Wie kann ich reagieren, wenn mir jemand von einer Depression erzählt, von einer Angststörung oder einem Trauma? Unsere Autorin machte sich auf die Suche nach Antworten.

Passt schon

Der Umgang mit psychischen Erkrankungen wird offener – auch dank einer jungen Generation, die sich traut, darüber zu sprechen. In unserer Serie "Passt schon" beschäftigen wir uns mit dem Reden über die Psyche. Wie kann man als Nichtbetroffene besser über psychische Probleme sprechen?

Manchmal bekommt man auf eine banale Frage keine banale Antwort. Vor einiger Zeit schrieb ich eine Nachricht an Noa. Noa soll in diesem Text anonym bleiben, auch das Geschlecht spielt keine Rolle. Wir hatten uns während des Studiums kennengelernt, gut verstanden, aus den Augen verloren. Also mal wieder eine Nachricht: was Noa gerade mache und wo, dazu ein schnelles "Ich hoffe, dir geht's gut?"

Nein, das tat es nicht. Stattdessen: Depression, wieder auf die Beine kommen, mal sehen. Noa schrieb das ganz selbstverständlich als Antwort auf meine Frage, die eigentlich keine Frage war, sondern eine Unterstellung.

Wie kann ich über psychische Erkrankungen sprechen?

Ich überlegte lange, was ich antworten könnte. Ich hatte Angst, dass ich Noa mit meiner banalen Frage verletzt oder wütend gemacht hatte – und dass ich mit meiner nächsten Nachricht alles nur noch schlimmer machen würde. Ich konnte mich nicht entscheiden, ob eine Nachfrage dringend angebracht war – oder ob ich damit eine Grenze überschreiten und in Noas Privatsphäre eindringen würde. Vor allem schämte ich mich, dass ich mich so dumm anstellte.

Am Ende reichte es nur zu einem "Ich hoffe, es geht dir wieder besser?". Als Facebook den blauen Haken anzeigte – Nachricht zugestellt – hätte ich mich am liebsten geohrfeigt.

Wie kann ich, die ich nicht weiß, was eine psychische Erkrankung mit einem Menschen macht, über psychische Erkrankungen sprechen? Diese Frage ließ mich nicht mehr los. Ich wollte Antworten und Strategien finden, meine Unsicherheit loswerden. Ich fragte Noa, schrieb Gareth, der an meiner alten Uni einen TEDx-Talk zum Thema gehalten hatte, sprach mit Freunden. Dann googelte ich: Ich wollte eine Psychologin finden, eine Expertin, die sich auskennt mit dem Reden über psychische Erkrankungen. Auf der zweiten Seite, erster Eintrag, erschien ein Blogbeitrag von Julia.

Julia heißt mit vollem Namen Julia Katharina Faulhammer. Sie ist 26 Jahre alt, hat Psychologie in Chemnitz studiert und bloggt unter bluetenstille.com über psychische Erkrankungen, auch ihre eigenen. Julia schreibt, sie lebe seit knapp zehn Jahren mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung; das heißt, sie hat Dinge erlebt, die sie nicht verarbeiten konnte. Außerdem habe sie depressive Episoden und eine Agoraphobie, also Angst davor, das Haus zu verlassen. Mit ihrem Blog wolle sie gegen Unwissenheit und Stigmatisierung anschreiben – und Fragen beantworten, die auch ich mir stelle: Wie kann man reagieren, wenn jemand einem von den eigenen psychischen Problemen erzählt? Und was sollte man tunlichst nicht zu einem Betroffenen sagen?

Ich schrieb Julia eine E-Mail, verwarf sie wieder, schrieb von Neuem. Julias Erkrankungen flößten mir Respekt ein: Trauma, Depression, kann das Haus nicht verlassen. Wie bei Noa und vielen Menschen davor wollte ich nichts Falsches sagen. Irgendwann schickte ich die E-Mail ab.

Julia antwortete zwei Tage später. Sie habe Interesse an einem Interview, könne aber nicht telefonieren. Später wird sie erklären, dass ein Telefonat für sie viel Stress bedeute, dass sie sich stundenlang darauf vorbereiten müsse. Wir verabredeten uns für ein Gespräch via Facebook-Messenger.

Diesmal habe ich einen Vorteil: Anders als bei Noa weiß ich, dass Julia psychisch krank ist. Ich weiß, dass sie auf ihrem Blog offen über ihre Erkrankungen spricht. Deshalb traue ich mich, danach zu fragen.

