Sven bleibt – Seite 1

Alle seine Freunde zogen fürs Studium weg. Sven blieb in Zwickau, als Einziger. Er will Sachsen verändern, über Politik diskutieren. Dafür redet er auch mit den Rechten.

Generation Y

An Weihnachten wird es für ein paar Tage wieder so sein wie früher. Sven und seine Freunde werden zusammen auf der Simson in die Zwickauer Innenstadt düsen. Sie werden im Alex am Markt einen Cocktail trinken gehen. Oder in den Rottmannsdorfer Wald fahren, zu dem Hügel, den sie alle nur Knutschberg nennen, und sich von dort aus die Sterne ansehen.

Theo wird aus Dresden anreisen, Jie aus München, Marc aus Halle und Max aus Wien. Sven wird in Zwickau auf sie warten. Er ist der Einzige aus seinem Freundeskreis, der nach dem Abi hiergeblieben ist. "Das ist wirklich traurig", sagt der 20-Jährige. "Früher haben wir jeden Tag miteinander verbracht. Heute schreiben wir uns nur noch über WhatsApp."

Sven ist mit seiner Entscheidung, zu bleiben, nicht nur in seinem Freundeskreis die Ausnahme. Wie viele ostdeutsche Gegenden schrumpft auch Zwickau. Im vergangenen Jahr stagnierte die Einwohnerzahl zum ersten Mal seit 30 Jahren bei rund 90.000. Davor war es jahrelang immer nur bergab gegangen. 1989 lebten hier noch rund 120.000 Menschen. Auch wenn nicht mehr so viele weggehen wie in den Neunzigerjahren, haben viele ostdeutsche Regionen auch heute noch Mühe, die Jungen zu halten. In Westdeutschland zieht laut einer Studie des Allensbach-Instituts im Auftrag von McDonald's jeder Fünfte für Job, Ausbildung oder Studium in eine andere Region. In den östlichen Bundesländern ist es jeder Dritte.

Doch Sven ist geblieben, weil er etwas verändern will. Sein Ziel: der sächsische Landtag. Eines Tages will er für die CDU kandidieren. Sven Richter, der sächsische Philipp Amthor? Ein junger ostdeutscher Hoffnungsträger seiner Partei, dem alle Ebenen der Bundespolitik offenstehen? Sven schüttelt energisch den Kopf. "Mit dem kann ich gar nichts anfangen", sagt er. "Der ist Mitte 20, rennt nur im Anzug durch die Gegend und hat nie was anderes gemacht als Politik." Sven trägt Jeans und Sneakers, seine blonden Haare sind vorn verwuschelt. Und nach Berlin, in den Bundestag, will er auch nicht. Auf seiner dunkelblauen Windjacke prangt in Weiß der Schriftzug "Feuerwehr Cainsdorf", dort ist er seit seiner Jugend aktiv. 

Heimat, Zwickau, das ist Sven wichtig. Aber er ist keiner dieser Zurückgelassenen, über die nach den Landtagswahlen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen viel nachgedacht wird. Die Männer ohne Job, Frau oder Familie, die ihr Kreuz bei der AfD machen und von Heimat träumen. Sven hätte weggehen können, nach Hamburg oder Dresden, seine Lieblingsstädte. Es ist nur so, dass er hier gerade viel zu tun hat. Also schrieb er sich zum Wintersemester an der Westsächsischen Hochschule Zwickau für BWL ein.

Etwas verändern, das wollen viele in seiner Generation. Zu Tausenden gehen junge Menschen mit Fridays for Future oder Extinction Rebellion in ganz Deutschland für das Klima auf die Straße. Sie malen bunte Transparente oder besetzen Verkehrsknotenpunkte, ihr Protest ist laut und medienwirksam. Sven ruft an diesem Freitag im November keine Sprechchöre, er bastelt auch keine Demoschilder. Er geht ins Zwickauer Rathaus. Selbstbewusst erklimmt er die Stufen in den ersten Stock, kennt die Namen aller Säle, zeigt den Balkon, der zu einem großen Vorplatz rausgeht. Vor einem Bierwagen mit dem Logo der lokalen Brauerei bleibt er stehen. "Hier war wohl eine Veranstaltung", sagt er. Erst vor zwei Tagen hat er bis spätabends hier gesessen. Jugendbeiratssitzung, erklärt er beiläufig, als wäre das ein ganz normaler Programmpunkt in der Woche eines Erstsemesters.

