Klimaaktivisten wollen Berlin lahmlegen. In einem Camp nahe dem Kanzleramt bereiteten sie sich am Wochenende darauf vor. Ein Rundgang durch die Zeltstadt der Rebellen

"Wenn Sie jetzt nicht gehen, werden Sie gewaltsam geräumt", schreit eine junge Frau. Die Hände um den Mund gelegt, läuft sie rufend auf rund dreißig Menschen zu, die im Gras im Kreis sitzen und sich an den Händen halten. Im Hintergrund erhebt sich das Kanzleramt. "Erinnert euch daran, weshalb wir hier sind. Zusammenrücken, Leute!", ruft einer aus der Sitzblockade. Derweil nähert sich die Frau, zieht einige Demonstrierenden aus dem Kreis und trägt sie weg. Die Gruppe stimmt Lieder an und motiviert sich so dazu, friedlich zu sein: Im Klimacamp im Berliner Regierungsviertel wird an diesem Sonntag der Ernstfall geprobt.

Alle Mitglieder der Gruppe sind Teil der Extinction Rebellion, des Aufstands gegen das Aussterben, kurz: XR. Die Bewegung will ab diesem Montag die Hauptstadt lahmlegen. Tagelang wollen sie mit einer sogenannten Rebel Wave zentrale Straßen, Plätze und Bahnstationen blockieren, mit Sitzblockaden, Ankettungsaktionen und Flashmobs. So wollen sie Aufmerksamkeit für den Klimawandel schaffen.

Zur Vorbereitung haben sie neben dem Kanzleramt eine Stadt aus Hunderten Zelten eröffnet. Es gibt Holztoiletten, offene Küchen, eine Bühne. Im ersten Zelt sammeln sie Spenden und beschriften eine Liste mit Berliner Haushalten, die Duschplätze anbieten. Am Eingang steht ein großes Schild mit der Aufschrift "Was wir tun, war noch nie so wichtig". Aktivisten aus ganz Deutschland bereiten sich auf die Blockaden vor.

Berlin
Extinction Rebellion startet Protestwoche
Hunderte Klimaaktivisten haben in Berlin den Großen Stern blockiert. Mindestens eine Woche lang will Extinction Rebellion Verkehrsknotenpunkte der Hauptstadt besetzen.

Auch Rike wird dabei sein und deeskalieren. Sie ist 54 Jahre alt, trägt eine rote Jacke und ist extra aus Frankfurt angereist. "Wir sind radikal, aber friedlich und gewaltfrei", sagt Rike. Ab Montag wird sie ihre rote Jacke gegen eine weiße Weste tauschen, bedruckt mit einer blauen Taube. So soll das Deeskalationsteam in der Masse erkennbar sein. Rike will ansprechbar sein, sich in Konflikte einmischen, wenn es Streit gibt. Zwischen Aktivistinnen und Passanten; zwischen Demonstranten und Autofahrerinnen; zwischen Blockierern und der Polizei.

Der Gründer ist in Haft

Bis März war Rike noch weit davon entfernt, Aktivistin zu sein. "Das letzte Mal war ich in meiner Jugend protestieren", erzählt sie. Dann ging sie zu einer Demonstration von Fridays for Future in Frankfurt, lernte andere Klimastreikende kennen und wurde in eine WhatsApp-Gruppe aufgenommen. Dort sah sie ein Video, das als Manifest der XR-Bewegung gilt: eine Rede von Roger Hallam, einem Landwirt aus Wales, der seinen Biohof aufgab, um eine Doktorarbeit über zivilen Ungehorsam zu schreiben.

Hallam sitzt derzeit in Haft, weil er angekündigt hat, den Flugverkehr in London mittels Drohnen lahmzulegen. Sein 79 Seiten langes Manifest hat den Grundstein für XR gelegt. Es handelt von vielen dezentralen Aktionen, von Gewaltfreiheit und davon, möglichst viele Bürgerinnen und Bürger zusammenzubringen, die Verhaftungen in Kauf nehmen, um etwas zu verändern. "Wir wollen nicht blockieren, um zu zerstören, wir wollen das öffentliche Leben stören, um Aufmerksamkeit zu bekommen", sagt Rike.

In Großbritannien, dem Ursprungsland der Bewegung, ist Extinction Rebellion bereits auf über 100.000 Mitglieder angewachsen; mittlerweile gibt es in mehr als 50 Ländern weltweit XR-Strukturen. Allein in Deutschland sollen es mehr als 100 Ortsgruppen sein. Die Bewegung versteht sich als Fridays for Future, nur in radikal. Ihre Forderungen sind konkret: Die Bundesregierung soll den Klimanotstand ausrufen. In einem nächsten Schritt sollen die Emissionen von Treibhausgasen bis 2025 auf null gesenkt werden. Und eine Bürgerversammlung soll über Maßnahmen gegen den Klimawandel entscheiden, nicht die Regierung.

Die Forderung nach der Bürgerversammlung war es, die Lorenz zu XR gebracht hat. Der 26-jährige Student aus Berlin findet, dass es mehr braucht als das jüngst von der Bundesregierung beschlossene Klimapaket. "Die Politik ist nur auf kurzfristige Erfolge ausgerichtet", sagt Lorenz. Er will eine echte Bürgerversammlung. "Sie soll den Bundestag nicht abschaffen, sondern ergänzen", sagt der Mathematikstudent und spricht von einem Losverfahren, das die Bürger ermittelt und zusammenbringt; von großen Arbeitskreisen, die Vorschläge entwickeln und beschließen.