Wenig später sitzt er in der Küche des Reihenhauses seiner Eltern, in dem er die oberste Etage bewohnt. Vor ihm dampft ein Minztee, er hat auf dem Rückweg noch Kuchen von der Bäckerin im Ort geholt. Buttereiche, eine lokale Spezialität. "Ein Stück hat so viele Kalorien wie eine ganze Pizza", sagt Sven. Den Platz auf der Eckbank hat er für seinen Vater freigelassen, der ist Kraftfahrer und müsste jeden Moment von der Arbeit nach Hause kommen. Als er in die CDU eintrat, seien seine Eltern skeptisch gewesen, erzählt Sven. Die Konservativen, das waren in seiner Familie eigentlich immer "die, die man nicht wählt". Ihr Kreuz machen die Richters eher bei der SPD oder den Linken. Ein bisschen war es auch Zufall, dass er in der Union landete. Als er 16 Jahre alt war, ging er zu einem Volleyballspiel, das die Schüler Union organisiert hatte. Sven sagt, er habe nicht gewusst, dass die Organisation zur CDU gehört, er habe einfach Lust auf Volleyball gehabt. "Bei dem Spiel wurde ich dann direkt in die Gruppe und die Organisation eingebunden", erinnert er sich. Heute fühlt er sich in der Partei wohl: "Was mir wirklich gut gefällt, ist, dass dort alle möglichen Meinungen toleriert werden", sagt er.

Vielleicht ist seine Entscheidung, zu bleiben, gar nicht so individuell, wie sie ihm erscheint.

Doch seine Parteifreunde sind ihm manchmal noch fremd. Bei seinen ersten Treffen mit der Ortsgruppe der Jungen Union hätten da fast nur geschniegelte Typen im Anzug gesessen. Ganz viele Philipp Amthors sozusagen. Auch über Studierende, die mit den BMWs ihrer Eltern angeben, schüttelt Sven den Kopf. In seiner Familie gilt, dass man sich alles selbst erarbeiten muss. Schnurgerade Lebensläufe sind ihm suspekt. Vielleicht auch, weil auch in seinem Leben nicht immer alles glattlief. Als Kind wurde er in der Schule jahrelang gemobbt. Als Jugendlicher fuhr ihn ein Autofahrer an einem Kreisverkehr um und floh. Sven verbrachte ein Jahr in Krankenhäusern und Reha-Kliniken, musste eine Klasse wiederholen. Der Fahrer wurde nie ermittelt.

Sven will sich frühestens in zehn Jahren auf eine Wahlliste für den Dresdner Landtag setzen lassen. Vorher will er arbeiten, vielleicht in einer gemeinnützigen Stiftung. Er ist der Erste in der Familie mit Abitur, der Erste, der studiert. Seine älteren Brüder mussten Zwickau noch verlassen, um eine Ausbildungsstelle zu finden. Zwei der drei gingen in den Westen, nach Darmstadt und Frankfurt. Heute werden auch hier in Zwickau Fachkräfte dringend gesucht, die Arbeitslosenquote ist mit vier Prozent geringer als etwa in Hamburg oder Köln.

Dass Sven geblieben ist, bedeutet auch, dass er bleiben konnte. Vielleicht ist seine Entscheidung am Ende gar nicht so individuell, wie sie ihm erscheint. Vielleicht steht sie für eine Jugend im Osten, die nicht mehr entweder die Heimat oder eine gesicherte Zukunft wählen muss. Die nicht nach Frankfurt oder Darmstadt gehen muss, um zu arbeiten. Und nicht nach Berlin, um politisch etwas zu verändern.