Wir toleranten Trottel – Seite 1

Hurra, die AfD wird nicht regieren! Wie kann man nach so einem Wahlergebnis wie in Thüringen nur aufatmen? Wir wollen uns nicht eingestehen, wie bitter die Lage ist.

Landtagswahl

Die dritte Landtagswahl im Osten 2019, das dritte schmerzhafte Aufatmen. Das kann ich bezeugen, ich lebe in Leipzig, lebte auch während der Baseballschlägerjahre und Hetzjagden der Neunziger in Leipzig, als Jude. Doch dieses dritte Thüringer Aufatmen sticht bisher am schärfsten. Vielleicht, weil zwischen dem Anschlag auf eine Synagoge in Halle an der Saale und dem Wahlerfolg der AfD im benachbarten Thüringen nur neunzehn Tage liegen. 23,4 Prozent für die AfD. Hurra, die Nazis bekommen nicht den Osten. Hurra, sie befehligen vorerst nicht die Polizei und schmieden nicht neue Gesetze, nach denen sich Gerichte richten müssten. Jede Tragödie, auch jede politische, hat etwas seltsam Erleichterndes. Wenn man sie als das Ausbleiben einer noch größeren Tragödie deutet.

Dreimal so viele Stimmen wie die SPD in Thüringen. Das ist kein Denkzettel mehr, das ist ein Totenschein. Und die ebenfalls überholte CDU? Klammerte sich statt an das Kreuz wieder an die gottverdammte Hufeisentheorie, an der sie schon seit dreißig Jahren im Osten klebt. Beschwor die Polarisierung an den Rändern, indem sie den pragmatisch regierenden linken Ministerpräsidenten Bodo Ramelow mit Verfassungsschutzfall Björn Höcke gleichsetzte. Ein schlechter Witz, Mitte sich wer kann.

Aber lassen wir die Zahlen kurz offen liegen und sprechen stattdessen darüber, was mein lieber Freund Norbert zu den Wahlen in Sachsen sagte, bei sich zu Hause, ganz im Stillen. Denn politische Definitionsdebatten über die Mitte der Gesellschaft sind das eine, mitten in einer Gesellschaft, wo jeder vierte Hass wählt, zu leben, eine andere. 

"Wenn die AfD gewinnt, werde ich arbeitslos."
Norbert

In Sachsen hielten sehr viele Menschen in diesem Jahr schon Monate vor den Wahlen die Luft an. Nach den mächtigen 27 Prozent für die AfD blieb sie manchen kurzzeitig ganz weg. Auch Norbert. Ein engagierter, um Sinnstiftung und Frieden bemühter Mensch. Norberts Beruf ist es, Lehrer für Multikulturalität im Schulbetrieb zu sensibilisieren. Ihnen beispielsweise konkrete Hilfe anzubieten, falls plötzlich zwei aus Aleppo geflüchtete Mädchen in der Klasse sitzen. Einer der Humanisten, von denen es glücklicherweise noch sehr viele gibt – in beiden Teilen dieses Landes. Im Osten oft genug unter schwierigeren, gefährlicheren Bedingungen.

Norbert sagte also: "Wenn die AfD gewinnt, werde ich arbeitslos. Die werden alle Mittel für unsere zivilgesellschaftliche Initiative streichen." Und etwas an der Art, wie Norbert sagte, was er sagte, machte mich ärgerlich, ja reizte mich regelrecht auf. Vielleicht, weil er irgendwie devot dabei klang, sich in sein vermeintliches Schicksal fügend. Zu verängstigt, um zu fauchen, wofür man ja auch Luft in der Kehle braucht. Vielleicht, weil die Angst um einen Arbeitsplatz so zweitrangig erscheint, wenn diskriminierten Menschen grundsätzlich jeglicher Raum zum Sein entrissen werden soll. Wahrscheinlich wollte ich mir einfach nicht eingestehen, wie bitter die Lage ist, wie mächtig die AfD auch ohne Regierungsbeteiligung bereits ist, und projizierte meine Ohnmacht auf meinen Freund.

Die Rechtsextremen haben den sächsischen Sieg dann knapp verpasst. Um eine irgendwie afrikanische Koalition wird hierzulande noch gerungen, Norbert erhält weiterhin jeden Monat eine Lohnabrechnung. Aber als stärkste Oppositionspartei prägt die AfD den politischen Prozess trotzdem mit. Kassiert Unsummen an Fördermitteln und Legitimation, lacht uns, ihre Intoleranz tolerierende Trottel, aus und instrumentalisiert ihren Opferstatus, wo sie nur kann.

