Jugendvertreter warnen vor der Grundrente. Matthias Schröder hält nichts vom Kampf der Generationen. Seine Idee könnte das Rentensystem verändern – ohne Jung gegen Alt.

Generation Y

Er könnte ein Rebell sein. Einer, der den Kampf zwischen Jung und Alt beschwört. Einer, der vor dem Generationenkonflikt und der Rentnerrepublik warnt. Er würde in Talkshows sitzen, Bücher schreiben, Politiker treffen. Doch Matthias Schröder will nicht die wütende Stimme seiner Generation sein. Er will ohne Getöse die Probleme angehen. Schröder sitzt im Vorstand des Bundesjugendrings, einem Zusammenschluss aus 50 Jugendverbänden. Dort ist er zuständig für Rentenfragen. Das öffentliche Aufbegehren überlässt er lieber anderen, die sich Zukunftslobbyisten nennen oder junge Rentenkommissionen gründen.

Schröder, 1989 in Cuxhaven geboren, ist so alt wie Kevin Kühnert, etwas jünger als Sebastian Kurz. Er trägt einen Pullover mit Reißverschluss, darunter ein Hemd. Seine Schultern verraten, dass er zweimal in der Woche Sandsäcke schlägt und mit Freunden in den Ring steigt. Er wohnt zu dritt in einer WG im alten Ost-Berlin. Einer seiner Mitbewohner promoviert, der andere beginnt eine Ausbildung, weil er als Historiker keine Stelle gefunden hat. Auf seinem Schreibtisch liegen Sachbücher über Armut, Lehrmaterial zu Gesellschaftstheorien, von der Gewerkschaft verfasste Papiere zum Rentensystem. Er spricht ganz selbstverständlich über Beamtenbesoldungen, Bedürftigkeitsprüfungen und Berechnungsgrundlagen.

Die große Koalition ringt in diesen Tagen um einen Kompromiss zur Grundrente. Wer 35 Jahre eingezahlt hat, soll eine Mindestrente erhalten. Der Vorschlag von Arbeitsminister Hubertus Heil könnte drei Millionen Rentnerinnen und Rentner besserstellen. Allerdings nur, wenn das Gesetz ohne die sogenannte Bedürftigkeitsprüfung verabschiedet wird, sonst wäre nur eine halbe Million Menschen betroffen. Seit Monaten streiten die Parteien, ob es diese Prüfung geben soll, also ob Rentner für die Grundrente künftig vor dem Amt ihre Einkünfte und ihr Vermögen nachweisen müssen. Die SPD will das verhindern, die CDU hat sich klar bekannt: Ohne diese Prüfung möchte sie das Gesetz nicht verabschieden. An diesem Sonntag wollen sich die Parteien endgültig einigen. Geschieht dies nicht, könnte das zum Scheitern der Koalition führen.

Schröder hält die Idee der Grundrente für eine gute Sache: "Wer sein ganzes Leben lang gearbeitet hat, ob im Beruf oder in der Familie, darf im Alter nicht verarmen." Was Schröder besonders unterstützt: Auch Jahre der Pflege von Angehörigen oder die Erziehung von Kindern soll mit Beitragsjahren angerechnet werden, wovon viele Frauen profitieren würden.

Es gibt keinen Generationenkonflikt

Doch das Gesetz könnte das Rentensystem Milliarden kosten. Genauso wie die vor fünf Jahren eingeführte Mütterrente oder die Rente mit 63. Geld, das irgendwann fehlt – wenn Schröder selbst in Rente geht. Wenn es kaum noch Beitragszahler gibt, weil Deutschland schrumpft und immer älter wird. Der Verband der Jungen Unternehmer bezeichnet die Grundrente deshalb als gesellschaftliche "Zeitbombe", klagt über eine Milliardenlast, die die "Zukunft der jungen Generation" bedrohe. Auch Tilman Kuban, Vorsitzender der Jungen Union, findet: "Die junge Generation muss schon fragen dürfen, wer das bezahlen soll". Er kritisiert, dass immer nur "Politik für die Alten" gemacht werde – weil sie die größte Wählergruppe seien.

Schröder hingegen warnt davor, Jung und Alt gegeneinander auszuspielen. "Dieser ganze Generationenkonflikt ist konstruiert", sagt er. Damit sich selbsternannte Generationenvertreter profilieren können. Damit sich nichts Grundlegendes am Rentensystem verändert. Schröder sagt, er wolle lieber über einen anderen Konflikt sprechen: den zwischen Arm und Reich.

Matthias Schröder, 30, Vorstandsmitglied im Bundesjugendring © Matthias Schröder

Schröder ist in Cuxhaven in einer Arbeitersiedlung aufgewachsen. Seine Eltern haben beide eine Ausbildung bei der Deutschen Post abgeschlossen, jahrelang gearbeitet, konnten sich trotzdem nie ein Einfamilienhaus leisten. Heute ist sein Vater in Rente, auch seine Mutter arbeitet nicht mehr.

In Marburg hat Schröder studiert. Nur dort hatte er eine Zusage erhalten. Politikwissenschaft, weil er die großen Zusammenhänge verstehen wollte. Ohne Bafög wäre das nicht gegangen. Dazu hat er nebenher als Tutor an der Uni gearbeitet, später ein Stipendium einer gewerkschaftsnahen Stiftung erhalten.

In der ersten Woche an der Universität war Schröder ziemlich überfordert, erinnert er sich. Schröder ging in die Beratungsstelle der Gewerkschaft. Sie halfen ihm den Bafög-Antrag auszufüllen und anzukommen. An vielen Universitäten bieten die Gewerkschaftsjugenden solche Treffen an. Nicht nur um junge Studierende zu unterstützen. Denn Gewerkschaften sind nicht gerade sexy, gelten als altbacken und verstaubt. Warnwesten, Trillerpfeifen, alte Männer in Gaststätten. Ohnehin haben viele das Gefühl, dass es Gewerkschaften nicht mehr braucht. Streiken ist uncool, es sei denn, es geht um den Klimawandel. Dabei hätten auch die Jungen allen Grund zum Aufstand: befristete Verträge, unbezahlte Überstunden zwischen Tischtennisplatte und Club Mate, Algorithmen, die den Arbeitstakt angeben. Und dann auch noch die Rente.