Ich weiß nicht, wie oft ich seit Beginn der Proteste entsetzt auf einen Bildschirm gestarrt habe. Oft ist es die Polizei, die auf festgenommene Demonstrierende einschlägt. Manchmal sind es Demonstrierende, die eine Mandarin-sprechende Person umzingeln und bedrohen. Ein Livestream ist kein Clip, bei dem man kurz auf "play" drückt und dann weiterscrollt oder ihn empört teilt. Wenn ich wegklicke, laufen die Ereignisse weiter, und wenn ich zurück in den Livestream gehe, ist wieder etwas passiert, als hätte ich auf der Straße nur kurz in eine andere Richtung geschaut.

Meine Freunde aus Hongkong, die jetzt wie ich weit weg von den Demonstrationen leben, sehen die Videos allein auf ihren Laptops oder kleinen Handybildschirmen. Wenn wir uns treffen, beginnen die Gespräche häufig mit: "Hast du auch gesehen, wie…?" Und natürlich haben sie es gesehen.

In Hongkong haben diese Livebilder eine noch größere Wirkung. Wut und Schock über die Gewalt der Polizei, sind die Treiber der anhaltenden Proteste in einer Stadt, die als eine der sichersten der Welt gilt: Immer wenn ein Video viral ging, demonstrierten noch mehr Menschen. Auf kollektiv erlebte Momente der Gewalt folgten verlässlich Massenproteste, so auch nach der Attacke in Yuen Long oder Ende August, als Polizisten in einer U-Bahn auf Demonstrierende einschlugen.

Genauso begann auch die aktuelle Eskalation: Vor zwei Wochen schoss ein Polizist einen unbewaffneten Demonstranten an und fesselte danach seinen scheinbar leblosen Körper. Wenige Minuten später hört man im Video eine Stimme weinen, vermutlich ist es der Kameramann. Das Video verbreitete sich am Morgen rasant über die sozialen Netzwerke. Nur wenige Stunden später besetzten Demonstrierende den ersten Campus. Im Finanzdistrikt gingen wohlhabende Angestellte in ihrer Mittagspause auf die Straße. Sie setzen ihren Protest seither jeden Tag fort.

Manche Hongkonger im Ausland verfallen in fiebrige Aktivität – sie helfen mit Übersetzungen, verbreiten Nachrichten aus Hongkong oder organisieren Proteste. Eine Gruppe linker Aktivisten aus Hongkong, die im Ausland studieren oder arbeiten, gründete unter dem Eindruck der Angriffe am 21. Juli sogar eine eigene Publikation – das Autorinnenkollektiv Lausan, um die Anliegen der Bewegung zu übersetzen und zu verbreiten.

Neue Qualität der Gewalt

Nach den Regenschirmprotesten 2014 sorgte das Video eines Polizisten, der mit einem Schlagstock einen Passanten schlägt, für einen Skandal, über den die Website Hong Kong Free Press insgesamt dreißig Geschichten schrieb. Heute wäre so ein Moment kaum noch eine Erwähnung wert.

Vielleicht drohen die Bilder, ihre Zuschauerinnen und Zuschauer abzustumpfen. Aber sie sind auch eine Warnung, dass es genauso unmenschlich wäre, Hongkong einfach auf einen Punkt auf der Karte zu reduzieren.

In den unzähligen Stunden Video liegt ein großes Potenzial: Sie zeigen, dass politische Konflikte und Macht mehr als theoretische Konzepte sind. Die abstrakte Idee eines Machtverhältnisses wird in dem Bild eines Polizisten, der in voller Ausrüstung auf einen Jugendlichen einschlägt und ihm den Mund zuhält, damit er niemandem seinen Namen zurufen kann, plötzlich ganz konkret.