Zwickau und Politik, das gehört für Sven untrennbar zusammen. Er startet sein Auto, einen blauen Fiat Panda, aus den Boxen erklingen die Nachrichten im Deutschlandfunk. Er fährt aus der Stadt heraus, über die ruckelige Straße, auf der er all seinen Freunden das Mopedfahren beigebracht hat. Auf einer Lichtung im Rottmannsdorfer Wald hält er an. "Auf meinen Spaziergängen hier sehe ich, wie die Bäume unter der Trockenheit und dem Borkenkäfer leiden", sagt er. "Wir müssen viel mehr für das Klima tun." 

Sven muss nicht lange überlegen, was genau das sein soll, und klingt dabei eher wie ein Grüner als ein CDU-Mitglied. Aufforstung. Keine Inlandsflüge mehr. "Und der öffentliche Nahverkehr muss ausgebaut werden." Er selbst habe als Jugendlicher erlebt, wie ein Bus, der ihn und seine Mitschüler täglich in die Innenstadt zum Gymnasium brachte, von einem auf den anderen Tag nicht mehr fuhr. "So was darf nicht passieren", findet er. "Auch, damit Regionen nicht abgehängt werden."

Der Aufstieg der AfD in seiner Region macht Sven Sorgen. Mit dem Wahlergebnis habe er zwar gerechnet, sagt er. Geschockt habe es ihn dennoch. Bei der Landtagswahl Anfang September holte die AfD in Sachsen 27,5 Prozent der Stimmen und wurde zweitstärkste Kraft. Sven erklärt sich den Wahlerfolg der Partei auch mit dem Wende-Trauma. Er ist zehn Jahre nach dem Mauerfall geboren. Doch die Wunden, die die Wiedervereinigung im Osten hinterlassen hat, kennt er aus der eigenen Familie. Seine Mutter verlor Anfang der Neuenzigerjahre ihren Job, war einige Jahre immer wieder arbeitslos, bevor sie wieder eine Stelle in der Industrie fand. "Solche Erfahrungen haben ja viele gemacht", sagt er. "Das sitzt tief, auch in den Generationen danach."

"Wir waren echte Knirpse."
Sven Richter

Sven glaubt auch, dass die Menschen in seiner Region nicht mehr richtig miteinander diskutieren. Dass Gespräche über Politik nur noch am Stammtisch stattfinden oder unter den jungen Menschen gar nicht mehr. Deshalb gründete er in der elften Klasse mit seinem Freund Theo den Verein Fortschritt-Vision-Diskurs. Ihre Idee: sich Formate zu überlegen, die ihre Altersgenossen wieder für Politik begeistern. "Am Anfang hatten wir nicht mal so etwas wie Flyer oder Visitenkarten", sagt Sven, "wir waren echte Knirpse." Doch sie schafften es, im vergangenen Herbst eine 24-Stunden-Diskussion mit Vertretern aller Parteien zu organisieren. Sogar Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) kam. Seitdem ist er Svens Vorbild. "Er ist einfach ein Typ, der zu seinem Wort steht", findet er. "Auch wenn ich zum Beispiel mit seiner Klimapolitik nicht so einverstanden bin." Im Zusammenhang mit der schwedischen Aktivistin Greta Thunberg sprach Kretschmer kürzlich von einer "Hysterie" und kritisierte, dass das Klimapaket der Bundesregierung "Inländer" diskriminiere.

Bei den Veranstaltungen des Vereins sitzt immer auch jemand von der AfD mit am Tisch. Überall in Deutschland, in Schulen und Vereinen, in Universitäten und Medienhäusern, wird sich derzeit die Frage gestellt: Behandelt man die AfD-Politiker wie die der anderen Parteien, lässt sie an Diskussionsrunden teilhaben, im Fernsehen auftreten, Marktstände aufstellen und Veranstaltungssäle mieten? Oder wehrt man sich dagegen, ihnen ein Forum zu bieten, wo immer es geht?

Für Sven ist die Antwort klar. Sein Verein will politisch neutral sein. Und das bedeutet für ihn, dass er die Politiker der AfD auf den Veranstaltungen nicht anders behandelt als die der anderen gewählten Parteien. "Es ist mir auch wichtig, meine eigene Parteipolitik vom Verein zu trennen", sagt Sven und wirkt dabei fast ein bisschen nervös. Er will um jeden Preis den Eindruck vermeiden, er bevorzuge bei den Diskussionsveranstaltungen die CDU. Am Ende der Veranstaltungen bekommen immer alle Politiker ein Dankeschön fürs Teilnehmen, eine Schachtel Pralinen oder eine Flasche Rotwein. Auch die der AfD.

Dann bemüht Sven sich doch schnell, klarzustellen, dass er mit den Ansichten der Rechten nichts anfangen kann. Er erzählt von seinen zwei besten Kumpels, der eine stammt aus Afghanistan, der andere aus China. "Mein afghanischer Freund wird ständig von der Polizei am Bahnhof kontrolliert und wurde auch schon bepöbelt. Von den Asiaten heißt es an den Stammtischen hingegen immer, die seien fleißig, vielleicht, weil es in der DDR vietnamesische Gastarbeiter gab." Sven schüttelt den Kopf und zuckt mit den Schultern. "Das ist doch absurd, dass man heute überhaupt noch jemanden diskriminiert."