Die Klimaaktivisten von Extinction Rebellion haben Berlin blockiert. Ihr Protest ist friedlich. Was bringt das?

Generation Y

Extinction Rebellion will radikal sein, und das heißt für sie: ein unangemeldetes Straßenfest feiern. Auf den fünf Straßen, die zum Großen Stern führen, dem Kreisverkehr um die Siegessäule, sitzen, liegen, stehen selbsternannte Rebellinnen und Rebellen. Etwa 1.200 Menschen sind gekommen, um die Siegessäule zu blockieren, so heißt es in einer Pressemitteilung vom Morgen. Einige haben sich in schillernde Rettungsdecken gewickelt, viele sind schon seit vier Uhr morgens hier. Auf dem Asphalt prangen bunte Kreidebilder: eine Weltkugel, ein Baum, eine Schildkröte mit einer stilisierten Sanduhr auf dem Panzer, dem Logo von Extinction Rebellion (XR). Es soll symbolisieren, wie die Zeit davonläuft.

Drüben auf den Stufen unter der Siegessäule steht Annemarie Botzki, 32, in der Sonne. Sie hat ihre Daunenjacke ausgezogen, auf dem Rücken ihres schwarzen Kapuzenpullis strahlt ein weißes XR-Logo. Ihr silberner Lidschatten ist verschmiert, sie ist um viertel nach drei aufgestanden, um die erste Pressemitteilung des Tages zu verschicken. Botzki koordiniert die Öffentlichkeitsarbeit für die Aktionen heute und im Rest der Woche. Jetzt umarmt sie eine andere Aktivistin, die sich eine Wärmflasche auf den Bauch drückt, gegen die Kälte. "Wie schön ist es!?", fragt Botzki und lacht. "So schön!", sagt die andere.

Vor ihnen auf dem Platz wird gerade ein großes Holzschiff pink bemalt, die Arche Rebella. Einige XR-Ortsgruppen aus Westdeutschland haben das Material organisiert und sie hier aufgebaut. In Großbritannien, wo XR anfing, taucht das pinke Schiff immer wieder bei Protesten auf. Die Straße dahinter ist leer, die Polizei hat schon früh am Morgen alle Zufahrtsstraßen ein Stück vom Großen Stern entfernt abgeriegelt und leitet den Verkehr um. In der Ferne glitzern Autoscheiben in der Sonne, an der Siegessäule ist es still. Wo sonst Autos hupen, hört man jetzt das Lachen, die Rufe, den Gesang der Protestierenden – und ab und zu das dumpfe Rattern eines Polizeihubschraubers.

"Wir wollen den Alltag in Berlin stören."
Annemarie Botzki, Extinction Rebellion

Es ist Montagmorgen, der erste Tag der "Internationalen Rebellion", zu der die Umweltbewegung Extinction Rebellion aufgerufen hat. Nicht nur in Berlin, sondern auch in London, Paris, New York und Dutzenden weiteren Städten auf der ganzen Welt gibt es Blockaden und Proteste. Es ist die zweite große Aktion. Beim ersten Mal im April stand Annemarie Botzki vor dem Reichstag und verlas die sogenannte Rebellionserklärung, in der Sätze stehen wie: "Wir steuern unaufhaltsam auf die Katastrophe zu – wenn wir nicht sofort und entschieden handeln." Und: "Wir rufen alle Bürgerinnen auf, sich gemeinsam mit uns friedlich zu erheben." Später besetzte sie mit anderen Aktivisten die Oberbaumbrücke, die Verbindung zwischen den Berliner Stadtteilen Kreuzberg und Friedrichshain. Das Ziel, damals wie heute: die Politik dazu bringen, die Wahrheit über die ökologische Krise zu sagen, sofort etwas dagegen zu unternehmen und außerdem eine Bürgerversammlung einzuberufen – das sind die drei Forderungen von XR.

Bevor sie sich dem Umweltaktivismus verschrieb, arbeitete Botzki als Klima- und Energiejournalistin für Interfax Global Energy. 2015 sei sie zur UN-Klimakonferenz nach Paris gefahren, sagt sie. Dort habe sie Wissenschaftlern zugehört, die gesagt hätten, dass schon bei einer Erwärmung um 1,5 Grad fast alle Korallenriffe verloren gehen würden. "Es gibt ja Klimakipppunkte, und ich glaube, es gibt auch richtige emotionale Kipppunkte", sagt sie. "In dem Moment war ich existenziell geschockt und habe dann gesagt, ich ändere jetzt mein Leben, um mich in jeder Hinsicht einzubringen."

Botzki wechselte in den Solarinnovationsbereich, gründete ein Start-up und engagierte sich bei Ende Gelände, einem Aktionsbündnis, das sich für den sofortigen Kohleausstieg einsetzt. Dann hörte sie von den ersten Brückenblockaden von Extinction Rebellion in London, im Februar ging sie zum ersten Mal zu einem Treffen in Berlin, seitdem ist sie dabei. Als Freiberuflerin kann sie selbst entscheiden, wie viel Zeit sie der Bewegung widmet. In den vergangenen Monaten war es viel, heute hat sie sich den ganzen Tag freigenommen. "Wir wollen eine Rebellion, einen Aufstand, wir wollen massenhaft zivilen Ungehorsam", sagt Botzki. Also: Regeln und Gesetze bewusst übertreten. "Das ist alles friedlich und sieht aus wie ein Straßenfest, aber es ist deutlich. Wir wollen den Alltag in Berlin stören."