Joshua Wong frustriert die Debatte über Gewalt von Demonstranten in Hongkong. Im Gespräch mit ZEIT ONLINE erklärt der Aktivist, warum er gerade mehr Angst als sonst hat.

Generation Y

Die Lage der Protestierenden in Hongkong spitzt sich seit Tagen zu: Die Polizei räumte den Campus der Polytechnischen Universität und kesselte die verbleibenden Demonstranten ein. Seit fast sechs Monaten ist Joshua Wong das prominenteste Gesicht der jungen Bewegung, die in Hongkong für Demokratie kämpft. Der 23-jährige Aktivist hat bereits einen langen Tag hinter sich, als wir ihn am Telefon erreichen.

ZEIT Campus ONLINE: Herr Wong, wie geht es Ihnen?

Joshua Wong: Es geht mir gut, danke. Ich bin sehr beschäftigt. Und besorgt.

ZEIT Campus ONLINE: Was sorgt Sie und Ihre Mitstreiter derzeit am meisten?

Wong: Die Ungewissheit. Wir wissen nicht, was mit den Dutzenden Protestierenden passieren wird, die immer noch von der Polizei auf dem Campus eingekesselt sind. Die Sorge ist groß, dass sie extreme Gewalt erfahren werden. Gestern und heute mussten außerdem 200 Anhängerinnen und Anhänger unserer Bewegung vor Gericht erscheinen, die wegen der Ausschreitungen angeklagt wurden. Auch ihr Schicksal ist noch ungewiss. Und wir wissen nicht, ob am Sonntag die Kommunalwahlen stattfinden werden.

ZEIT Campus ONLINE: Schon im Vorfeld wurden Sie als Kandidat Ihrer Partei Demosisto von diesen Wahlen ausgeschlossen. Nun erwägt die Regierung, die Wahlen ganz ausfallen zu lassen.

Wong: Dafür gibt es keinen legitimen Grund. Die Regierung hat nur Angst, Sitze im Bezirksrat zu verlieren. Sie weiß, dass die Bevölkerung Hongkongs auf unserer Seite ist. 80 Prozent haben sich in Meinungsumfragen für unsere Forderungen, für freie Wahlen und Demokratie ausgesprochen. Nur 20 Prozent stehen auf der Seite Pekings.

ZEIT Campus ONLINE: Dennoch macht es den Eindruck, als sei Ihre Bewegung in eine Sackgasse geraten. Ihre Minimalforderungen, der Rücktritt von Regierungschefin Carrie Lam und eine Untersuchung der Polizeigewalt, werden nicht eingelöst. Im Gegenteil: Am Dienstag machte China nochmals deutlich, dass Hongkongs Justiz der Zentralregierung in Peking unterstehe. Wie gehen Sie damit um?

Wong: Von einer Sackgasse kann nicht die Rede sein. Die Proteste begannen vor fünf Monaten mit dem Bestreben, das Auslieferungsgesetz zu verhindern. Das haben wir geschafft. Das hat uns gezeigt, dass unser Protest etwas bringt. Deshalb machen wir weiter.

ZEIT Campus ONLINE: Wie ist die Stimmung unter den Protestierenden zurzeit?

Wong: Natürlich sind viele müde von dem monatelangen Protest. Aber jetzt aufzugeben, ist keine Option. Zwei Menschen sind getötet worden. Demonstranten werden von den Polizisten schwer verletzt und gefoltert. Währenddessen wächst die Solidarität mit unserer Bewegung.

ZEIT Campus ONLINE: Woran merken Sie das konkret?

Wong: Wir werden immer mehr. Und es sind längst nicht mehr nur junge Menschen, die uns unterstützen. Büroangestellte kommen in ihren Mittagspausen raus, um mit uns zu demonstrieren. Anwälte und Ärztinnen wenden sich an uns, Krankenpfleger leisten bei den Protesten Erste Hilfe, andere versorgen die Protestierenden mit Material und Essen.