Die demokratischen Dreiviertel sind leise wie Luft

Demokratie ist kein rein mechanisches Prinzip, sie ist eine Idee. Eine Überzeugung, dass jeder Mensch und jede Stimme gleichberechtigt und gleichwertig sind. Wer die AfD wählt, die Menschen offen aus diesem Land ausstößt und entrechtet, wählt die Demokratie demokratisch ab. Das darf niemals normal werden, nichts daran ist bürgerlich.

Sicher, es gibt die beschwichtigende, fast sedierende Aufrechnung, dass drei Viertel der Bundesbürger weiterhin gegen die AfD und somit gegen jedwede Form eines Neunazideutschlands seien. Wahlsieger Bodo Ramelow bezeichnete den vergangenen Sonntag aus ebendiesem Grund als historischen Tag für den deutschen Parlamentarismus. Die Grundfesten sind mehrheitlich integer. Das völkische Viertel brülle halt nur viel lauter als die moderate Mehrheit und erscheine deshalb riesig.

Ich würde als nicht weißer Mensch in Thüringens Ortschaften wie Paska (64,4 % AfD), Ballhausen (47,3 %) oder Gera (fast 30 Prozent) nachts nicht auf dieses demokratische Dreiviertel bauen. Und das tun, das riskieren auch nur sehr wenige Nichtweiße hier, das ist gesellschaftliche Realität in Ostdeutschland. Die Erosion der Mitte ist für sie unmittelbar. Aber angenommen, die Schätzung vom überschrienen demokratischen Dreiviertel trifft ansonsten für die meisten Gemeinwesen Deutschlands zu. Selbst dann bleibt der schiere Lautstärkeunterschied ein gravierendes Problem. Die demokratischen Dreiviertel verhalten sich viel zu oft viel zu still im Alltag. Leise wie Luft.

Ein kleines Lautstärkebeispiel aus Leipzig und auch eines über die so umstrittene Mitte: Ich saß in der Straßenbahnlinie 1 nach Mockau. Und eine weiße, blonde, sächselnde Frau hatte sehr mit ihrem wie eine Sirene aufheulenden Kleinkind zu tun. Das war für alle sehr anstrengend. Aber was will man machen, öffentliches Verkehrsmittel, öffentlicher Raum. Alle blieben zivilisiert und still angekotzt. Die Frau stieg aus, eine andere Mutter rollte postwendend ihren Kinderwagen in den Wagon. In den mittleren Teil, das Rondell mit Platz für Rollstühle und Kinderwagen. Die zweite Mutter auf dem Weg nach Mockau trug ein Kopftuch. Ihr Mädchen begann ebenfalls zu weinen, in erstaunlich kohärenter Frequenz zum ersten Baby. "Mach dein Scheißkind leise", brüllte sofort eine Männerstimme von irgendwo. Und etwas Ähnliches riefen noch eine Handvoll Leute in offen feindseligem Ton. Bis die Frau überfordert und hektisch an der nächsten Haltestelle hinausflüchtete. Die 75 Prozent, die einer muslimischen Mutter das gleiche Recht auf ein kreischendes Kleinkind in der Straßenbahn einräumen, habe ich leider nicht gehört. Nicht einen.

Die radikalste Hetzvariante

Ein deutsches Sprichwort besagt, in der Ruhe liege die Kraft. Was es verschweigt, ist, dass man zuerst Kraft braucht, um sich ruhig zu halten. Kraft, die die angreifbarsten Teile dieser Gesellschaft, die Minderheiten, in Ostdeutschland derzeit schwer sammeln können – weil sie nicht in Ruhe gelassen werden. Das in Jena ansässige Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft befragte die AfD-Wählerschaft, ob der Thüringer "Flügel" unter Björn Höcke es nicht doch etwas übertreibe. Zum Beispiel mit der 180-Grad-Wende in der Erinnerungskultur. 71 Prozent der Befragten haben dem Institut geantwortet, dass die Partei genau da richtig sei, wo sie jetzt steht. Dass sie explizit diesem Weltbild folgen wollen. Nach meinen Kenntnissen der ethischen Algebra bedeutet diese Einstellung: Nein, es gab den Holocaust nicht, die Deutschen sind seit Jahrzehnten Sklaven einer jüdischen Lügenverschwörung.

In Thüringen wurde also die radikalste Hetzvariante einer rechtsextremen Organisation explizit mit Volksparteiwerten belohnt. So, wie bereits in Brandenburg und Sachsen. Aber regieren darf sie vorerst nicht. Man könnte ein wenig aufatmen, zumindest Luft holen. Wenn der bisherige Fraktionsvize der CDU in Thüringen, Michael Heym, nicht plötzlich Gesprächsbereitschaft mit den Faschisten angedeutet hätte. Daher mein Appell, mit miserablem Ruhepuls: Bei all den Debatten um die Mitte Deutschlands nicht zu vergessen, dass die, die am wenigsten Einfluss auf diese Auseinandersetzung haben, mitten im Sturm stehen.