ZEIT Campus ONLINE: Was kann ich denn persönlich ganz konkret machen, wenn ich vermute, dass etwa ein Kommilitone unter einer psychischen Erkrankung leidet?

Richter-Werling: Wichtig ist es, den Mut zu haben, die Person anzusprechen. Einfach sagen: "Ich mache mir Sorgen um dich, weil du nicht da bist" oder fragen "Wie kann ich dir helfen?". Manche Menschen wollen, dass man sie anspricht, andere wollen das nicht. Aber: Die Person nicht einfach aufzugeben, ist entscheidend. Manchmal kann auch ein Flyer von einer psychosozialen Beratungsstelle helfen.

ZEIT Campus ONLINE: Und wenn es mir selbst nicht gut geht? Wie unterscheide ich denn normale Zukunftsangst von einer Angststörung?

Richter-Werling: Hilfe sollte man sich holen, wenn man sein Leben nicht mehr so meistern kann, wie man das normalerweise tut. Die Erkenntnis, dass man Hilfe braucht, ist der erste Schritt. Welche Hilfen nötig sind, sollte dann gemeinsam mit professionellen Helfern wie Psychologen oder Ärzten besprochen werden.

ZEIT Campus ONLINE: Das Leben nicht mehr meistern: Was heißt das konkret?

Richter-Werling: Wenn ich etwa morgens nicht mehr aufstehen kann, das Haus nicht mehr verlassen und nicht mehr unter Leute gehen kann, unter Schlafstörungen leide, Alkohol und Drogen brauche oder mich selbst verletze. Das sind einige Warnzeichen. Wenn die länger anhalten, sollte man sich Hilfe holen. Wichtig ist auch, dass man während so einer Krise niemals eine wichtige Entscheidung trifft, wie etwa das Studium abzubrechen. Mit so etwas sollte man definitiv warten, bis es einem wieder besser geht.

ZEIT Campus ONLINE: Es ist also nicht das Studium an sich, das krank macht, vielmehr fällt das Studium in eine Zeit der Unsicherheit. Welche Faktoren führen dazu, dass aus normalem Zweifeln eher psychische Erkrankungen werden?

"Die Erkenntnis, dass man Hilfe braucht, ist der erste Schritt."
Manuela Richter-Werling

Richter-Werling: Da kommt vieles zusammen: biologische, genetische, psychosoziale Faktoren und dann gibt es oft den berühmten "Tropfen", der das Fass zum Überlaufen bringt. Außerdem gibt es einen klaren Zusammenhang mit schlechten ökonomischen Verhältnissen: Armut macht junge Menschen krank, das kann man festhalten. Dass nur etwa 18 Prozent der Studierenden Bafög bekommen, sollte uns in diesem Zusammenhang Sorgen machen. Hinzu kommt der im Vergleich zu Azubis hohe Suchtmittelkonsum unter Studierenden.

ZEIT Campus ONLINE: Von denen, die erkranken, begibt sich nur jeder Fünfte in Behandlung. Warum meiden so viele professionelle Hilfe?

Richter-Werling: Ein wesentliches Hindernis sind die Vorurteile und Ängste, über die wir schon gesprochen haben. Die sind vor allem bei Suchterkrankungen stark. Hinter einer Sucht liegt meist eine massive psychische Erkrankung, die Abhängige mit Alkohol, Tabletten und anderen Drogen versuchen, selbst zu "behandeln". Der Schamfaktor ist dann umso größer. Damit hängt auch die hohe Suizidrate bei Suchtkranken zusammen.

ZEIT Campus ONLINE: Oft ist es ja auch gar nicht so leicht, sich in Behandlung zu begeben, da es zu wenig Therapieplätze gibt.

Richter-Werling: Bei der psychiatrisch-psychotherapeutischen Versorgung sind wir noch nicht da, wo wir sein sollten. Da kommt es aber auch stark darauf an, wo man studiert. In Großstädten ist die Versorgung oft besser als im ländlichen Raum. Ich sehe aber, dass sich die Hochschulen, die psychosozialen Beratungsstellen, aber auch die Beauftragten für Studierende mit Beeinträchtigungen zunehmend mit den Einrichtungen vor Ort vernetzen. Und manchmal reicht es schon, dass psychische Beeinträchtigungen in der Prüfungsordnung berücksichtigt werden.

ZEIT Campus ONLINE: Wie soll das helfen?

Richter-Werling: Mit einer leichten Depression oder einer Angststörung kann man trotzdem eine Prüfung schreiben – aber unter anderen Bedingungen. Da kann es schon helfen, wenn die Prüfung nicht im großen Hörsaal geschrieben werden muss, sondern alleine in einem kleineren Raum. Das sind Dinge, die ziemlich leicht umzusetzen sind. Stattdessen werden die Studierenden benachteiligt, weil ihre Krankheit unsichtbar ist. Das ist eben auch eine Form von Diskriminierung.