"Ich sehe hier in Zwickau eigentlich überall Handlungsbedarf", sagt Sven, als er vom Rathaus aus in die Einkaufsstraße mit den hübsch sanierten alten Häusern läuft. Er findet, dass es mehr Angebote für junge Menschen geben muss. Graffitiwettbewerbe für Ecken, die verschönert werden müssen. Nachtbusse, ein WLAN-Anschluss im Studentenwohnheim Eckersbach. "Und bessere Mopedparkplätze", sagt Sven. Er klingt dabei wie ein junger, ambitionierter Lokalpolitiker. In einer Zeit, in der alle politischen Parteien verzweifelt um Nachwuchs werben, kommt jemand wie Sven Richter einem Jackpot gleich: Als Teenager kam er zur Schüler Union, trat wenig später in die Junge Union ein. Jetzt arbeitet er für den Zwickauer CDU-Abgeordneten Gerald Otto im Dresdner Landtag.

Die AfD sitzt immer mit am Tisch

Zwickau und Politik, das gehört für Sven untrennbar zusammen. Er startet sein Auto, einen blauen Fiat Panda, aus den Boxen erklingen die Nachrichten im Deutschlandfunk. Er fährt aus der Stadt heraus, über die ruckelige Straße, auf der er all seinen Freunden das Mopedfahren beigebracht hat. Auf einer Lichtung im Rottmannsdorfer Wald hält er an. "Auf meinen Spaziergängen hier sehe ich, wie die Bäume unter der Trockenheit und dem Borkenkäfer leiden", sagt er. "Wir müssen viel mehr für das Klima tun." 

Sven muss nicht lange überlegen, was genau das sein soll, und klingt dabei eher wie ein Grüner als ein CDU-Mitglied. Aufforstung. Keine Inlandsflüge mehr. "Und der öffentliche Nahverkehr muss ausgebaut werden." Er selbst habe als Jugendlicher erlebt, wie ein Bus, der ihn und seine Mitschüler täglich in die Innenstadt zum Gymnasium brachte, von einem auf den anderen Tag nicht mehr fuhr. "So was darf nicht passieren", findet er. "Auch, damit Regionen nicht abgehängt werden."

Der Aufstieg der AfD in seiner Region macht Sven Sorgen. Mit dem Wahlergebnis habe er zwar gerechnet, sagt er. Geschockt habe es ihn dennoch. Bei der Landtagswahl Anfang September holte die AfD in Sachsen 27,5 Prozent der Stimmen und wurde zweitstärkste Kraft. Sven erklärt sich den Wahlerfolg der Partei auch mit dem Wende-Trauma. Er ist zehn Jahre nach dem Mauerfall geboren. Doch die Wunden, die die Wiedervereinigung im Osten hinterlassen hat, kennt er aus der eigenen Familie. Seine Mutter verlor Anfang der Neuenzigerjahre ihren Job, war einige Jahre immer wieder arbeitslos, bevor sie wieder eine Stelle in der Industrie fand. "Solche Erfahrungen haben ja viele gemacht", sagt er. "Das sitzt tief, auch in den Generationen danach."

"Wir waren echte Knirpse."
Sven Richter

Sven glaubt auch, dass die Menschen in seiner Region nicht mehr richtig miteinander diskutieren. Dass Gespräche über Politik nur noch am Stammtisch stattfinden oder unter den jungen Menschen gar nicht mehr. Deshalb gründete er in der elften Klasse mit seinem Freund Theo den Verein Fortschritt-Vision-Diskurs. Ihre Idee: sich Formate zu überlegen, die ihre Altersgenossen wieder für Politik begeistern. "Am Anfang hatten wir nicht mal so etwas wie Flyer oder Visitenkarten", sagt Sven, "wir waren echte Knirpse." Doch sie schafften es, im vergangenen Herbst eine 24-Stunden-Diskussion mit Vertretern aller Parteien zu organisieren. Sogar Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) kam. Seitdem ist er Svens Vorbild. "Er ist einfach ein Typ, der zu seinem Wort steht", findet er. "Auch wenn ich zum Beispiel mit seiner Klimapolitik nicht so einverstanden bin." Im Zusammenhang mit der schwedischen Aktivistin Greta Thunberg sprach Kretschmer kürzlich von einer "Hysterie" und kritisierte, dass das Klimapaket der Bundesregierung "Inländer" diskriminiere.

Bei den Veranstaltungen des Vereins sitzt immer auch jemand von der AfD mit am Tisch. Überall in Deutschland, in Schulen und Vereinen, in Universitäten und Medienhäusern, wird sich derzeit die Frage gestellt: Behandelt man die AfD-Politiker wie die der anderen Parteien, lässt sie an Diskussionsrunden teilhaben, im Fernsehen auftreten, Marktstände aufstellen und Veranstaltungssäle mieten? Oder wehrt man sich dagegen, ihnen ein Forum zu bieten, wo immer es geht?

