Frauen wollen Pädagogik studieren, Männer etwas Technisches. Stimmt's? Unsere Datenanalyse zeigt, wie sich das Geschlechterverhältnis bei Studienanfängern verändert hat.

Mädchen haben in der Schule die besseren Noten, machen öfter Abitur und beginnen häufiger ein Studium als gleichaltrige Jungen. An den Unis gibt es deswegen mittlerweile so viele Studentinnen wie nie zuvor. Das zeigen Daten des Statistischen Bundesamtes, die ZEIT Campus ONLINE ausgewertet hat. Demnach haben sich im vergangenen Herbst 222.951 Frauen zum ersten Mal für ein Studium eingeschrieben. Wir wollten wissen: Was studieren Frauen und Männer in Deutschland? Ist es wirklich so, dass Männer sich für ein technisches Fach und Frauen häufiger zum Beispiel für Pädagogik entscheiden? Oder ist das ein altes Bild und die Realität in den Hörsälen sieht anders aus?

Wer sich die relative Verteilung von Frauen und Männern, die ein Studium beginnen, ansieht, wird an vielen Stellen nicht überrascht sein (Spoiler: Maschinenbau). Klischees wirken wie überall in der Gesellschaft. Stereotype Geschlechterbilder prägen nach wie vor die Studienwahl von jungen Erwachsenen.

Aber es gibt auch Studiengänge, in denen sich das Verhältnis von Frauen und Männern verkehrt hat. Die innerhalb weniger Jahre von einem sogenannten Männer- zu einem Frauenfach wurden.

In den Fünfzigerjahren war Studieren den Daten zufolge vor allem etwas für Männer. Nicht einmal ein Viertel der Studienanfänger war damals weiblich. Überhaupt haben nur wenige Menschen damals ein Studium begonnen. (Zum Anzeigen der absoluten Zahlen mit dem Finger auf die Grafik tippen oder mit der Maus darüberfahren.) 1971 führte der damalige Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) die staatliche Ausbildungsförderung Bafög ein. Die Zahl der Studienanfänger stieg daraufhin stark an und wächst seither stetig.

In den Neunzigerjahren näherte sich die Zahl der Frauen jener der Männer an, das Verhältnis wurde grob halbe-halbe. Seit ein paar Jahren haben die Frauen die Männer sogar überholt, mit steigender Tendenz. Eine ähnliche Entwicklung gibt es auch in Skandinavien. "Diese Länder sind uns sogar noch voraus", sagt Markus Lörz. Er ist Bildungssoziologe und untersucht am Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW), warum sich Bildungswege nach dem Abitur stark unterscheiden. "In vielen anderen europäischen Ländern stellt man sich bereits seit Längerem die Frage: Wie bekommt man die Männer in die Hochschulen?"

Eine besondere Entwicklung der vergangenen 20 Jahre ist im Fach Architektur zu sehen: Ganz am Anfang unserer Skala sind die Männer unter den Studienanfängern noch knapp in der Überzahl. Doch die Frauen haben aufgeholt: Architektur ist zu einem weiblichen Fach geworden.

Doch wie kommt die Wahl des Faches zustande? "Eine Vielzahl von Faktoren spielt da hinein", sagt Cort-Denis Hachmeister. Er ist Psychologe und forscht zu Motivationen bei der Studienfachwahl. "Eine Erklärung ist, dass Frauen sich für Fächer mit einer praktischen Anwendung nah am Menschen interessieren." Ganz klassisch sind das soziale Fächer, Lehramt, Lebenswissenschaften.

Hinzu kommt, dass die Wahl des Studienfaches stark durch Entscheidungen in der Schulzeit geprägt ist. "Wo man seine eigenen Leistungen sieht, ist immer vom Elternhaus und der Gesellschaft geprägt", sagt Bildungssoziologe Lörz. Das zeige sich zum Beispiel darin, auf welche Fächer man in der Schule seinen Schwerpunkt lege.

Geschlechterstereotype spielen dabei eine entscheidende Rolle. Wer glaubt, dass starre Geschlechterbilder überkommen sind, liegt falsch. Frauen und Mädchen gelten weithin als sich kümmernde, emotionale, musische Menschen. Männer und Jungs als rational, technisch interessiert, erfinderisch. Und das hat Auswirkungen auf die Studienfachwahl.

In manchen Fächern gibt es in etwa gleich viele Männer und Frauen. Geschichte, Philosophie und BWL sind beliebte Studienfächer in Deutschland, hier gibt es keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Parität ist hier im Prinzip erreicht.

Die Medizin war dagegen lange männlich dominiert. Frauen fehlten in der Wissenschaft und im Berufsalltag, dadurch war auch die medizinische Forschung jahrzehntelang von Männern geprägt. Medikamente wurden zum Beispiel überwiegend an Männern getestet, dann aber Männern und Frauen verschrieben – obwohl sie bei den Geschlechtern unterschiedlich wirken können. Seit einigen Jahren ist die Medizin zumindest an den Universitäten weiblich geprägt, viel mehr Frauen beginnen ein Medizinstudium als Männer. Der Unterschied ist in der Zahnmedizin und in der Tiermedizin noch größer.

Wer in der Oberstufe keinen naturwissenschaftlichen oder mathematischen Schwerpunkt gewählt hat, studiert auch eher kein MINT-Fach. Das konnte Hachmeister in einem Forschungsprojekt für das gemeinnützige Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) zeigen, in dem es um Frauen in der Informatik geht. "Nur etwa vier Prozent der Frauen wählen einen Leistungskurs Physik", sagt er. Für viele kommt allerdings selbst dann ein Studienfach wie Physik nicht in Frage, zeigt die Studie. Sie entscheiden sich eher für ein kombiniertes Fach. "Weil sie diese Stereotypen wohl selbst im Kopf haben."

