet sich selbst als Sprachrohr der Wissenschaft. Warum braucht es Jugendliche, damit das, was Sie und Ihre Kollegen schon lange wissen, Thema wird?

Schneider: Wir Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können das, was wir tun, nicht in dieselbe Emotionalität verpacken wie die Schülerinnen und Schüler. Damit würden wir das Vertrauen, das die Gesellschaft in uns haben muss, verspielen. Die wissenschaftliche Arbeitsweise erfordert einerseits Objektivität und andererseits ein Wissen über die dennoch vorhandene Subjektivität. Wir können nicht einfach emotionalisiert und politisiert agieren. Das sollen andere gesellschaftliche Akteure machen. Ich sehe aber auch nicht, dass Fridays for Future unser Sprachrohr wäre. Ich sehe, dass sie wissenschaftliche Erkenntnisse in einer anderen Form in die Debatte einbringen. Das ist eine kluge und richtige Arbeitsteilung.

"Wir wollen ja eine Anwendung unserer Erkenntnisse sehen"

ZEIT Campus ONLINE: Würde das eine ohne das andere funktionieren? Könnten Sie mit Ihren Fakten so weit kommen, wenn die Emotionen fehlen würden?

Schneider: Bis vor ein paar Jahren hätte ich noch klar Ja gesagt. Aber die Rückschläge der letzten 20 Jahre bringen mich dazu zu sagen: wahrscheinlich nicht. Wahrscheinlich würden wir nur durch Wissenschaftskommunikation nicht so viele Menschen erreichen.

ZEIT Campus ONLINE: Sie engagieren sich bei den Scientists for Future und haben an einem Fachartikel mitgeschrieben, der Fridays for Future unterstützt. Werden Sie gerade selbst zum Aktivisten?

Schneider: Ja, ich glaube schon. Das Thema drängt so, dass ich nicht mehr sagen kann: Politischer Prozess kann mir egal sein, ich bin ja Wissenschaftler. Es gibt immer mehr kleine Grüppchen, die sich mittwochs zum Klima-Sit-in treffen, auch an unserem Campus in Berlin-Adlershof. Manche nennen es Klimastreik, das tue ich nicht, denn als Beamter darf ich nicht streiken. Aber ich darf meine Arbeitszeit frei einteilen, ich kann mich in meiner Mittagspause zu den anderen stellen und für Gespräche bereitstehen.

ZEIT Campus ONLINE: Wollen sich alle Ihre Kollegen jetzt politischer positionieren?

Schneider: Ich kenne auch ganz viele, die sagen: Wir unterschreiben nicht bei den Scientists for Future, weil uns das zu aktivistisch ist.

ZEIT Campus ONLINE: In dem Fachartikel wird auch die "doppelte Verantwortung" von Forschenden diskutiert: Auf der einen Seite sollen sie politisch neutral bleiben, auf der anderen die Gesellschaft informieren und vor Gefahren warnen. Was ist die Rolle von Wissenschaft, wenn es um den Klimawandel geht?

Schneider: Das ist ein schmaler Grat. Aber ich glaube, in den Nachhaltigkeitswissenschaften kann man gar nicht wissenschaftlich arbeiten, ohne auch politisch und gesellschaftlich Stellung zu beziehen. Weil es doch – bei aller Grundlagenforschung – angewandte Wissenschaften sind. Wir wollen ja eine Anwendung unserer Erkenntnisse sehen. Also müssen wir auch für deren politische Umsetzung werben. Aber wir müssen das mit unserer wissenschaftlichen Methodik machen und nicht primär mit Demonstration und Protest.

"Wir müssen die Regeln unseres Zusammenlebens ändern."
Christoph Schneider

ZEIT Campus ONLINE: Wie wollen Sie erreichen, dass bald nicht nur 31 Prozent der Menschen den Klimawandel als wichtiges Thema betrachten, sondern alle? Und dass sie das auch in ihr Verhalten übersetzen?

Schneider: Wünschenswert wäre, dass das möglichst schnell passiert. Aber wie schon gesagt, ich glaube nicht, dass es Bottom-up geht. Wir müssen die Regeln unseres Zusammenlebens ändern, unserer Wirtschaftsweise, unseres Energieverbrauchs. Und schauen wir mal, ich habe in den letzten 20 Jahren einige unvorhergesehene Wendungen erlebt, die im Nachhinein folgerichtig erscheinen. Fukushima und der Atomausstieg zum Beispiel. Auch das Pariser Klimaabkommen war ein großer Durchbruch. Dass es dann doch nicht so viel gebracht hat, muss uns nicht entmutigen. Denn da kommt vielleicht die nächste oder übernächste Wendung und dann wuppt es plötzlich.