Für Sven ist die Antwort klar. Sein Verein will politisch neutral sein. Und das bedeutet für ihn, dass er die Politiker der AfD auf den Veranstaltungen nicht anders behandelt als die der anderen gewählten Parteien. "Es ist mir auch wichtig, meine eigene Parteipolitik vom Verein zu trennen", sagt Sven und wirkt dabei fast ein bisschen nervös. Er will um jeden Preis den Eindruck vermeiden, er bevorzuge bei den Diskussionsveranstaltungen die CDU. Am Ende der Veranstaltungen bekommen immer alle Politiker ein Dankeschön fürs Teilnehmen, eine Schachtel Pralinen oder eine Flasche Rotwein. Auch die der AfD.

Dann bemüht Sven sich doch schnell, klarzustellen, dass er mit den Ansichten der Rechten nichts anfangen kann. Er erzählt von seinen zwei besten Kumpels, der eine stammt aus Afghanistan, der andere aus China. "Mein afghanischer Freund wird ständig von der Polizei am Bahnhof kontrolliert und wurde auch schon bepöbelt. Von den Asiaten heißt es an den Stammtischen hingegen immer, die seien fleißig, vielleicht, weil es in der DDR vietnamesische Gastarbeiter gab." Sven schüttelt den Kopf und zuckt mit den Schultern. "Das ist doch absurd, dass man heute überhaupt noch jemanden diskriminiert."

Seine Brüder sind weggezogen, aber Sven konnte bleiben

Wenig später sitzt er in der Küche des Reihenhauses seiner Eltern, in dem er die oberste Etage bewohnt. Vor ihm dampft ein Minztee, er hat auf dem Rückweg noch Kuchen von der Bäckerin im Ort geholt. Buttereiche, eine lokale Spezialität. "Ein Stück hat so viele Kalorien wie eine ganze Pizza", sagt Sven. Den Platz auf der Eckbank hat er für seinen Vater freigelassen, der ist Kraftfahrer und müsste jeden Moment von der Arbeit nach Hause kommen. Als er in die CDU eintrat, seien seine Eltern skeptisch gewesen, erzählt Sven. Die Konservativen, das waren in seiner Familie eigentlich immer "die, die man nicht wählt". Ihr Kreuz machen die Richters eher bei der SPD oder den Linken. Ein bisschen war es auch Zufall, dass er in der Union landete. Als er 16 Jahre alt war, ging er zu einem Volleyballspiel, das die Schüler Union organisiert hatte. Sven sagt, er habe nicht gewusst, dass die Organisation zur CDU gehört, er habe einfach Lust auf Volleyball gehabt. "Bei dem Spiel wurde ich dann direkt in die Gruppe und die Organisation eingebunden", erinnert er sich. Heute fühlt er sich in der Partei wohl: "Was mir wirklich gut gefällt, ist, dass dort alle möglichen Meinungen toleriert werden", sagt er.

Vielleicht ist seine Entscheidung, zu bleiben, gar nicht so individuell, wie sie ihm erscheint.

Doch seine Parteifreunde sind ihm manchmal noch fremd. Bei seinen ersten Treffen mit der Ortsgruppe der Jungen Union hätten da fast nur geschniegelte Typen im Anzug gesessen. Ganz viele Philipp Amthors sozusagen. Auch über Studierende, die mit den BMWs ihrer Eltern angeben, schüttelt Sven den Kopf. In seiner Familie gilt, dass man sich alles selbst erarbeiten muss. Schnurgerade Lebensläufe sind ihm suspekt. Vielleicht auch, weil auch in seinem Leben nicht immer alles glattlief. Als Kind wurde er in der Schule jahrelang gemobbt. Als Jugendlicher fuhr ihn ein Autofahrer an einem Kreisverkehr um und floh. Sven verbrachte ein Jahr in Krankenhäusern und Reha-Kliniken, musste eine Klasse wiederholen. Der Fahrer wurde nie ermittelt.

Sven will sich frühestens in zehn Jahren auf eine Wahlliste für den Dresdner Landtag setzen lassen. Vorher will er arbeiten, vielleicht in einer gemeinnützigen Stiftung. Er ist der Erste in der Familie mit Abitur, der Erste, der studiert. Seine älteren Brüder mussten Zwickau noch verlassen, um eine Ausbildungsstelle zu finden. Zwei der drei gingen in den Westen, nach Darmstadt und Frankfurt. Heute werden auch hier in Zwickau Fachkräfte dringend gesucht, die Arbeitslosenquote ist mit vier Prozent geringer als etwa in Hamburg oder Köln.

Dass Sven geblieben ist, bedeutet auch, dass er bleiben konnte. Vielleicht ist seine Entscheidung am Ende gar nicht so individuell, wie sie ihm erscheint. Vielleicht steht sie für eine Jugend im Osten, die nicht mehr entweder die Heimat oder eine gesicherte Zukunft wählen muss. Die nicht nach Frankfurt oder Darmstadt gehen muss, um zu arbeiten. Und nicht nach Berlin, um politisch etwas zu verändern.