Schwangerschaftsabbrüche und Sex vor der Ehe sind in Marokko verboten. Dagegen kämpfen Tausende Frauen. "Wir wollen ein Ende der Heuchelei", sagt Autorin Leïla Slimani.

Liebe und Sex

Für Sex außerhalb der Ehe sieht das Strafrecht Marokkos ein Jahr Gefängnis vor. Auch bei einem Schwangerschaftsabbruch, der nur in Ausnahmefällen zulässig ist, drohen in dem nordafrikanischen Land hohe Strafen. Beides wird der 28-jährigen Journalistin Hajar Raissouni vorgeworfen. Am Montag stand sie gemeinsam mit ihrem Verlobten und ihren Ärzten vor Gericht und wurde zu einer Haftstrafe verurteilt. In Solidarität zu Raissouni haben die Schriftstellerin Leïla Slimani und die Filmemacherin Sonia Terrab ein Manifest verfasst, in dem sie die "ungerechten und überkommenen Gesetze" anprangern. Tausende Marokkanerinnen haben den Text unterzeichnet und bekennen sich damit zu außerehelichem Sex oder einem Schwangerschaftsabbruch. Was erhofft sich die Initiatorin Leïla Slimani von dem Manifest? Und warum entsteht gerade jetzt eine Bewegung für sexuelle Selbstbestimmung in Marokko?

ZEIT Campus ONLINE: Frau Slimani, mehr als 7.000 Marokkanerinnen und Marokkaner haben Ihr Manifest unterschrieben und sich damit zu außerehelichem Sex und Schwangerschaftsabbrüchen bekannt. Was riskieren sie mit der Unterschrift?

Leïla Slimani: Wir riskieren nicht wirklich etwas. Praktisch jeder in diesem Land ist ein "Outlaw". Die große Mehrheit der Marokkaner verstößt gegen eines dieser Gesetze. Wir wollen ein Ende der Heuchelei. Inzwischen sind wir fast 8.000, die unterzeichnet haben. Sie können uns nicht alle verhaften.

ZEIT Campus ONLINE: Der Artikel 490 des Strafgesetzbuchs stellt außerehelichen Sex unter Strafe. Auch Schwangerschaftsabbrüche sind bis auf wenige Ausnahmen illegal. Das könnte man durchaus als Risiko sehen.

Slimani: Ja, das Gesetz verbietet Geschlechtsverkehr zwischen Personen, die nicht verheiratet sind. Aber vor Gericht muss trotzdem noch bewiesen werden, dass jemand tatsächlich außerehelichen Sex hatte.

ZEIT Campus ONLINE: Warum trauen sich die Frauen und Männer gerade jetzt, für ihre sexuellen und reproduktiven Rechte öffentlich einzustehen?

Slimani: Die Menschen sind müde, in einer Gesellschaft zu leben, die sie dazu zwingt, immer zu lügen. Und sie sind sich bewusst, dass unter diesen Gesetzen vor allem arme Menschen leiden. Wer reich ist und ungewollt schwanger wird, fliegt nach Paris oder Madrid und treibt dort ab. Die Opfer der Verbote sind arme Frauen, denen das nicht möglich ist.

ZEIT Campus ONLINE: Warum werden Abtreibungen und außerehelicher Sex in Marokko so hart bestraft?

Slimani: Das marokkanische Strafrecht, der Code Pénal, geht auf die französische Kolonialzeit zurück. Weder mit der Unabhängigkeit Marokkos 1956 noch danach wurden diese Punkte angepasst. Ich denke, konservative Kräfte sehen in diesen Gesetzen eine Möglichkeit, Macht zu bewahren, das Verhalten der Bürger zu kontrollieren – insbesondere das Verhalten von Frauen.

"Wir kämpfen für das Recht, selbst über den eigenen Körper zu bestimmen"
Leïla Slimani

ZEIT Campus ONLINE: Was hoffen Sie, mit dem Manifest zu erreichen?

Slimani: Zunächst einmal wollen wir eine Debatte. Wir wollen Menschen helfen, aus der Kultur des Lügens und der Scham auszusteigen: Niemand soll sich schlecht fühlen, weil er Sex hat. Wir kämpfen für das Recht, selbst über den eigenen Körper zu bestimmen. Und natürlich hoffen wir, auch politische Parteien zu überzeugen, die dann ebenfalls dafür kämpfen, dass jeder in diesem Land ein Recht auf Intimität und ein Privatleben hat.

ZEIT Campus ONLINE: Am Montag wurde die Journalistin Hajar Raissouni zu einer Haftstrafe verurteilt. Haben Sie gehofft, den Prozess beeinflussen zu können?

Slimani: Nicht wirklich, denn wir sind nicht naiv. Aber wir hatten das Bedürfnis, in dieser Situation unsere Stimme zu erheben. Wir waren sehr traurig, als wir von dem Urteil erfahren haben: Das ist hart für sie, für ihren Verlobten und auch für ihren Arzt, der ebenfalls verurteilt wurde. Auch seine Karriere und sein Leben sind damit zerstört.

ZEIT Campus ONLINE: Ist das ein politisch motivierter Prozess gegen eine unbequeme Journalistin? Oder ist Hajar Raissouni einfach das passiert, was jeder Person in Marokko droht, die unter Verdacht gerät, gegen Artikel 490 zu verstoßen?

Slimani: Dass sie eine Journalistin ist, die zu bestimmten Themen arbeitet, hat sie sicherlich zur Zielscheibe gemacht. Aber sie ist nicht das einzige Opfer, anderen Frauen passiert das Gleiche wie ihr.