Generation Psychotherapie – Seite 1

Sind junge Menschen heute häufiger psychisch krank? Zumindest kämpfen sie mit einer Welt, in der man alles durch die Psycho-Brille betrachtet.

Passt schon

Der Umgang mit psychischen Erkrankungen wird offener – auch dank einer jungen Generation, die sich traut, darüber zu sprechen. In unserer Serie "Passt schon" beschäftigen wir uns mit dem Reden über die Psyche. In diesem Text geht unser Autor der Frage nach, ob junge Menschen heute besonders häufig psychisch krank sind.

Zwei Menschen sitzen angezogen in einer leeren Badewanne und warten auf eine Träne. Es ist die Badewanne, in der die Mutter des Mannes ertrunken ist. Und die Träne, auf die die Frau wartet, ist die vermeintlich erste seit diesem tragischen Tod. Das ist die vielleicht zarteste Szene zwischen Zach Braff und Natalie Portman im Film Garden State. Als die Träne endlich kommt, versucht Portman, sie mit einem Becher einzufangen. "Scheiße, das tut so weh", sagt Braff. Der Film ist aus dem Jahr 2004. Er reiht sich ein in eine lange Geschichte von amerikanischen Suburbia-Coming-of-Age-Filmen. Viele taten ihn als Emo-Film ab und vergaßen ihn schnell. Doch man kann in diesem Film so viel mehr sehen: Er ist ein früher Beweis dafür, dass junge Erwachsene zunehmend nach dem Zugang zu ihren Gefühlen suchen, die die Generation ihrer Großväter noch erfolgreich verschüttete. Und er könnte noch etwas zeigen: Wie zerbrechlich junge Menschen heute sind.

Aus dieser Zerbrechlichkeit wird gern ein Vorwurf gemacht. Sie ist zu einem Motiv geworden, das in keinem Abgesang auf die Millennials fehlen darf: Junge Leute beschweren sich ständig und bemitleiden sich selbst. Sie nehmen sich den kleinsten Streit zu Herzen. Sie sind verweichlicht, dabei geht es ihnen doch so viel besser als allen Generationen vor ihnen ("Opa war im Krieg!").

Und bei der erstbesten Sinnkrise laufen sie gleich zum Therapeuten.

Man könnte sich in diesem Vorwurf bestätigt sehen, wirft man einen Blick auf den Arztreport der Barmer-Krankenkasse: Eineinhalbmal so viele psychisch Kranke wie noch 2005, mehr Angstgestörte, mehr Menschen mit Panikattacken, fast zweimal so viele Depressive zählte der Report unter den 18- bis 25-Jährigen (Barmer Ärzte-Report, 2018, pdf). Wächst da eine Generation psychisch kranker, trauriger, arbeitsunfähiger, gestresster junger Menschen heran? Eine Generation, die unter den gesellschaftlichen Veränderungen leidet, biegt und seelisch zerbricht? Eine Generation Psychotherapie? Die Antwort lautet: Könnte sein – aber es hat einen guten Grund.

Die Suche nach der Generation Psychotherapie beginnt nicht bei einem Film, sondern bei Statistiken. Um herauszufinden, ob junge Menschen besonders häufig psychische Probleme haben, helfen die Krankenkassen-Daten kaum. Denn sie zeigen nur, dass die Zahl der Diagnosen zugenommen hat. Wer wirklich wissen will, wie sehr junge Menschen in Deutschland unter psychischen Erkrankungen leiden, braucht andere Studien. Studien, bei denen man quasi an Türen klopft und Menschen Fragen stellt: Sind Sie häufig traurig? Kommen Sie morgens nicht aus dem Bett? Sehen oder hören Sie Dinge, die andere nicht sehen können? Diese Studien zeigen: In keiner Altersgruppe fühlen sich die Menschen psychisch schlechter als zwischen 18 und 29. Mehr als jeder Dritte, fast zwei von fünf Menschen hatten hier irgendeine psychische Erkrankung – von der Schizophrenie über die Angststörung bis zur Depression (Die Psychiatrie: Jacobi & Groß, 2014, pdf).

