In Hongkong geht die Polizei erneut mit Gewalt gegen junge Demonstranten vor. Wie die Hongkonger Mittelschicht die Proteste erlebt. Drei Anwohner erzählen

Hongkong

Seit Wochen sind Bilder von Polizeigewalt gegen prodemokratische Demonstrantinnen in Hongkong allgegenwärtig. Viele von ihnen sind Schüler und Studierende. Die Unterstützung in der Bevölkerung für die jungen Demonstrierenden bleibt aber groß. Am Montagmorgen schoss die Hongkonger Polizei auf einen 21-jährigen Demonstranten. Nachdem ein Video davon an die Öffentlichkeit gelang, demonstrierten zahlreiche Büroangestellte in ihrer Mittagspause spontan im Stadtzentrum. Sie trieben die Polizei vor sich her, bis die sie mit Tränengas und Plastikpatronen beschoss. Drei Hongkonger aus der Mittelschicht berichten, wie die Proteste ihren Alltag verändert haben und warum sie nicht mehr nur zuschauen wollen. Zu ihrer Sicherheit haben wir ihre Namen anonymisiert.

"Wenn ich meine Augen schließe, rieche ich Tränengas"

Lina, 38, arbeitet in der Hongkonger Finanzindustrie. Sie sagt, der Protest habe ihr Leben verändert.

Die Stadt, in der ich aufgewachsen bin, ist zu einem Albtraum geworden – und alle konnten es im Fernsehen mitanschauen. Am 21. Juli haben im Stadtteil Yuen Long Gangster in einer U-Bahn-Station Passagiere zusammengeschlagen und die Polizei hat die Notrufe ignoriert. Ich habe die Bilder davon im Fernsehen gesehen. Ich hätte mir niemals vorstellen können, dass die Polizei mit solcher Gewalt vorgehen und sich so klar auf eine Seite eines politischen Konflikts schlagen würde. Ich habe keinerlei Vertrauen mehr in die Regierung oder die Polizei.

2014 war ich noch gegen die Proteste für Demokratie. Mir ging die Forderung der Regenschirmbewegung nach einem allgemeinen Wahlrecht einfach zu weit. Ich möchte keine Unabhängigkeit für Hongkong und habe lange nicht geglaubt, dass wir irgendwelche Zugeständnisse von der Kommunistischen Partei erwarten können. Ich wollte nur das Prinzip "Ein Land, zwei Systeme" schützen, das bis 2047 eine Trennung der politischen Systeme Hongkongs und Chinas verspricht.

Doch das geplante Auslieferungsgesetz hätte unseren Rechtsstaat gefährdet. Deshalb war ich im Juni und Juli bei den friedlichen Protesten dabei. Im Großen und Ganzen war ich aber mit der Arbeit der Regierung zufrieden.

Die Attacke in Yuen Long hat mich und meine Freunde furchtbar enttäuscht. Wir fingen deshalb an, die Proteste logistisch zu unterstützen, zum Beispiel, indem wir Wasser, T-Shirts oder Salzwasserlösung gegen Tränengasverletzungen an die vorderste Reihe lieferten. Aber das ist mittlerweile zu gefährlich geworden. Ich versuche nun, die Bewegung durch Spenden oder meine Anwesenheit bei großen friedlichen Protesten zu stärken. Ich möchte keine egoistische, unbeteiligte Zuschauerin sein.

Die Proteste haben mein gesamtes Leben verändert. Ich glaube, allen Hongkongerinnen geht es so – egal, auf welcher Seite sie stehen. Der Nahverkehr wird immer wieder ausgesetzt, um Demonstrationen zu erschweren, ein Vermummungsverbot wurde eingeführt. Viele sind eingeschüchtert und schreckhaft.

Die Proteste haben auch großen Einfluss auf meine Arbeit in der Finanzindustrie. Es kommen kaum noch Touristinnen, und auch die Hongkonger konsumieren viel weniger. Für mich ist das in Ordnung. Ich bin der Meinung, dass der Kampf für unsere Zukunft wichtiger ist als finanzielle Verluste. Aber ich muss auch sagen, dass es mir finanziell gut geht. Ich habe mir schon vor ein paar Jahren eine Wohnung kaufen können. Jetzt besitze ich sogar mehrere, die ich vermiete. Aber ich habe diesen Wohlstand nicht mehr oder weniger verdient als andere oder die jungen Leute heutzutage. Ich hatte einfach Glück, früher geboren zu sein und schnell einen guten Job zu finden. 

Viel schlimmer als die wirtschaftlichen Auswirkungen sind die psychischen: Ich bekomme die Bilder der Polizeigewalt, die wir jeden Tag im Fernsehen sehen und die ich selber miterlebt habe, nicht mehr aus dem Kopf. Ich kann nachts nicht schlafen, weil ich Tränengas rieche, sobald ich meine Augen schließe. Und ich mache mir permanent Sorgen um meine Eltern, weil sie in einer Gegend leben, in der die Polizei immer wieder Tränengas einsetzt. Es kann giftig sein, wenn man zu viel davon abbekommt.