ZEIT Campus ONLINE: Würde das eine ohne das andere funktionieren? Könnten Sie mit Ihren Fakten so weit kommen, wenn die Emotionen fehlen würden?

Schneider: Bis vor ein paar Jahren hätte ich noch klar Ja gesagt. Aber die Rückschläge der letzten 20 Jahre bringen mich dazu zu sagen: wahrscheinlich nicht. Wahrscheinlich würden wir nur durch Wissenschaftskommunikation nicht so viele Menschen erreichen.

ZEIT Campus ONLINE: Sie engagieren sich bei den Scientists for Future und haben an einem Fachartikel mitgeschrieben, der Fridays for Future unterstützt. Werden Sie gerade selbst zum Aktivisten?

Schneider: Ja, ich glaube schon. Das Thema drängt so, dass ich nicht mehr sagen kann: Politischer Prozess kann mir egal sein, ich bin ja Wissenschaftler. Es gibt immer mehr kleine Grüppchen, die sich mittwochs zum Klima-Sit-in treffen, auch an unserem Campus in Berlin-Adlershof. Manche nennen es Klimastreik, das tue ich nicht, denn als Beamter darf ich nicht streiken. Aber ich darf meine Arbeitszeit frei einteilen, ich kann mich in meiner Mittagspause zu den anderen stellen und für Gespräche bereitstehen.

ZEIT Campus ONLINE: Wollen sich alle Ihre Kollegen jetzt politischer positionieren?

Schneider: Ich kenne auch ganz viele, die sagen: Wir unterschreiben nicht bei den Scientists for Future, weil uns das zu aktivistisch ist.

ZEIT Campus ONLINE: In dem Fachartikel wird auch die "doppelte Verantwortung" von Forschenden diskutiert: Auf der einen Seite sollen sie politisch neutral bleiben, auf der anderen die Gesellschaft informieren und vor Gefahren warnen. Was ist die Rolle von Wissenschaft, wenn es um den Klimawandel geht?

Schneider: Das ist ein schmaler Grat. Aber ich glaube, in den Nachhaltigkeitswissenschaften kann man gar nicht wissenschaftlich arbeiten, ohne auch politisch und gesellschaftlich Stellung zu beziehen. Weil es doch – bei aller Grundlagenforschung – angewandte Wissenschaften sind. Wir wollen ja eine Anwendung unserer Erkenntnisse sehen. Also müssen wir auch für deren politische Umsetzung werben. Aber wir müssen das mit unserer wissenschaftlichen Methodik machen und nicht primär mit Demonstration und Protest.

"Wir müssen die Regeln unseres Zusammenlebens ändern."
Christoph Schneider

ZEIT Campus ONLINE: Wie wollen Sie erreichen, dass bald nicht nur 31 Prozent der Menschen den Klimawandel als wichtiges Thema betrachten, sondern alle? Und dass sie das auch in ihr Verhalten übersetzen?

Schneider: Wünschenswert wäre, dass das möglichst schnell passiert. Aber wie schon gesagt, ich glaube nicht, dass es Bottom-up geht. Wir müssen die Regeln unseres Zusammenlebens ändern, unserer Wirtschaftsweise, unseres Energieverbrauchs. Und schauen wir mal, ich habe in den letzten 20 Jahren einige unvorhergesehene Wendungen erlebt, die im Nachhinein folgerichtig erscheinen. Fukushima und der Atomausstieg zum Beispiel. Auch das Pariser Klimaabkommen war ein großer Durchbruch. Dass es dann doch nicht so viel gebracht hat, muss uns nicht entmutigen. Denn da kommt vielleicht die nächste oder übernächste Wendung und dann wuppt es plötzlich.