Studierende haben Bernd Luckes erste Vorlesung an der Uni Hamburg gestört. Nun wird gestritten, ob das Protest oder Faschismus ist. Vielleicht ist es auch einfach gesund.

Semesterbeginn

"Makroökonomik II" sollte die Vorlesung heißen, die Bernd Lucke, Mitbegründer der AfD, am Mittwoch gern an der Uni Hamburg gehalten hätte. Makroökonomie, da geht es um Wirtschaftskreisläufe, also quasi darum, was es für einen Investmentbanker in San Francisco bedeutet, wenn sich ein Kunde bei Aldi in Papendorf für die Biobananen entscheidet. Am Ende hängt ja immer alles zusammen, alles ist Kreislauf, Interaktion, Harmonie.

So ist das im besten Fall auch in einer Demokratie: Jeder spielt die politische Rolle, die er eben hat, und danach sprechen dann alle in ihren jeweiligen Rollen darüber, wie die anderen gespielt haben. Das Spielen ist genauso wichtig wie das Sprechen, beides zusammen ergibt eine Diskurswelle, die irgendwann aus Langeweile bricht und wieder abflacht.

Bernd Lucke hat etwa die Rolle des geläuterten und missverstandenen Rechtsintellektuellen hervorragend gespielt. Ja, er mag die AfD gegründet haben, ja, die AfD mag unter seiner Führung auch Parolen der NPD und Vokabular der NS-Zeit verwendet haben, aber Lucke selbst, so die Erzählung jetzt, habe eben wirklich nur die D-Mark wieder einführen wollen – was man fast niedlich finden kann. Nun fühlt er sich in seiner Freiheit als Dozent bedroht und sagt, dass protestierende Studierende beschämend seien, gerade "für eine Exzellenzuniversität". Auch das ist ein perfekt durchgeführter Tanzschritt auf dem Parkett, das wir Demokratie nennen: sagen, dass die anderen doof sind, wenn sie sagen, dass man doof ist.

Man setzt ja nicht Lucke ins Vorlesungsverzeichnis und denkt, dass das keiner mitbekommt.

Die Studierenden in Hamburg haben es dabei genauso gemacht, wie millennial-frustrierte Dozentinnen und Dozenten es in den letzten Jahren immer wieder von den Studierenden gefordert haben: Sie hatten eine Meinung, sie haben gestört. Sie haben ihre Hochschule für das reklamiert, wofür sie irgendwann mal gebaut wurde – jungen Menschen einen Raum zu geben, in dem sie eine Haltung entwickeln können. Es war keine besondere Demonstration, sondern eine, wie es sie schon immer an Hochschulen gegeben hat. Gekaperte Vorlesungen, besetzte Hörsäle, Transparente, all das ist gar nicht Lucke-exklusiv, sondern stinknormale Protestkultur. Die Jugend ist nun mal ein bisschen weiter links als die Alten, lässt sich weniger gefallen, fühlt mehr, mehr Wut, mehr Zusammenhalt. Die Alten können sich darüber aufregen, sie können so tun, als wären sie wütend – in Wirklichkeit genießen sie es. Sie haben endlich einen Anlass, zu denken, man würde mit dem Alter klüger.

Und die Uni Hamburg? Hat hier ganz großartig ihre Rolle als Diplomatin gespielt. Natürlich, sagt die Uni, haben Hochschullehrer das Recht (und die Pflicht), zu lehren. Und natürlich, sagt die Uni auch, sind Universitäten Orte diskursiver Auseinandersetzungen. Es ist eine Mitteilung, die allen den Kopf tätschelt, die weder Lucke enttäuscht noch die Studierenden ermahnt. Die Abmoderation eines Streits, der für alle vorhersehbar war. Die Universität Hamburg musste Lucke wieder zurücknehmen, weil er es nicht ins Europaparlament geschafft hat. Und man setzt ja nicht den Mitgründer der AfD, also einer Partei, die die politische Debatte in Deutschland vergiftet hat, ins Vorlesungsverzeichnis und denkt, dass das keiner mitbekommt.

Die Journalisten und Politiker tun ebenso ganz hervorragend das, wofür sie bezahlt werden: Sie haben Meinungen, sie haben Positionen, sie wählen ein Team, entweder das Team Lucke oder das Team Protest oder, am allernervigsten, das Team "superdifferenziert". Manche versuchen, besonders provokant zu kommentieren, sich auf die Seite von Lucke zu schlagen – einfach nur because, weil sie können, weil sie früher im Deutschunterricht für Erörterungen immer 15 Punkte bekommen haben.

Gut, dass alle dabei waren

Wer die superdifferenzierteste Meinung hat, der gewinnt am Ende auf Twitter #Lucke. Ein paar Stunden danach geht es mit Gags weiter, da gewinnt auch wieder jemand und heute Abend küssen alle ihre Kinder auf die Stirne und sagen, dass es ein anstrengender Tag auf der Arbeit war.

Sogar die Relativierer der Schoah, die jetzt schreiben, man sei mit Lucke genauso umgegangen wie mit jüdischen Wissenschaftlern im Dritten Reich, haben immerhin die Funktion, die Linken und Antifas darin zu bestätigen, dass ihr Protest ein Ziel hat, einen gemeinsamen Gegner.

Also, meine Damen und Herren, es war ein toller Diskurs mit Ihnen. Wir haben uns alle mal wieder gespürt, mit unseren Haltungen und Talenten und Ideen von der Welt. Jeder nimmt nun die rechte oder linke Hand und klopft sich auf die Schulter. Gut, dass es die linken Studierenden gibt, gut, dass es die diplomatische Hochschulleitung gibt, gut, dass es die Politiker und Journalisten gibt, die Bernd Lucke zuhören und jede Meinung in Texte knallen, gut, dass es die Linken und die Rechten auf Twitter gibt.

Wenn eine Vorlesung zum Ort politischer Auseinandersetzung wird, wenn ein paar Hundert Studierende aufbegehren und sich danach überregional über Maß und Mittel gestritten wird, dann ist dieser kleine Demokratiekurs viel mehr Wert als anderthalb Stunden Makroökonomie II.