Studierende sind anfällig für psychische Erkrankungen. Inzwischen trauen sie sich, offener darüber zu sprechen – und verändern damit auch die Haltung der Unis.

Passt schon

Der Umgang mit psychischen Erkrankungen wird offener – auch dank einer jungen Generation, die sich traut, darüber zu sprechen. In unserer Serie "Passt schon" beschäftigen wir uns mit dem Reden über die Psyche.

Manuela Richter-Werling hat den Verein "Irrsinnig Menschlich e. V." mitgegründet. Ziel des Vereins ist es, über psychische Gesundheit aufzuklären – und Vorurteile gegenüber Menschen mit psychischen Erkrankungen zu verringern. Im Interview erklärt Richter-Werling, was man tun kann, um sich selbst und anderen zu helfen.

ZEIT Campus ONLINE: Mit den besten Freunden in einer WG leben, Partys jeden Abend und maximal zwei Vorlesungen in der Woche: so die weitverbreitete Vorstellung vom Studentenleben. Was stimmt nicht an diesem Bild?

Manuela Richter-Werling: Ich glaube, alles. Studieren ist sicherlich für die meisten eine sehr schöne Zeit, für den einen oder die andere mag sogar die Beschreibung zutreffen. Aber eben nicht für alle: Denn Studierende sind besonders anfällig für psychische Erkrankungen. Der Ärztereport 2018 der Krankenkasse Barmer hat etwa herausgefunden, dass bei 17 Prozent der Studierenden mindestens eine psychische Erkrankung diagnostiziert wurde.

ZEIT Campus ONLINE: Haben diese Erkrankungen unter Studierenden zugenommen?

Richter-Werling: Die Statistik sagt nein und meine persönliche Erfahrung bestätigt das. Als ich Anfang der Siebziger studiert habe, waren allein in meiner Seminargruppe von 15 Studenten zwei an Depression erkrankt, eine davon hat sich das Leben genommen. Eine andere Studentin litt an Schizophrenie. Ich glaube, das ist schon immer häufig vorgekommen, nur wusste man damals noch nicht so viel über das Thema. Man sprach nicht darüber und ging dann auch nicht zum Arzt.

ZEIT Campus ONLINE: Heute wird also nur offener über die Erkrankungen gesprochen?

Richter-Werling: So ist es – und das ist ein Riesenschritt! Der psychischen Gesundheit kommt in unserer Gesellschaft heute eine viel größere Rolle zu. Psychische Krisen und Hilfen dafür selbstverständlich besprechbar zu machen, das wirkt wie ein Icebreaker, um sich angemessen mit psychischer Gesundheit zu beschäftigen. Es gibt keine Gesundheit ohne psychische Gesundheit. Vor allem in der Arbeitswelt geht es nicht mehr so sehr um Muskelkraft. Viele Herausforderungen beziehen sich auf die Psyche. Vor allem junge Menschen sitzen heute bei der Arbeit oft vor Bildschirmen. Da brauchen wir eine gesunde Psyche. Deswegen kommt psychischem Wohlbefinden in unserer Gesellschaft heute eine viel größere Rolle zu.

ZEIT Campus ONLINE: Warum werden Auszubildende seltener psychisch krank als Studierende?

Richter-Werling: Das kann man nur mit Vorsicht sagen, denn es gibt dazu kaum Studien. Im Grunde ist das Studium eine Zeit, die Azubis gar nicht haben. Es ist ein Trainingscamp, um sich auszuprobieren und Krisenbewältigung zu lernen. Eine Ausbildung dagegen ist viel strenger strukturiert. Dabei ist dies eine sehr empfindliche Zeit, in der viele Aufgaben auf einmal gelöst werden müssen: Ausbildung, Berufseinstieg, Liebesbeziehungen, Familie gründen. Das sind Lebensaufgaben, die in kurzer Zeit bewältigt werden müssen. Studierende, so erleben wir das, machen sich viele Sorgen über diese Dinge. Angst und Zweifel gehören da dazu und Studierende haben vielleicht ein wenig mehr Raum, diese auch zuzulassen.

ZEIT Campus ONLINE: Sie haben im Jahr 2000 den Verein "Irrsinnig Menschlich" mitgegründet. Wie versuchen Sie, junge Menschen zu unterstützen?

Richter-Werling: Wir versuchen, ein Klima zu schaffen, in dem über psychische Krisen offen geredet werden kann. Die meisten psychischen Erkrankungen beginnen vor dem 24. Lebensjahr, deswegen gehen wir in Schulklassen mit unseren "Verrückt? Na und!"-Schultagen, in Hörsäle mit unserem Forum "Psychisch fit studieren" und in Firmen zu Auszubildenden mit "Psychisch fit arbeiten". Viele Betroffene suchen sich aus Angst vor Stigmatisierung viel zu spät Hilfe. Wir hoffen, dass wir diese Zeitspanne verkürzen können und sich Menschen bei seelischen Krisen schneller Unterstützung holen. Sei es in der Familie, Schule, Hochschule, bei Psychologen und Ärzten.

"Psychischem Wohlbefinden kommt in unserer Gesellschaft heute eine viel größere Rolle zu."
Manuela Richter-Werling

ZEIT Campus ONLINE: Hat sich in der Haltung der Hochschulen zu dem Thema etwas geändert?

Richter-Werling: Mittlerweile nehmen die Hochschulen das Thema ernster. Es gibt mehr psychosoziale Beratungsstellen bei den Studentenwerken. Und das ist wichtig: Jeder dritte junge Mensch, der ein Studium beginnt, hat schon in der Kindheit und Jugend Erfahrungen mit psychischen Krisen gemacht. Im Laufe seines Lebens hat sogar jeder dritte bis vierte Mensch eine behandlungswürdige psychische Erkrankung. Die Frage, wo es an der Uni Unterstützung für Studierende gibt und die Tatsache, dass psychische Krankheiten nicht tabuisiert werden, ist für junge Menschen absolut wichtig.

ZEIT Campus ONLINE: Wie reagieren die Studierenden auf Ihre Arbeit?

Richter-Werling: "Psychisch fit studieren" kommt super an. Mittlerweile waren wir damit an fast 50 Hochschulen bundesweit. Dabei geht es darum, Warnsignale zu erkennen und sich und anderen helfen zu können. Das alles mit persönlichen Experten, also jungen Menschen, die selbst betroffen waren und ihre Lebenserfahrungen mit den Studis teilen. Für die jungen Menschen ist es oft toll, einfach zu merken, dass sich Menschen an der Hochschule darum kümmern, dass sie nicht alleine sind. Schon das macht vielen Mut.