Rassismus ist überall, sagt die Autorin Alice Hasters: im Alltag, in der Familie und der Liebe. Doch viele weisen das Problem von sich. Woher kommt dieser Abwehrreflex?

Generation Y

ZEIT Campus ONLINE: Mit Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten haben Sie ein Servicebuch geschrieben. Sie schreiben über die Beziehung zu Ihren Eltern, berichten von Alltagserfahrungen und einen Brief an Ihren Freund. Welche Rolle spielt das Weiß- und Schwarzsein in Ihrer Beziehung?

Alice Hasters: Es gibt diese Annahme, dass Liebe Rassismus auslöschen würde. Aber so einfach ist das nicht. Mein weißer Freund oder mein weißer Vater zum Beispiel genießen Privilegien, die ich nicht habe. Sie übersehen oft, dass die Welt für mich als schwarze Frau in bestimmten Bereichen ganz anders aussieht. Wenn es um Bewerbungen, Wohnungsbesichtigungen, aber auch um Urlaubsplanung geht. Gerade bei Menschen, die einem sehr nahestehen, möchte man das gerne ignorieren. Aber ich glaube, das Gegenteil hilft: Offen darüber reden und einander verstehen lernen.

ZEIT Campus ONLINE: Wieso haben Sie einen persönlichen Zugang gewählt, um über Rassismus zu schreiben?

Hasters: Ich habe viel aus meiner eigenen Biografie auf dem Herzen, das ich loswerden wollte. Ich bin häufig frustriert, dass es Menschen gibt, die zwar viel über Rassismus wissen, aber nicht die Transferleistung erbringen, wie dieser im persönlichen Leben aussieht.

ZEIT Campus ONLINE: Wie haben Sie das persönlich erlebt?

Hasters: Häufig, wenn ich weißen Menschen ihre rassistischen Äußerungen vorgeworfen habe, ging es oft nur noch um den Vorwurf und nicht mehr um die rassistische Äußerung an sich. Viele entgegneten: Das könne ja gar nicht rassistisch sein, man sei ja kein Rassist. Meine Perspektive wurde dabei nicht ernst genommen.

ZEIT Campus ONLINE: Woher kommt dieser Abwehrreflex?

Hasters: Viele verbinden Rassismus sofort mit Nationalsozialismus oder Neonazis und damit möchte natürlich niemand assoziiert werden. Viele Menschen haben zwar einerseits verstanden, dass Rassismus in unserer Gesellschaft ein großes Problem ist, aber wollen nicht zugeben, dass gerade weiße Menschen bis heute von einem rassistischen System profitieren.

ZEIT Campus ONLINE: Inwiefern?

Hasters: Das können kleine Dinge sein, wie zum Beispiel, dass weiße Menschen nicht als Vertreter einer "Gruppe" wahrgenommen werden, sondern als Individuum. Wenn Leute das Wort Mensch hören, dann stellen sich die meisten zuerst einen weißen Mann vor – oder zumindest eine weiße Person. Weiße Menschen gelten als Standard, als Norm. Das macht das Leben schon viel leichter. Aber auch im Großen. Rassismus wurde etabliert, um die Ausbeutung des globalen Südens, insbesondere des afrikanischen Kontinents, zu legitimieren. Bis heute gibt es ein riesiges wirtschaftliches Gefälle, bis heute findet diese Ausbeutung statt. Verkürzt gesagt: Ohne Rassismus wären Europa und die USA nicht so reich und mächtig, wie sie es heute sind.  

ZEIT Campus ONLINE: Ihr Buch dreht sich vor allem um Rassismus in Deutschland, doch die AfD wird nicht ein einziges Mal erwähnt. Wieso?

Hasters: Ich habe sie nicht erwähnt, damit die Leser nicht denken können: Die AfD-Wähler sind Rassisten, wir sind es nicht. Mir war es wichtig, dass die Menschen durch mein Buch verstehen, dass Rassismus überall in unserer Gesellschaft und in jeder Person vorhanden ist. Das ist die Grundlage für das Erstarken der AfD ist.

ZEIT Campus ONLINE: Wenn jemand einer schwarzen Person ungefragt in die Haare fasst oder wenn ein Nazi jemanden tötet– die Spannbreite, in der sich Rassismus äußert, ist groß. Ist es richtig, alles unter einem Begriff zu fassen?

„Lange Zeit dachte ich, dass das, was ich erlebe, kein Rassismus sei.“
Alice Hasters

Hasters: Natürlich gibt es hinsichtlich des Gewaltausmaßes oder der Intention Unterschiede, also zwischen nicht böse gemeinten Handlungen und rechtsextremen gewaltvollen Übergriffen. Doch es gibt eben auch viel Spielraum dazwischen. Und alles entspringt dem gleichen Denken, dass weiße Menschen mehr wert sind als schwarze. Was in der Geschichte immer wieder so festgeschrieben wurde, wie in der Zeit des Kolonialismus. Ich will, dass die Leute die Verbindung dazwischen verstehen.

ZEIT Campus ONLINE: War das für Sie immer klar?

Hasters: Nein, lange Zeit dachte ich, dass das, was ich erlebe, kein Rassismus sei. Ich dachte, ich verniedliche das Problem, wenn ich meine Alltagserfahrungen auch als Rassismus bezeichne. Außerdem wollte ich mich auch lange nicht als Opfer von Rassismus sehen. Denn damit gibt man zu, dass es ein Machtgefälle gibt, dass also weiße Menschen mächtiger sind als man selbst. Doch niemand will sich gerne schwach sehen. Aber mittlerweile denke ich eher, dass es empowernt ist, denn es heißt, dass ich zur Bekämpfung des Problems beitrage, wenn ich Rassismus benenne.

ZEIT Campus ONLINE: Sie nutzen in Ihrem Buch Begriffe wie "Othering" oder "Tokenism". Was bedeuten Sie und warum verwenden Sie die Fremdwörter?

Hasters: "Othering" bedeutet, dass Machtverhältnisse verfestigt werden, in dem man marginalisierte Gruppen benennt, sie zu den "Anderen" macht und ausschließt. Und "Tokenism", dass man eine Person nicht als Individuum, sondern als eine Art Vertreterin einer Gruppe ansieht. Ich habe die Begriffe auch in einem Glossar in meinem Buch erklärt. Dass ich sie verwende, ist ein Beweis dafür, dass wir in Deutschland zu wenig über Rassismus sprechen. Wir haben keine eigene Sprache dafür. Nicht nur bei Rassismus, auch in anderen Marginalisierungsdiskursen wird häufig aufs Englische zurückgegriffen.