Götz Berberich wundern diese Zahlen nicht. Das Wort Zerbrechlichkeit benutzt er nicht, stattdessen spricht er von einer "Schwellenphase" oder einer Phase, in der "massive Umbrüche" passieren. Berberich ist Chefarzt der Klinik Windach am Ammersee, die sich um die Psyche junger Menschen kümmert. Diese "Schwellenphase", sagt Berberich, sei von einer ganzen Menge Entwicklungsaufgaben geprägt: Wenn man jung ist, muss man lernen, sich von seinen Eltern zu lösen, Partnerschaften zu führen, ein eigenes Leben aufzubauen, "überhaupt müssen sie erst einmal herausfinden: Was für ein Mensch bin ich?" In Berberichs Worten ausgedrückt: "Sie müssen innerpsychische Fähigkeiten ausbilden, die Emotions- und Impulskontrolle zum Beispiel verbessern" und Vertrauen in die eigene Person und die eigenen Entscheidungen entwickeln. Das klingt danach, als gebe es viel Platz, sich psychisch so richtig mies zu fühlen. Und wenn dazu auch noch eine genetische Veranlagung kommt oder ein soziales Netzwerk, das schwächelt, dann kann daraus eine handfeste Depression oder Angststörung entstehen.

Und Götz Berberich sagt noch etwas: "Noch vor 100 Jahren wusste ich mit 14, ich werde Bäcker, weil mein Vater ein Bäcker war. Heute ist vieles so beliebig. Die jungen Menschen wissen: Ich kann überall arbeiten, ich kann alles werden. In dieser Welt noch Halt zu finden, ist für viele junge Menschen ungemein schwer." Und viele täten sich schwer, zurechtzukommen in einer Welt, in der alles "gleich gültig" sei.

Die Psycho-Brille

Ob dieser gesellschaftliche Wandel dazu geführt hat, dass heute mehr junge Menschen psychisch krank sind, müssen ein weiteres Mal die Statistiken beantworten. Im Allgemeinen scheint die Zahl der Menschen mit psychischen Erkrankungen seit 20 Jahren erstaunlich stabil zu sein (International Journal of Methods in Psychiatric Research: Jacobi et al., 2014). Rund 30 Prozent der Deutschen leiden im Zeitraum eines Jahres an einer Depression, Angststörung oder anderen psychischen Erkrankung. Schaut man sich nun die Daten der Erhebung von 1997 an, dann stellt man fest: In jeder Altersgruppe trifft es ungefähr gleich viele Menschen (Psychological Medicine: Jacobi et al., 2004). Anders sieht es bei den aktuelleren Daten aus: Hier sind die unter 35-Jährigen etwas häufiger psychisch krank als Ältere. Auch wenn genaue Analysen dazu noch fehlen, könnte es hier einen Trend geben. Womöglich also sind heute mehr junge Menschen psychisch krank als früher (International Journal of Methods in Psychiatric Research: Jacobi et al., 2014). In eine ähnliche Richtung deutet auch eine Studie, die im vergangenen Jahr erschien und sich die Häufigkeit von Depressionen anschaute (BMC Psychiatry: Bretschneider et al., 2018). Sie zeigt: Der Anteil derer, die im letzten Jahr eine schwere depressive Episode hatten, stieg zwischen 1997 und 2012 bei jungen Frauen auf das Doppelte an, während er sich bei älteren Frauen halbierte. Bei Männern blieb er gleich. Halten wir also kurz fest: Ja, junge Menschen sind besonders häufig psychisch krank und möglicherweise nimmt die Zahl junger Erwachsener mit psychischen Erkrankungen, vor allem Frauen, auch zu.

Deutlich stärker als die Zahlen könnte sich aber verändert haben, wie junge Menschen heute mit psychischem Leid umgehen. Laut dem Barmer-Bericht ist die Zahl der Diagnosen rasant angestiegen. Einerseits spiegelt dieser Anstieg sicher einfach wider, dass Ärzte besser darin geworden sind, psychische Erkrankungen zu erkennen, sie häufiger Diagnosen stellen und, dass es immer mehr Therapeuten gibt. Das ist eine sehr gute Entwicklung für all jene, die an einer psychischen Erkrankung leiden.

Dass die Zahl der Diagnosen (bei allenfalls leicht steigender Krankenzahl) steigt, könnte aber auch daran liegen, dass junge Menschen heute besser über psychische Krankheiten Bescheid wissen als jemals zuvor. Das zeigen die Daten des Mediziners Matthias Claus Angermeyer. Er verglich Studien, deren Autorinnen und Autoren in den vergangenen fünfzig Jahren verschiedenen Menschen Fallgeschichten von Menschen mit Depression und Angststörung vorgelegt hatten. Und tatsächlich: Über die letzten Jahrzehnte erkannten immer mehr Menschen in so verschiedenen Ländern wie Polen, Schottland und den USA, die Depressionen und Angststörungen, die in den Fallgeschichten geschildert wurden (Acta Psychiatrica Scandinavica: Schomerus, Angermeyer et al., 2012).

