Schon als ich im Zug sitze, sucht mein Kopf nach der nächsten Aufgabe. Ich denke darüber nach, was ich erledigen will, wenn ich nach Hause komme: Wohnung putzen, meinen Status bei der Krankenversicherung ändern. Ich wünsche mir eine Methode, mit der ich meinem Kopf sage, dass er jetzt entspannen darf. Vielleicht kann mir Stefan Schmidt helfen. Er ist Psychologe und forscht an der Universität Freiburg zu Muße. Das ist es, was ich will: endlich Muße haben.

Er weist mich auf ein Paradox hin: Der Modus, aus dem ich herauskommen möchte, ist der sogenannte funktionale Modus – in dem man etwas tut, um ein Ziel zu erreichen. "Wenn Sie sich also fragen, was Sie tun müssen, um aus dem Modus auszusteigen, bleiben Sie eigentlich darin verhaftet", sagt Schmidt. Der Geist nehme die Haltung ein, die man trainiert. "Wenn Sie sich den ganzen Tag beeilen und alles schnell erledigen, haben Sie zwar abends freie Zeit, aber der Geist wurde in Unruhe trainiert und Sie kommen nicht zur Ruhe."

Das kenne ich. Wenn ich von der Arbeit nach Hause komme, würde ich gern entspannt ein Buch lesen. Aber manchmal kann ich mich gar nicht darauf konzentrieren, weil ich weiter über Themen nachdenke, über die ich schreiben will, oder Probleme, die mich am Tag beschäftigt haben.

Schmidt nennt mir drei Methoden, die mir helfen sollen, aus dem funktionalen Modus herauszukommen und Muße zu erleben. Erstens: den Fokus stärker auf das Gegenwärtige legen. Also nicht auf dem Rad über die To-do-Liste nachdenken, sondern den Wind auf der Haut spüren, die Herbstblätter angucken. Zweitens: die Aufmerksamkeit vom Nachdenken ins Spüren verschieben, also weniger im Kopf sein und mehr im Körper. Auf dem Segelschiff habe ich mit den Händen gearbeitet – das hat mir geholfen, im Hier und Jetzt zu sein. Und auch, wenn ich Sport mache, kann ich mich oft in dem verlieren, was ich gerade tue.

Was er mir da empfiehlt, sind eigentlich klassische Achtsamkeitsübungen. Dabei geht es darum, präsent im eigenen Körper zu sein, sich selbst und die Umgebung wahrzunehmen. Achtsamkeit ist gerade sehr trendy, Meditations-Apps wie Headspace sollen dabei helfen, sie im Alltag zu trainieren. Auch für mich ist das alles nicht neu – aber ich verstehe es zum ersten Mal als Gegenmodell zu meinem Bestreben, ständig effizient zu sein.

Als dritte Methode nennt Schmidt: Akzeptanz. "Das innere kognitive Geschnatter geht immer davon aus, dass etwas nicht ist, wie es sein soll", sagt Schmidt. Aber wenn ich gerade nicht vor dem Laptop sitze, ist es in Ordnung, dass ich die Mail noch nicht geschrieben habe. Wenn ich viel zu erledigen habe, muss ich nicht schon beim Aufwachen darüber nachdenken. Es ist okay, wenn ich noch zehn Minuten im Bett liege und mich erst im Büro meiner To-do-Liste widme. Bei der Werftzeit war der Rahmen gesetzt, es war klar, ich muss nicht schnell woanders hin. Deshalb konnte ich mich gut in der Arbeit verlieren.

"Oft haben wir uns einfach an den Stress gewöhnt."
Stefan Schmidt, Psychologe

Außerdem empfiehlt mir Schmidt, immer wieder darüber nachzudenken, ob alles so dringend ist, wie es mir vorkommt. "Oft haben wir uns einfach an den Stress gewöhnt", sagt er.

Nach dem Gespräch merke ich, dass ich meine E-Mails mit einer neuen Gelassenheit liegen lassen kann. Wenn ich merke, dass ich schnell esse, versuche ich, langsamer und bewusster zu kauen. Auf dem Fahrrad spüre ich die Kälte in meinem Gesicht und mein Herzklopfen, wenn ich einen Berg hochgefahren bin. Neu ist auch, dass ich mir Pausen bewusster gönnen kann. Ich denke nicht mehr: Jetzt mache ich eine Pause, um zu entspannen. Sondern: Jetzt gehe ich Kaffee trinken – einfach, um Kaffee zu trinken und in der Sonne zu sitzen und Menschen zu beobachten. Ich tue das Gleiche wie vorher, nämlich einen Kaffee trinken. Doch das Ziel ist weg.

Doch es reicht leider nicht, das Prinzip einmal verstanden zu haben. Wenn ich morgens aufwache und Nachrichten auf dem Sperrbildschirm meines Handys sehe, ist immer noch mein erster Impuls, sofort darauf zu antworten. Dann halte ich inne – und lege das Smartphone weg. Unter der Dusche dachte ich letztens über gute Formulierungen für diesen Artikel nach. Als es mir auffiel, konzentrierte ich mich stattdessen auf das Wasser auf meiner Haut. Im Büro wurde ich gefragt, ob ich spontan bei einem Onlineseminar dabei sein wolle. Ich wollte schon zustimmen, schaute dann aber noch kurz in den Kalender – und sagte ab, weil ich für den Tag schon genug zu tun hatte.

Drei, vier, vielleicht zwanzigmal am Tag muss ich mich daran erinnern, meinem Kopf Freizeit zu gönnen. Ich habe das Gefühl, dass es mich meinen Bedürfnissen näherbringt. Fürs Wochenende habe ich mir vorgenommen, Zeitung zu lesen, einfach, um Zeitung zu lesen – nicht, um mich zu informieren. Mal sehen, ob das klappt.