Christoph Schneider steht vor dem Hauptgebäude der Humboldt-Universität zu Berlin. Seit 2015 hat er hier die Professur für Klimageografie inne. © Andreas Prost für ZEIT Online

ZEIT Campus ONLINE: Die neueste Eurobarometer-Umfrage zeigt, dass sich immer mehr Menschen in Deutschland Sorgen ums Klima machen. Während 2018 noch 21 Prozent der Befragten im Klimawandel eines der beiden wichtigsten Themen sahen, mit denen die EU konfrontiert ist, waren es diesmal schon 31 Prozent. Freuen Sie sich über solche Zahlen?

Schneider: Ja, aber daraus folgt noch kein belastbares Bekenntnis zu engagierter Klimapolitik. Sagen Sie den Menschen mal, dass eine CO2-Steuer den Liter Sprit auf 2,50 Euro hochtreiben muss, damit wir den Wandel in Richtung Klimaneutralität schaffen. Dann möchte ich mal wissen, wie viele von den 31 Prozent dem noch zustimmen. Das ist das hauptsächlich Frustrierende: dass die Menschen wider besseres Wissen ihren kurzfristigen eigenen Vorteil wählen.

ZEIT Campus ONLINE: Was müssten wir bereit sein zu ändern?

Schneider: Unser Konsumverhalten funktioniert so nicht – egal, ob es um Plastikverbrauch geht, um Müll, um Fernreisen, um die Frage, wie viel Quadratmeter Wohnfläche jeder von uns haben muss. Ich sage nicht, dass wir eine Verzichtgesellschaft brauchen. Nein, wir müssen lernen, dass Lebensqualität bei dem hohen materiellen Wohlstand, den wir Deutschen haben, nicht davon abhängt, so viele Ressourcen zu verbrauchen. Ich bin überzeugt, dass der Erholungseffekt von drei Wochen Radfahren in Brandenburg mindestens so groß ist wie der Erholungseffekt von einer Fernreise auf die Malediven mit Tauchkurs. Aber das verstehen viele Menschen nicht.

ZEIT Campus ONLINE: Gerade in diesem Sommer wird doch viel über Begriffe wie Flugscham und Zugstolz diskutiert.

Schneider: Es sind nur ein paar Menschen, die es schaffen, ihr Verhalten wirklich zu ändern. Wir brauchen natürlich diese Graswurzelbewegung – dass Menschen weniger fliegen, bio und regional einkaufen, weniger Fleisch essen. Alles total wichtig. Aber das löst das Problem nicht. Es kann maximal das politische Bewusstsein schaffen und den Druck aufbauen, dass von oben die Anreize gesetzt werden, die eine breite Masse mitnehmen.

"Wir Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können das, was wir tun, nicht in dieselbe Emotionalität verpacken."
Christoph Schneider

ZEIT Campus ONLINE: Nehmen Politiker und Unternehmerinnen Ihre Warnungen denn inzwischen ernster?

Schneider: Ich habe mehrere Jahre lang im Managerseminar bei RWE den Vortrag über Klimawandel gehalten. Da war das mittlere Management anwesend, Kraftwerksleiter zum Beispiel. Ich hatte den Eindruck, dass da viele kluge Leute dabei sind, dass sich unter dem Mantel dessen, was man von so einer Firma weiß, vielleicht doch was bewegt. Dabei bin ich der Letzte, der für RWE Greenwashing betreiben muss. Aber am Ende macht mir das fast mehr Hoffnung. Ich glaube nicht, dass der Drive von der Politik allein kommen wird.

ZEIT Campus ONLINE: Fridays for Future bezeichnet sich selbst als Sprachrohr der Wissenschaft. Warum braucht es Jugendliche, damit das, was Sie und Ihre Kollegen schon lange wissen, Thema wird?

Schneider: Wir Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können das, was wir tun, nicht in dieselbe Emotionalität verpacken wie die Schülerinnen und Schüler. Damit würden wir das Vertrauen, das die Gesellschaft in uns haben muss, verspielen. Die wissenschaftliche Arbeitsweise erfordert einerseits Objektivität und andererseits ein Wissen über die dennoch vorhandene Subjektivität. Wir können nicht einfach emotionalisiert und politisiert agieren. Das sollen andere gesellschaftliche Akteure machen. Ich sehe aber auch nicht, dass Fridays for Future unser Sprachrohr wäre. Ich sehe, dass sie wissenschaftliche Erkenntnisse in einer anderen Form in die Debatte einbringen. Das ist eine kluge und richtige Arbeitsteilung.