Zwischen meiner Frage und Julias Antwort liegen acht Minuten. Insgesamt wird unser Gespräch über drei Stunden dauern. Immer wieder schickt Julia Emojis, fast alle sind fröhlich, lachen und zwinkern.

Eigentlich hätte ich noch eine Nachfrage. Ich möchte wissen, was oder wer Julia traumatisiert hat. Aber mein Gefühl sagt, dass danach zu fragen falsch wäre. Ich beschließe, darauf zu hören – ich bin nicht sicher, ob aus Feigheit oder aus Respekt vor der Person, die 250 Kilometer entfernt auch vor Facebook sitzt.

Akzeptiere ich eine Krankheit nur dann als solche, wenn ich sie sehe? Wenn die Betroffene einen Gips am Bein trägt oder Rotz aus ihrer Nase läuft? Julia wünscht sich eine Gesellschaft, in der die Psyche genauso selbstverständlich krank sein darf wie der Körper. Und in der dieses Kranksein nicht ständig infrage gestellt wird. Das leuchtet mir ein.

Und trotzdem, es gibt einen Unterschied: Ich weiß, wie sich eine Erkältung anfühlt, ich kann mir vorstellen, wie schmerzhaft ein Beinbruch sein muss. Was im Kopf eines depressiven Menschen passiert, kann ich nicht nachvollziehen. Und noch etwas ist anders.

Julia ist eine Betroffene. Sie kann nicht für die Millionen anderen Betroffenen sprechen, das sagt sie selbst. Doch was sie schreibt, habe ich auch von anderen gehört.

Noa zum Beispiel sagte mir, Betroffene würden nicht aus Versehen von psychischen Problemen erzählen, darum sei es nie tabu, nachzufragen. Außerdem gab Noa mir den Tipp, zu überlegen, welche Reaktion ich bei einer Grippe angemessen finde – und ob oder warum ich bei psychischen Erkrankungen andere Maßstäbe anlege.

Und Gareth Griffith, ein 28-jähriger Engländer, fordert in seinem TEDx-Talk "Why big boys don't cry" genau wie Julia, dass wir alle über psychische Gesundheit sprechen sollten. Als ich Gareth ein paar Monate nach dem Talk via Skype fragte, was genau er damit meint, sagte er: "Nicht jede Unterhaltung muss ein Gespräch über psychische Gesundheit sein. Aber das Thema sollte auf dem Tisch liegen. Es sollte okay sein, zu sagen: Ich fühle mich beschissen, ich hatte diese Woche viele Panikattacken." Beim Mittagessen mit Kolleginnen, beim Bier mit Freunden: Überall sollte über psychische Gesundheit gesprochen werden können, sagt Gareth. Und das betreffe nicht nur psychische Erkrankungen: Jeder und jede solle die Möglichkeit haben, offen zu sagen, wenn es ihm oder ihr schlecht gehe – auch als Frühwarnsystem. "Sich schlecht zu fühlen, ist etwas, das uns allen passiert. Es macht uns nicht weniger gut, es macht uns menschlich. Es ist etwas so grundlegend Menschliches, für das wir uns so schämen."

Fünf Tipps – und eine ehrliche Frage

Es geht also nicht nur darum, eine Gesellschaft zu schaffen, in der die Psyche genauso selbstverständlich krank sein darf wie der Körper – sondern auch eine, in der über beides mit der gleichen Selbstverständlichkeit gesprochen wird. Dass Noa mir von psychischen Problemen erzählt hat, zeigt, dass das manchmal schon passiert. Dass es mir so schwergefallen ist, zu antworten, zeigt, dass es noch nicht oft genug passiert.

Auf meiner Gedankenliste stehen jetzt fünf Punkte, wie ich beim nächsten Mal besser reagieren kann, wenn mir jemand von Depressionen erzählt, von einer Angststörung oder einem Trauma:

  • Für das Vertrauen bedanken
  • Gefühle ehrlich ausdrücken
  • Fragen stellen
  • Wie eine normale Krankheit behandeln
  • Respekt

Und da steht noch etwas: Ich will in Zukunft nicht mehr voraussetzen, dass es anderen gut geht, so wie ich es bei Noa getan habe. Ich will ehrlich fragen. Und ehrlich antworten.