Jeder kann sich die Gewalt in Hongkong direkt ins Zimmer holen. Dutzende Livestreams übertragen den Protest. Die Bilder erschüttern. Und treiben noch mehr auf die Straße.

Generation Y

Am Abend des 21. Juli liege ich auf meinem Bett in Taipeh und starre auf den Facebook-Livestream einer Hongkonger Reporterin. Mein Magen zieht sich immer weiter zusammen. Mit 150.000 anderen sehe ich einer Gruppe von Gangstern in weißen T-Shirts dabei zu, wie sie in der Hongkonger U-Bahn-Station Yuen Long mit Eisen- und Bambusstangen scheinbar wahllos auf Passantinnen einschlagen. Junge Leute auf dem Weg nach Hause in T-Shirts und Flipflops, eine schwangere Frau – sie schreien in Panik, fliehen in die am Bahnsteig wartende U-Bahn. Doch die Männer blockieren die Türen der Bahn und schlagen weiter auf die Leute ein, die wortwörtlich mit dem Rücken zur Wand stehen.

Die Brutalität scheint mir in diesem Moment grenzenlos. Ich sehe alles aus der Perspektive der filmenden Journalistin – wie die Männer sie angreifen, wie sie fällt, sich aufrappelt und weiterfilmt. Als die Polizisten 40 Minuten später auftauchen, sind die Angreifer längst weg. Der Livestream holt die Gewalt näher an mich heran als ein Fernsehbeitrag. Gleichzeitig fühlt es sich unglaublich weit weg an, obwohl Hongkong nur eine Flugstunde von mir entfernt ist.

Soziale Medien gab es auch schon bei den Regenschirmprotesten im Jahr 2014 und aktuell bei anderen Demos weltweit. Doch die Hongkonger Proteste sind nicht nur online, sie sind live. Die Bilder der Gewalt mobilisieren ihre Zuschauerinnen aus der Ferne: Junge Hongkonger, die im Ausland leben, fragen sich plötzlich, wie sie die Proteste unterstützen können. Ältere in der Stadt verfolgen von ihren Bürotürmen aus die Straßenschlachten in der Innenstadt.

Ich habe den Sommer in Taipeh verbracht, um an meiner Promotion zu arbeiten. Doch die Proteste in Hongkong lenken mich von meiner Arbeit ab. Ich fühle mich Hongkong sehr stark verbunden und kann nicht aufhören, die Ereignisse im Livestream zu verfolgen. Mein Großvater stammt aus Hongkong und ist nach Deutschland migriert, wo ich geboren und aufgewachsen bin. Seitdem ich die Stadt im Jahr 2012 zum ersten Mal besucht habe, wollte ich immer wieder zurückkehren. Um mit meinen neuen Freunden essen zu gehen, Kantonesisch zu hören und mit einem Teil meiner Familiengeschichte in Verbindung zu bleiben, der mir zu entgleiten schien.

Meine gleichaltrigen Freunde dort haben meinen Blick auf die Stadt geprägt: Sie wiesen mich auf schleichende Veränderungen hin und machten sich Sorgen um einen wachsenden Einfluss Chinas. Aber sie dachten, dass sie noch Zeit hätten, bis wirklich etwas passiert. Dann begannen im Sommer die Demonstrationen gegen Regierungschefin Carrie Lam.

Zahlreiche Hongkonger Medien investieren enorme Ressourcen, um die Proteste in der ganzen Stadt zu streamen. Darunter sind prodemokratische Zeitungen wie Apple Daily oder Stand News, aber auch der öffentliche Fernsehsender RTHK. Die Streams werden von den verschiedensten Gruppen als Informationsquelle genutzt: anderen Medien, die nicht an fünf Orten gleichzeitig sein können, NGOs, die Polizeigewalt dokumentieren, Demonstrierenden und Polizei. Manche Medien bieten zeitgleich bis zu zehn oder gar zwölf parallele Livestreams an. Das ist außergewöhnlich viel. Wahrscheinlich lässt sich kein Protest derzeit so gut von Weitem verfolgen wie die Demonstrationen und Ausschreitungen in Hongkong.