Mehrere deutsche Unis raten Studierenden, die ein Auslandssemester in Hongkong machen, zur Ausreise. Zwei von ihnen berichten, wie sie sich entschieden haben.

Auslandsstudium

Der Campus der polytechnischen Universität in Hongkong ist zum zentralen Ort der teils gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizisten geworden. Vorlesungen und Seminare finden deshalb auch an den umliegenden Universitäten nur online statt oder fallen ganz aus. Das betrifft ausländische Studierende, die an den neun Universitäten der Stadt studieren. Ihre Heimatuniversitäten stehen nun vor der Frage, ob sie ihnen die Rückreise empfehlen sollen – oder ihnen selbst die Entscheidung überlassen.

Deutsche Hochschulen gehen sehr unterschiedlich damit um. Die Universitäten Mannheim, Regensburg, Heidelberg, Lüneburg und Tübingen etwa bestätigten ZEIT Campus ONLINE, dass sie ihren Studierenden in der vergangenen Woche die Rückreise empfohlen hätten. Einige seien noch am selben Tag zurück in die Heimat geflogen, andere seien früher zu geplanten Reisen in die Umgebung aufgebrochen. 

Andere Universitäten, darunter die TU Dortmund, die Ruhr-Universität Bochum, die LMU und die TU München, sprachen hingegen nach eigenen Angaben keine Empfehlungen aus.

Hier berichten zwei Auslandsstudierende über ihre Erfahrungen in der Stadt und über ihre Entscheidung, abzureisen – oder zu bleiben.

"Ich finde es schade, Hongkong so überstürzt verlassen zu haben":

Peter landete am vergangenen Freitag wieder in Deutschland.

Die Stimmung kippte, als in der vergangenen Woche ein Hongkonger Student bei einem Protest aus dem Fenster fiel und starb. Am Mittwoch wollte ich mir Frühstück holen und musste dafür die Hauptstraße vor dem Campus passieren. Die Straße war kaum wiederzuerkennen. Überall hatten die Protestierenden die Pflastersteine rausgehauen und auf die Straße gelegt. Sie trugen Tische aus der Uni heraus, um Barrikaden zu bauen, einige waren gerade dabei, Schutzwälle am Campus zu errichten. Da habe ich gedacht: Hier wird es heute noch richtig knallen.

Als ich Ende August in Hongkong ankam, konzentrierten sich die Proteste noch auf die Wochenenden. Ich wusste immer, welche Straßenzüge ich besser meiden sollte, um nicht in die Demonstrationen zu geraten. Ich habe mich bewusst rausgehalten, weil ich finde, dass ich als Ausländer gar nicht das Recht habe, über die Anliegen der Protestierenden zu urteilen.

Das International Office der Uni ist für uns ausländischen Studierende zuständig. Es gab eine WhatsApp-Gruppe, in der wir ständig von Mitarbeitern des International Office informiert wurden, was gerade passiert. Sie haben uns immer gesagt, dass wir sicher seien. Verschärft hat sich die Situation erst kurz vor dem chinesischen Nationalfeiertag am ersten Oktober. Da wurde uns zum ersten Mal geraten, das Unigelände wenn möglich nicht zu verlassen. Es standen nun deutlich mehr Sicherheitsleute vor den Gebäuden. Der Alltag ging aber erstmal weiter.

"Nicht mal unsere Sachen sollten wir noch aus dem Studentenwohnheim holen"
Peter

Vergangenen Mittwoch schickte mir dann ein Freund ein Video, das einen Polizeieinsatz auf der Straße vor dem Campus zeigte. 20 oder 30 Polizisten jagten darauf die Demonstranten. Eine halbe Stunde später schrieb eine Mitarbeiterin des International Office an die WhatsApp-Gruppe: Wir sollten uns alle in einer halben Stunde mit unseren Wertgegenständen vor dem Wohnheim versammeln. Unser Gepäck sollten wir in unseren Zimmern zurücklassen.

Wir wurden zwei Kilometer entfernt in einem Hotel untergebracht. Nach der zweiten Nacht kam eine Mitarbeiterin des International Office und sagte, die Situation auf dem Campus sei nun nicht mehr sicher. Wir sollten bitte alle so schnell wie möglich das Land verlassen. Sie sagte wirklich: "Please leave the country as soon as possible." Nicht mal unsere Sachen sollten wir noch aus dem Studentenwohnheim holen. Die würden uns nach Deutschland nachgeschickt werden.

Ich bin dann trotzdem noch einmal mit einem Freund zurück zum Campus, um meine Sachen zu holen. Alles sah komplett verändert aus. Die Zugangsstraßen waren demoliert, überall hatten die Studierenden Checkpoints eingerichtet. Wir mussten unsere Studentenausweise vorzeigen, um zum Wohnheim zu kommen. Die Protestierenden hatten wohl Angst, dass sich Polizisten inkognito auf den Campus schleichen könnten. Wir sahen auch Studenten, die angefangen hatten, Zement zu rühren, um ihre Barrikaden zu verstärken. Ein ziemlich gruseliges Bild. Noch am gleichen Abend habe ich einen Flug gebucht.

Im Nachhinein kommt mir die letzte Woche fast unwirklich vor, wie in einem Zeitraffer. Ich finde es schade, Hongkong so überstürzt verlassen zu haben, ich hatte noch einige Sehenswürdigkeiten gar nicht angeschaut. Aber ich bin auch froh, wenn ich sehe, wie sich die Situation hochgeschaukelt hat und wie die Lage eskaliert ist. Diese Woche wurde ein Polizist von einem Pfeil verletzt, den ein Student mit einem Bogen abgeschossen hatte. Ich habe gesehen, wie Studierende auf dem Campus Bogenschießen geübt haben.

Dieses Ausmaß an Gewalt kann ich nicht mehr unterstützen, obwohl ich grundsätzlich Verständnis für die Demonstranten habe. Ich finde aber, dass es auch andere Wege gibt, seine Forderungen durchzusetzen als mit Gewalt.

Hongkong ist so eine tolle Stadt, es gibt dort einen einzigartigen Mix aus asiatischer und westlicher Kultur, coole Clubs und Bars, viele junge Menschen. Ich fühlte mich während meines Auslandssemesters schon sehr in meiner Mobilität eingeschränkt. Die U-Bahnen fuhren nur noch bis 20 Uhr. Einige Stationen sind komplett demoliert. Auch viele Supermärkte, Restaurants und Cafés um den Campus herum hatten geschlossen. Mir wäre es lieber gewesen, die Stadt komplett frei und ohne Einschränkungen zu erleben als in diesem Ausnahmezustand.