Die Bestrebungen der Hochschulen, mehr Frauen für MINT-Fächer zu gewinnen, sind groß. Es gibt Informationstage für Frauen, Broschüren, in denen bewusst Bilder von Studentinnen gezeigt werden, Angebote, in denen Schülerinnen an MINT-Fächer herangeführt werden sollen. Das hat durchaus Erfolg. So steigt der Anteil der Frauen in Fächern wie Verfahrenstechnik oder Chemie langsam, aber stetig.

In manchen Studiengängen gibt es große Unterschiede innerhalb des Fachs: In der Wirtschaftsmathematik ist der Männeranteil höher als in der Mathematik. Der hohe Frauenanteil unter den Mathematikstudierenden lässt sich auch dadurch erklären, dass die Studienanfängerinnen, die Mathematik auf Lehramt studieren, mitgezählt werden. Und das Lehramt ist bei Frauen sehr beliebt.

In der Regel kann man beobachten: Wenn ein technisches oder naturwissenschaftliches Fach mit einem anderen kombiniert wird, ist der Frauenanteil deutlich höher. "Man kann schon am Namen sehen, ob in dem Fach viele Frauen studieren", sagt der Psychologe Hachmeister. Das ist auch ein Ergebnis seines Forschungsprojektes. "In Biologie ist der Frauenanteil sehr hoch, in Informatik sehr niedrig und Bioinformatik liegt er dazwischen." Die Hochschulen könnten mehr Frauen erreichen, wenn sie Kombinationsfächer anbieten. Dafür müsse kein neuer Studiengang gegründet werden. "Es reicht auch, wenn ein allgemeiner Studiengang Informatik eine Vertiefung zum Beispiel in Medieninformatik anbietet und das besonders betont."

Warum ist Parität, also eine Gleichheit zwischen den Geschlechtern, überhaupt wichtig? Bildungssoziologe Lörz erklärt dies in seiner Einführungsvorlesung zu Bildungssoziologie so: Es gibt drei Ebenen, auf denen Gleichheit wichtig ist: Individuum, Wirtschaft und Gesellschaft. Wenn Geschlecht, Herkunft oder Migration bei der Studienfachwahl eine Rolle spielen, dann kann das Individuum seine Möglichkeiten nicht voll ausschöpfen. Denn Talente sind unabhängig von diesen Merkmalen verteilt.

Es geht also um Gerechtigkeit. Außerdem entgehen der Wirtschaft eine Reihe Potenziale, denn sie ist darauf angewiesen, dass die Besten die Jobs bekommen. Und der dritte, für Lörz wichtigste Grund: Parität macht gesellschaftliche Teilhabe erst möglich. Wenn alle Gruppen den gleichen Zugang zu Bildung bekommen, haben auch alle die Chance, in Führungspositionen zu kommen und die Gesellschaft von dort aus zu prägen.

Übrigens gibt es weniger Bemühungen, Männer in sogenannte Frauenfächer zu bringen als umgekehrt. "Es gibt natürlich immer das Thema, dass zum Beispiel mehr Männer im Grundschullehramt benötigt werden", sagt Hachmeister. Dazu gebe es auch einige Initiativen, "aber die sind viel weniger prominent".

Selbst in Fächern, in denen der Frauenanteil sehr hoch ist, nimmt er innerhalb akademischer Laufbahnen wieder ab. Zum Beispiel beobachtet der Bildungssoziologe Lörz, dass Frauen, die im Studium ein Kind bekommen, eher abbrechen als junge Väter. "Wir sehen auch beim Promotionsübergang und beim Eintritt in die Professur Geschlechterunterschiede", sagt Lörz. Wenn Frauen in der Schulzeit noch einen Vorsprung haben, hält er nicht auf Weg nach oben.

Der Blick auf die absoluten Zahlen zeigt: BWL ist bei beiden Geschlechtern das mit Abstand beliebteste Fach. Viele MINT-Studienfächer sind ebenfalls bei Frauen und Männern hoch im Kurs. "Die Anzahl der Frauen, die Elektrotechnik studieren, ist viel höher als die Anzahl der Frauen, die Grundschulpädagogik studieren," sagt Hachmeister. Es ist also längst normal, dass Frauen technische Studiengänge absolvieren, auch wenn ihr Verhältnis im Vergleich zu den Männern gering ist.

Neben dem Geschlecht sind weitere Kategorien entscheidend, wenn es um die Studienwahl geht. "Soziale Herkunft ist ein Riesenthema", sagt Lörz. Herkunft bestimmt, ob Abiturienten und Abiturientinnen überhaupt ein Studium beginnen und für was sie sich entscheiden. Zum Beispiel entschieden sich viel mehr Akademikerkinder für Fächer wie Jura und Medizin. "Dahinter verbirgt sich ein klassischer Berufsvererbungseffekt. Die Berufe der Eltern haben eine gewisse Vorbildfunktion." Was soziale Herkunft anbelangt, habe sich in den letzten Jahrzehnten deutlich weniger getan als bei Geschlechterunterschieden, sagt Lörz.

Korrekturhinweis: In einer früheren Version des Artikels wurde der Studiengang "Humanmedizin" fälschlicherweise als "Allgemeinmedizin" bezeichnet. Wir haben den Fehler korrigiert. Die Redaktion.