Immer mehr Menschen sind bereit zur Therapie

Hinter dem Wissen über psychische Krankheiten steckt aber eine noch viel tiefgreifendere Veränderung. Etwas zugespitzt könnte man sagen: Heute wird alles durch die Psycho-Brille betrachtet. Wenn Psychiater wie Jörg Berberich – wie weiter oben geschehen – von "Impulskontrolle" oder "innerpsychischen Fähigkeiten" reden, dann braucht das heute keine Übersetzung in einfache Sprache mehr. Psychologische und psychiatrische Begriffe haben sich nach und nach in die Alltagssprache hineingeschlichen. Das ganze 20. Jahrhundert, so beschreibt es die israelische Soziologin Eva Illouz in ihrem Buch Die Errettung der modernen Seele, sei von einer Emotionalisierung der Sprache und des Denkens geprägt. Der "therapeutische Diskurs" sei so mächtig geworden, weil er sämtliche Sphären durchdrungen hat: Familienleben (der "Ödipus-Komplex" soll den Streit des Sohnes mit dem Vater erklären), Unternehmen (der Chef soll einfühlsam sein, gleichsam aber negative Gefühle wie Scham, Wut und Schuld unterdrücken können) und die Popkultur (von Woody Allen bis Tony Soprano). Und mit der Ratgeberliteratur habe dieser "therapeutische Diskurs" sogar ein eigenes, extrem erfolgreiches Genre geschaffen.

Wenn man so will, steckt hinter der Zunahme der Diagnosen also eine Therapeutisierung unserer Probleme. Natürlich müssen schwerwiegende psychische Krankheiten behandelt werden. Aber "die Leute [dächten] heute, sie müssten bei jeder Lebenskrise zum Therapeuten laufen", sagte der Psychiater und Buchautor Manfred Lütz der Frankfurter Rundschau. "Da geht es aber um existenzielle Probleme: Liebt man jemanden oder nicht? Handelt man moralisch? Was ist der Sinn des Lebens? Da ist es viel besser, mit jemanden zu sprechen, der das eigentliche Leben kennt." Und wer ist das? Vielleicht die Menschen, die früher einmal als weise galten, die eigene Oma zum Beispiel.

Das ist sicher ein guter Ratschlag, löst aber nicht alle Probleme. Der Weg zu den alten Institutionen der Weisheit ist nur bedingt möglich, denn die Therapeutisierung der Gesellschaft hat längst gewaltige Folgen. So schreibt Illouz: "Gefühle sind zu einer Form von [sozialem] Kapital geworden." Emotionale Intelligenz sei heute so gefragt wie kaum eine andere Charaktereigenschaft. Wer erfolgreich sein will, brauche sie, um ein dichtes Netzwerk an Kontakten zu knüpfen, zu pflegen und beruflich zu nutzen. Das festige heute stärker denn je den Status.

Es mag also sein, dass junge Erwachsene häufiger psychisch krank sind als ältere Menschen, weil das junge Erwachsenenalter eine anstrengende Lebensphase ist. Viel schwerer aber wiegt etwas anderes, wenn man die junge Generation verstehen will: Wenn Zach Braff und Natalie Portman im Film Garden State in der Badewanne sitzen, sie ihn fragt: "Wie fühlst Du Dich?" und er antwortet "geborgen", dann lernen ihre Figuren auch das richtige Vokabular, um in einer emotionalisierten Welt zurechtzukommen. Ihre Zerbrechlichkeit, über die so gern gespöttelt wird, ist notwendig geworden, um privat und beruflich voranzukommen. Und dass junge Menschen in der westlichen Welt im Schnitt viel besser darin geworden sind, in sich hineinzublicken, ihre Gefühle bewusst wahrzunehmen und zu artikulieren, führt eben auch dazu, dass sie stärker bereit sind, sich therapieren zu lassen. Wenn es stimmt, dass Gefühle zu sozialem Kapital geworden sind, dann ist es doch klar, dass Menschen sich um sie kümmern, sie pflegen und an ihnen arbeiten. Und wo könnten sie das besser als in einer Psychotherapie?