Anfangs fuhren Isabel und ihre Freundinnen aus Protest schwarz, nun demonstrieren Hunderttausende Chilenen gegen die Regierung. Warum die Jungen den Aufstand anführen.

Chile

Als sie zum ersten Mal über das Drehkreuz in der U-Bahn-Station Santa Ana im Zentrum von Santiago de Chile kletterte, wusste Isabel nicht, dass ihr bald Tausende folgen würden. Vier Wochen ist das her. Vier Wochen, in denen die 17-jährige Schülerin fast jeden Tag protestiert hat, um endlich etwas zu verändern in Chile.

Anfang Oktober hatte die Regierung die Preise für U-Bahn-Tickets erhöht. Aus Protest begannen Isabel und viele andere Schülerinnen und Schüler, schwarz zu fahren. Sie organisierten sich über Instagram, trafen sich nach der Schule an den U-Bahn-Stationen der chilenischen Hauptstadt und sprangen gemeinsam über die Drehkreuze. Nach einer Woche schlossen sich andere ihrem Protest an: Studierende, Arbeiter, Rentnerinnen – inzwischen demonstrieren jeden Tag Hunderttausende Menschen überall in Chile.

Was als Aufbegehren der Jungen begann, ist zum Aufstand eines ganzen Landes geworden. Längst geht es nicht mehr nur um teurere Tickets. Es geht um soziale Ungleichheit, hohe Lebenshaltungskosten und die neoliberale Politik von Präsident Sebastián Piñera. Strom, Wasser, Bildung, Gesundheits- und Rentensystem – in Chile ist alles privatisiert. Die Hälfte der Bevölkerung verdient umgerechnet weniger als 500 Euro im Monat, bei Lebenshaltungskosten, die denen in Deutschland gleichen. "Die Erhöhung des Fahrpreises hat das Fass zum Überlaufen gebracht", sagt Isabel.

Die Protestierenden wollen, dass sich der chilenische Staat grundlegend ändert. Der chilenische Staat reagiert darauf mit Gewalt. Dem Nationalen Institut für Menschenrechte zufolge wurden während der Proteste bisher mehr als 5.600 Menschen verhaftet. Mehr als 2.000 Protestierende wurden mit Verletzungen in Krankenhäuser gebracht, viele von ihnen sind jung. Am vergangenen Freitag zum Beispiel wurde der 21-jährige Student Gustavo Gatica von einem Polizisten in beide Augen geschossen.

Isabel macht trotzdem weiter: "Ich gehe auf die Straße für all diejenigen, die es nicht können, weil sie Angst um ihre Arbeit haben oder sich um Kinder kümmern müssen. Ich will Gerechtigkeit für Chile."

"Ich gehe auf die Straße für all diejenigen, die es nicht können."
Isabel

Am Montagvormittag, einen Monat nach Beginn der Proteste, treffen sich Isabel und ihre Freundinnen vor ihrer Schule, dem Liceo Nº1 Javiera Carrera im Zentrum von Santiago. Isabel trägt ihre langen schwarzen Haare zum Zopf gebunden, dazu große silberne Creolen. Auf ihrem weißen T-Shirt steht eine Eins, die Schuluniform des Liceo Nº1. Das Gymnasium ist eine der angesehensten öffentlichen Mädchenschulen in Santiago und bekannt für das politische Engagement seiner Schülerinnen. Schon vor der aktuellen Protestwelle haben sie immer wieder gestreikt und ihre Schule besetzt, sie forderten zum Beispiel die Renovierung der Toiletten, Heizungen für den Winter und die Entlassung von Lehrern, die Schülerinnen sexuell belästigt hatten.

Seit vergangener Woche streiken die Schülerinnen des Liceo Nº1 wieder. Diesmal geht es nicht nur um ihre eigenen Rechte, sondern um die aller Chileninnen und Chilenen.