Extinction Rebellion blockiert weltweit die Straßen großer Städte. Doch die Aktionen könnten die Bevölkerung spalten. Und wirklich weitgehenden Klimaschutz erschweren.

Extinction Rebellion

Claudia Langer und Clemens Holtmann sind die Geschäftsführer der Generationen Stiftung, der Interessenvertretung für kommende Generationen. Die Stiftung bringt junge und alte Menschen zusammen, entwickelt generationengerechte Lösungen und setzt sie auf die politische Agenda.

Nett funktioniert nicht. Das mussten die Aktivistinnen und Aktivisten von Fridays for Future bitter lernen. Nachdem die anfängliche Kritik am Schulschwänzen verpuffte, wird die Bewegung seit einigen Monaten von ihren Gegnern zu Tode umarmt. Es gilt als schick, die jungen Aktivistinnen zu Diskussionen einzuladen, mit anschließendem Fototermin. Die Botschaft soll sein, dass man verstanden habe. Doch das völlig unzureichende Klimapaket der Bundesregierung zeigt, dass überhaupt nichts verstanden ist.

Frustriert und in größter Sorge um ihre Zukunft versucht jetzt die Bewegung Extinction Rebellion, den Druck zu erhöhen – mit der Blockade wichtiger Verkehrsknotenpunkte in Berlin und anderen Großstädten auf der ganzen Welt. Die dezentral organisierten Gruppen bekamen in den vergangenen Wochen und Monaten enormen Zulauf. Tausende Menschen trotzten in dieser Woche dem nasskalten Berliner Wetter und ließen sich entschlossen von der Polizei wegtragen. Sie sehen Extinction Rebellion als die logische und mutige Fortführung von Fridays for Future.

Die Aktionen und Blockaden von Extinction Rebellion sind friedlich. Und trotzdem sind sie eine neue Eskalationsstufe im Kampf ums Klima. Denn nicht nur die Klimaaktivisten, auch ihre Gegnerinnen rüsten auf. Der Ton wird schärfer, die Fronten verhärten sich. Bisher ist unklar, ob es Extinction Rebellion gelingen wird, die Unterstützung und Sympathie der Bevölkerung zu gewinnen. An den Blockaden in den Berliner Innenstadtbezirken hörte man in den vergangenen Tagen zwar viele positive Kommentare. Doch das Echo im Internet und in den Medien ist teils sehr kritisch: Die Welt spricht von "Panikmachern", ZEIT ONLINE von "Demokratiefeindlichkeit". Die Autorin Jutta Ditfurth warf der Bewegung in einer Reihe anklagender Tweets vor, eine Sekte zu sein, und kritisierte die Emotionalisierung des Klimathemas; der Thread wurde mehr als zweitausendmal geteilt.

Anders als die Fridays-for-Future-Proteste, die sich über Wochen und Monate langsam ins öffentliche Bewusstsein drängten, trat Extinction Rebellion in dieser Woche bei vielen Menschen plötzlich und mit Wucht ins Bewusstsein. Auch wer nicht in Berlin lebt, sah in den Medien Bilder von Menschen, die Brücken, Straßen und Plätze blockierten.

Die Blockaden, die den Alltag der Menschen unmittelbar behindern sollen, liefern den Klimagegnern neue, mächtige Munition. Gegner von Extinction Rebellion zeigen nicht die singenden, fröhlichen Menschen und ihre Botschaften, sondern verbreiten Bilder von Polizisten in schwarzer Uniform und zugespitzte Aussagen ohne Zusammenhang.

Doch Blockaden, Aufrufe zum Widerstand und Worte wie "Auslöschung der Menschheit" können, wenn sie aus dem Zusammenhang gerissen werden, zu Irritationen und Missverständnissen führen und von der real existierenden Gefahr ablenken. Extinction Rebellion kommuniziert bei zahlreichen Aktionstrainings, Onboardings und Vorträgen vor allem nach innen, um potenzielle Aktivistinnen zu erreichen. Weite Teile der Bevölkerung bekommen davon nichts mit. Eine Einordnung durch unermüdliches Erklären, die bei Fridays for Future zum Beispiel durch die zahlreichen Fernsehauftritte von Luisa Neubauer stattfand, fehlt.

Die Strategie von Extinction Rebellion macht es der Öffentlichkeit leicht, ihr die Sympathien zu entziehen. Die Bewegung müsste spätestens jetzt beginnen, sich zu erklären und in den Dialog zu treten. Denn es reicht nicht, Brücken zu blockieren, man muss auch Brücken bauen. Die Menschen, deren Herzen die Klimabewegung in den vergangenen Monaten gewonnen hat, dürfen nicht wieder verloren werden.

Ein Kipppunkt für die Klimabewegung

In der öffentlichen Stimmung zeichnet sich ein möglicher Kipppunkt ab. Denn die Kritik an Extinction Rebellion könnte, wenn sie verallgemeinert wird, der Klimabewegung als Ganzes großen Schaden zufügen. Sie gefährdet den gesellschaftlichen Konsens für weitreichenden Klimaschutz, der sich in den vergangenen Monaten geformt hat und der breiter wird. Die offene Tür für echten Klimaschutz droht sich wieder zu schließen, die Gesellschaft sich zu spalten: in die, die die Pariser Klimaschutzziele ernst nehmen, und die, für die es dann auch mal gut sein muss.

Viele der Aktivistinnen und Aktivisten von Extinction Rebellion empfinden die heftige Gegenwehr als ermutigend, als Bestätigung dafür, ins Schwarze getroffen zu haben. Doch für die Klimabewegung würde sich eine solche Spaltung als Katastrophe erweisen. Denn für ihre weitreichenden Ziele braucht es eine breite Mehrheit in der Bevölkerung, die bereit ist, sich für ein höheres Ziel selbst einzuschränken. Wie weit dieser Weg noch ist, zeigte vor Kurzem erst die Diskussion über SUV.

Nur wenn es der Zivilgesellschaft gelingt, sich nicht spalten zu lassen und den Druck auf die Regierung weiter zu erhöhen, sind die dringend nötigen Nachbesserungen beim Klimapaket noch möglich. Doch dafür braucht es jetzt die Stimmen einer breiten, geeinten Mehrheit. Gemäßigte und Konservative, Prominente und Progressive, alle sind gefordert. Es braucht ihre Stimmen für einen weitgehenden Klimaschutzkonsens, um die Erde zu bewahren und die Zukunft der kommenden Generationen zu schützen. Jetzt ist der Moment, in dem alle Bürgerinnen und Bürger gefordert sind, sich einzumischen und sich zu dieser Menschheitsfrage zu positionieren. Denn das Anliegen von Extinction Rebellion ist legitim und die Zeit drängt.